Ein heiliges Durcheinander

geposted von julianlange
19.09.2010 18:00
Ist Israel ein Land ohne Fußballliteratur? Wurde Assaf Gavron im taz-Interview gefragt. "Aktuell leider ja. In Israel dominiert die Politik", antwortete er. Nichts in Israel bleibt unbegründet, jeder Schritt muss moralisch und philosophisch vor der Welt rechtfertigt werden. So etwas wie ein Bericht von julianlange.

  Das unbetitelte Bild des israelischen Künstlers Adi Nes, ausgestellt im Israel Museum in Jerusalem.
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Israel ist unfassbar. Ich hatte in einem Text vor meiner Reise ins Heilige Land angekündigt, die Schnittmengen zwischen Idee „Jeretz Israel" und Israel als Realie zu analysieren und nachher an dieser Stelle zu berichten. Es kann mir nicht gelingen. Ersatzweise erzähle ich Geschichte und Geschichten, die vor allem eins zeigen: Nichts ist einfach in Israel, alles bedarf komplexer Antworten. Es sind nicht mehr als fragmentarische Schlaglichter, ich will nicht riskieren, in allzu jungen Jahren den Friedensnobelpreis zu erhalten.

Obgleich über Israel als heutiges staatliches Gebilde gesprochen wird, soll von Palästina die Rede sein. Ausdrücklich ist damit eine Region, ein Gebiet gemeint, nicht ein potenzieller Staat „Palästina“. Palästina ist seit jeher ein multinationales Gebilde (die sogenannten „Palästinenser“, ein Begriff, der erst im 20. Jahrhundert erfunden wurde und der nichts bezeichnet, sind als Begriff leider besetzt. Sonst könnten damit Juden, Christen, Drusen, Beduinen, äthiopische Juden, Araber und viele andere bezeichnet werden), im Durchschnitt wechselt dort seit Jahrtausenden alle hundert Jahre die ethnische Mehrheit.

Auf dem Bahnhof

Warten in der brütenden Hitze. Keine Anzeigetafeln und an den Zügen nur hebräische Schriftzeichen. Orientierungslos. Das Gleis wird nach Himmelsrichtungen ausgewählt, wo liegt Jerusalem? Tel Aviv – Ha´Hagana, Umsteigebahnhof für Soldaten. Überall stehen sie lässig in kleinen Gruppen oder einzeln. Das tun sie auch im Dienst, kaum zu unterscheiden, ob sie privat oder in Staatsdiensten unterwegs sind. Auffallend viele 17-Jährige in Machopose, breitbeinig stehend, beide Daumen in den Hosenbund gesteckt, das Sturmgewehr M16 mit gesichertem Magazin zwischen den Beinen baumelnd.
Soldatinnen in Uniform – ein Hingucker, auch wenn sie oftmals nur wenig größer sind, als die Waffen, die sie tragen.



  Ansicht des Berg des Gedenkens, mit dem dreieckigen Holocaustmuseum. Es symbolisiert einen halben Davidsstern, was auf die Halbierung des Judentums durch die Nazis verweist


Yad Vashem

Yad Vashem ist eine der bedeutendsten Holocaust-Gedenkstätten der Welt. Es ist ganz sicher die bedeutendste, die sich nicht an einem Ort der Shoa befindet, wie ja auch Palästina kein Ort der Shoa war. Das ist wichtig, denn Yad Vashem ist nicht nur ein Hügel des Gedenkens an die Opfer der Judenverfolgung, sondern das „Licht am Ende des Tunnels“ für die Juden. Yad Vashem ist Symbol und Erläuterung der Gründung des Staates Israel. Wenn man sich im Museum – unterirdisch, höllisch beginnend – durch die Geschichte der Vernichtung gehört, gelesen und gefühlt hat, unmerklich über eine schräge Ebene aufgestiegen ist, schaut man am Ende des langgezogenen Traktes durch eine offene Röhre hinaus auf das Land Israel und Jerusalem. Es ist die Metaerzählung des Staates Israel, die dem zugrunde liegt. Aus der Hölle der Konzentrationslager und von den Schlachtbänken in Majdanek, Sobibor, Belzec und Treblinka nimmt ein von Ausrottung bedrohtes Judentum Zuflucht („Aaliyah“) im biblischen Land, baut einen Staat aus dem Nichts, wird wehrhaft und verteidigt die eigene Rettung mit Klauen, Zähnen und amerikanischem Waffenarsenal. Am Ende steht ein grünes Land, das dem Messias alle Ehre machte, wenn er kommt.

Das ist auch der Grund, warum israelische Soldaten Exkursionen nach Yad Vashem machen, in Israel ist das Gedenken an die Ermordeten nicht unpolitisch oder allgemein moralisch besetzt, sondern Staatsgrundlage (Yad Vashem wurde auf Erlass des israelischen Parlamentes, Knesset, 1953 als staatliche Institution gegründet). Der offizielle Name der Gedenkstätte lautet folgerichtig und martialisch „Gedenkstätte der Märtyrer und Helden des Staates Israel im Holocaust“. Diesem Ansatz folgend soll dort auch nicht „den“ Schrecken des Holocaust schlechthin gedacht werden, sondern jedem einzelnen Menschen ein Denkmal („Yad“) gesetzt und ein Name („Shem“) gegeben werden.


