"I want to have a penis." Peaches does herself im HAU.

geposted von johanna
10.11.2010 09:00
Schwanenschwänze, Stripperinnen in Rente, Schamhaarbetten - "Vagina, öffne dich!".


  Girls wanna be her - boys wanna be her.
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Ich erwarte einiges im Vorfeld meines Opernbesuchs im HAU. Peaches zeigt "Peaches Does herself" - denn was kann sie besser als Sex und Egoshow?

Aber was dann passiert, kommt ebenso unerwartet wie überwältigend. Das HAU 3, dieses zauberhafte alte Theater, ist proppenvoll - überzählige Karten werden einem aus der Hand gerissen. So stelle ich mir Theaterstimmung in den Zeiten vor, in denen hier Ereignisse von gesellschaftlicher Relevanz verhandelt wurden. Wie an diesem Abend.

Als eine kleine Bühne die wissenschaftliche Einführung, die den Beginn der Oper bildet, einfach überrollt und der Rock beginnt, da wird nicht nur auf der Bühne geschrien, sondern im gesamten Raum. Das ist wichtig, was da passiert! Wir sind alle Teil davon, wollen unsere Grenzen überschreiten. Selbstermächtigung nicht nur nach Foucault, "bodies that matter" nicht gedacht, sondern gelebt. Peaches sitzt auf der Kante eines überdimensionalen schamhaarbedeckten Bettes, mittig eine vaginaförmige Öffnung, aus der plötzlich ganz viele Tänzer schlüpfen, in eng anliegenden Anzügen. Die Geschlechterzuordnungen, die ahnungsweise erfolgen, erübrigen sich größtenteils beim gegenseitigen Entkleiden - und machen sich damit quasi selbst überflüssig? Nee, denn "Im gonna fuck." Wen ich will, wann ich will. Menschen. Das "two guys for every girl" wird zum Sprengstoff überkommener Konventionen.


Im Laufe des Abends hören wir ganz viel Peaches, und die Retrospektive wird zum Kampfplatz gegen die Ordnung der Geschlechter. Peaches singt für ihr Recht auf einen Penis, und steht am Ende mit ihrem Plastikständer da wie ein trotziges Kind: Als Danni Daniels die Bühne betritt. Vorher bereits als entrückter Schwan mit perfekten Brüsten über die Bühne geschwebt, überschreitet er nun als enthüllter doppelgeschlechtlicher Mensch alle Grenzen und löst sie in der Ephemerität unbegreiflicher Schönheit auf. Hier löst sich etwas wie die Bedingungslosigkeit der menschlichen Existenz ein. Und für einen kurzen Moment erstirbt auch das euphorische Johlen im Saal. Wir staunen. Da kommt kein Trash gegen an.

Ohnehin sind es diese Momente, in denen "Peaches Does Herself" auch ästhetisch interessant wird - in denen es nicht nur musikalische Werkschau und politischer Beitrag ist, sondern auch mit dem Theaterraum spielt. Der Gestus, in dem hier Körper Raum bekommen, Menschen als Menschen erscheinen - sie alle scheinen das Theater als Ort der Freisetzung zu begreifen und -nutzen. Und gleichzeitig hält so etwas wie lebensweltliche Brisanz wieder Einzug: Hier wird getobt, gefeiert, gekämpft, gesprochen, gelebt, befreit. Die Luft voller Relevanz und Emphase. Das Bühnengeschehen geht den Zuschauerraum etwas an - und der die Bühne: Wir sind alle Protagonisten geschlechtsspezifischer Repressionen.


  Role model.

Doch nützt es noch wenig, das denken zu können - erst wenn das nicht mehr sein muss, sind wir drüber hinweg. Merke ich, als ich direkt im Anschluss an meine fassungslose Begeisterung Lust bekomme, mich von Neuem in die Gender-Theorie einzulesen. Und die Realität den sorgfältigen Anordnungen der Theorie wieder einmal nachsichtig wissend zunickt - Danni Daniels ist knallharte Hure. Just fuck.

Kommentare

19.11.2011 05:23
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10.11.2010 15:43
jan
sehr schön...
10.11.2010 11:09
klingt hammer! wäre gerne da gewesen.

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