  "Licht am Ende des Tunnels" - Blick aus dem Holocaust-Museum in Yad Vashem

Panorama

Blick aus dem Fenster. Im Vordergrund Trubel, Fastenbrechen, Lärm, fast nur Männer zu sehen. Rauchschwaden von Grill und Wasserpfeife ziehen durch die Luft. Ausgelassene Stimmung. Im Hintergrund die Stadtmauer der Jerusalemer Altstadt, der Vorplatz des Damaskus-Tores. Hinter einem Zaun eine Gruppe von zehn bis zwölf schwer bewaffneten Soldaten, finstere Mienen.

Tempelberg

Der biblische Berg Moriah ist in vielerlei Hinsicht das Zentrum der Welt. Geogenetisch ist der Hügel, der heute meist Tempelberg heißt (ein judäozentrischer Begriff, ein Muslim sagt Haram Ascharif, „das edle Heiligtum“) der Ursprung der Erde. In jüdischen Überlieferungen nimmt Gott von dort den Lehm, dem er Leben einhaucht und Adam nennt. Für den Bund Gottes mit dem Volk Israel ist besonders wichtig, dass hier die wichtigste Glaubensprüfung der Religionsgeschichte stattfand. Abraham sollte seinen Sohn Isaak auf diesem Berg opfern. Er tat es - beziehungsweise tat es nicht, weil ein Engel zuvor das Kind rettete. Die Geschichte ist auch für die Muslime von Bedeutung, hier sollte Abraham Ischmael opfern. Der Altar, auf den sich beide Überlieferungen beziehen, ist heute im Inneren des Felsendomes zu sehen.


  Felsendom aus der Ferne, näher kommen Touristen dem Prachtbau während des Ramadans nicht.

Do you know Byron?

Abends sitzen wir auf einer kleinen Marmortreppe in Ostjerusalem, essen Falafel. Um uns herum reger Betrieb, die Sonne ist bereits untergegangen. Es ist Ramadan und die Muslime feiern das tägliche Fastenbrechen mit Tee, Cola und Grillgut. Meine Freundin und ich sitzen und beobachten das Treiben. Ein Mann, weder alt noch jung, Palästinenser, kommt auf uns zu und spricht uns auf Englisch an. Ein Gespräch entwickelt sich, sein englisches Vokabular ist enorm. Nachdem er herausbekommen hat, dass wir beide studieren, erzählt er uns von seiner großen Liebe: englische Literatur, insbesondere der Romantik. Als ich die Namen Lord Byron und John Keats nenne, sind wir beinahe Freunde. Er hatte in Be´er Sheva studiert, wie jeder vernünftige Philologe hasste er Linguistik, die Zeichen stehen auf Verbrüderung. Dann fragt er mich, warum ich meine Freundin nicht bekehre.

Jericho

Die Stadt Jericho wird seit ungefähr 7.000 Jahren (die ältesten Überreste sind sogar 13.000 Jahre alt) kontinuierlich bewohnt und ist damit die älteste Stadt der Welt. Das Schicksal der Stadt ist auch tief im Herzen Palästinas versenkt (es ist übrigens auch die tiefstgelegene Stadt der Welt, 250 m unter dem Meeresspiegel). Es war die erste Stadt, die die Israeliten westlich des Jordans 1230 v. Chr. eingenommen haben (die berühmten Posaunen von Jericho brachten die Mauern wahrscheinlich nicht zu Fall, es gab sie nach herrschender Meinung gar nicht). Bis 1967 von Jordanien besetzt, im Sechs-Tage-Krieg von Israel erobert. 1994 als erste Stadt der palästinensischen Autonomiebehörde zugesichert und 2005 mit Ende der Zweiten Intifada auch tatsächlich übergeben.


  Ausgrabungen in Jericho.


Unser arabischer Führer, nachdem er uns im einzigen Touristenrestaurant am Platz verköstigt hatte, drang darauf, eine besondere Sehenswürdigkeit der Stadt Jericho zu besuchen. Eine Mauer, dahinter viel Grün, gepflegter Rasen, eine kleine Parkanlage. Inmitten der bitterarmen palästinensischen Stadt fließt ein kleiner Bach in einem gemauerten Bett. "Haltet die Füße rein, es ist kalt!" und "Ihr müsst davon trinken, es ist klar und schmeckt gut!" Für den Palästinenser aus Ostjerusalem war nicht etwa der Berg, auf dem Jesus getauft worden ist, das Highlight der Stadt, sondern eine Zisterne, die Wasser reinigt und den Bewohnern Jerichos in einem Bach zur Verfügung stellt. Und das ohne israelische Mittel. Stolz zaubert ein Strahlen auf sein Gesicht.

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