Im eigenen Käfig

geposted von johanna
14.09.2009 14:04
Wie ich für einen Moment zu Kunst werden konnte und verstanden habe, warum Nähe so schwer ist.

  Dein Fuß an meinem Kopf.
Theater kann viele verschiedene Formen haben. Eine ziemlich interessante habe ich am 9. September 2009 im Pumpenhaus gesehen: Die Noa Dar Dance Group ist zu Gast aus Tel Aviv.
Bei einem Glas Rotwein warte ich auf einen (ent)spannenden Abend, darauf, den eigenen Sitzplatz einzunehmen und mir Gedanken zur Körperspannung auf der Bühne zu machen.
Als der Einlass dann beginnt, ein Ruf: „We need you to take your shoes off!“ - der erste Teil der individuellen Selbstperformance wird vor den Bühnentüren abgelegt.

Im Spielraum dann eine Konstruktion zur Ermittlung der Teilnahmefähigkeit. „How are you? Come in!“ Ich stelle mich hinein und luge durch ein Loch in die Höhe, meine Füße auf einem Höckerchen. Passt, „thank you!“, den Hocker darf ich mitnehmen und barfuß zu einer Art Spielbrett hinübermarschieren, wo ich auf meinen Einsatz warte.

Vor mir eine große Holzkonstruktion, ähnlich dem Eingangstest, nur wesentlich größer: Auf Holzstehlen ein großes Brett, darin neunundsechzig kreisrunde, kopfgroße Löcher, über jedem ein kleiner Käfig. Eine freundliche Stewardessenstimme bittet in Begleitung von loungiger Musik um Einnahme der Plätze – die Tänzer stehen einem zur Seite bei der Selbstplatzierung. Jeder Zuschauer besitzt ein eigenes Loch, durch das er auf ein weiteres Zeichen hin seinen Kopf in die Höhe reckt – und mitten auf der Bühne ist.

  Miteinander.

Um mich herum nur Köpfe in Käfigen – Mitmenschen so nah wie selten und doch unendlich weit entfernt. Wie sehr lässt sich einem Gesicht begegnen? Die Kontaktaufnahme zu seinem (bekannten) Nachbarn in hektischen Sprachfetzen, Aufforderungen, doch nochmal nach unten zu schauen, „das sieht lustig aus!“. Letzte Versuche, das normale Selbstgefühl zu bewahren. Dann: Körper ohne Köpfe, Köpfe ohne Körper. Kontakt zu sich selbst wird ermöglicht durch eine Videoprojektion des Geschehens unter der Bühne.

Die Tänzer nutzen den gesamten Raum, sie bewegen sich auf und unter der Bühne. Sie flehen sprachlos um Hilfe – ich schaue sprach- und bewegungslos durch die Stäbe meines Käfigs zurück. Laszive Blicke wechseln mit Agression, romantische Annäherungen verwandeln sich in verzweifelte Verstrickungen. Echter Kontakt nur möglich für wenige Minuten, dann wird die Nähe zu viel, der Partner flüchtet in die Agression, schlüpft dann durch das nächste Loch unter die Bühne.
Die Begegnung mit den Tänzern hat Auswirkungen auf die Begegnung mit den anderen Zuschauern. Mit der Zeit nehme ich alle Menschen als Teil des Stückes wahr, es wird möglich, sich ebenso anzuschauen wie die Schauspieler. Beinah fühle ich mich wie im Museum – jeder Kopf eine Installation. Plötzlich werden Mitmenschen zu ästhetischen Objekten.



Als wir in einer kurzen Pause alle wieder abtauchen und unter der Bühne auf unseren Höckerchen sitzen, herrscht Ratlosigkeit: Niemand hatte damit gerechnet, zwischendurch wieder in der Normalität zu landen. Und ohnehin: So ganz normal ist es auch nicht, mit 68 erwachsenen Menschen barfuß unter einer Bühne zu sitzen während aus den Luken Menschenköpfe baumeln oder ein BH neben den eigenen Sitzplatz fällt. Die Pause wird nämlich auch bespielt. Noch verschwommener wird hier die Grenze zwischen Spiel und Realität. Der Konflikt so unaufdringlich, dass man ihn kaum bemerkt. Als sich die Stewardess wieder meldet, steigen alle schnell wieder auf ihre Höckerchen – und merken erst später, dass sie den Platz wechseln sollen. Jetzt aber schnell zurück in den Kopf!

Allerdings nicht ganz: Die Tänzer agieren auch unter der Bühne. Dort kann es passieren, dass man an seinen Teil kopfabwärts erinnert wird – manchmal streift einen jemand, fast ist es eine Berührung. Die Reaktion darauf diffus: Ich bringe mich nur halb damit in Verbindung. Zwar verfolge ich weiterhin das Geschehen um meinen Kopf herum, würde aber gleichzeitig einem Kontakt unter der Bühne nicht meine Aufmerksamkeit verweigern. Die eine andere ist. Niemals würde ich den Kopf hinzunehmen – jetzt verstehe ich das Wort Bodylanguage. Als ein Versuch, das Geistige am Körperlichen zu benennen. Ich habe das Gefühl, den Körper als Geist und den Kopf als Körper denken zu können. Es kommt mir kontingent vor, meinen Kopf mit dem Sitz des Geistes zu identifizieren. Auch hier vollzieht das Stück einen Grenzgang.

Und doch: abgesehen von ästhetischen Überlegungen vermag mich die Inszenierung zunächst nicht sonderlich zu fesseln. Zu eindeutig scheint das Thema: Zwischenmenschlichkeit. Liebe. Ständig umgeben von einer Nähe, die heiß ersehnt und schwer zu ertragen ist Wir entkörperlichen unsere Blickwinkel, wir machen unsere Körper gedankenlos. Vielleicht kommt dadurch auch die neue Verhandlung um die Grenze zwischen Öffentlichkeit und Privatheit (die in den Pressereaktionen als Thema des Stückes verhandelt wird) zustande: Wenn nichts mehr wirklich Ich ist, dann ist ja an sich auch nichts öffentlich oder privat, außer das, was ich in einem Moment dazu mache. Wir haben uns als performative Subjekte erkannt und benötigen keinen festen Halt mehr ob unserer aktualen Selbsthervorbringung. Zumindest glauben wir das. Und ziehen uns vielleicht damit den Boden unter den Füßen weg. Wenigstens stehen die Hocker auf gekennzeichneten Plätzen.

  Ohneeinander.

Aber kaum genauer nachgedacht, läuft eine weitere Grenzüberlegung über das Spielfeld: Die zwischen Film und Theater. Wenn sich eins in diesem Stück erkennen lässt, dann dass diese beiden Phänomene miteinander verschmelzen, gegeneinander durchlässig werden. Das Theater hat sich hier eines Mittels bedient, dass normalerweise dem Film als Primat zugeschrieben wird: Der Nahaufnahme von Bewegungsbildern. Und es führt einem vor Augen (wie es der Film niemals könnte, da er zu selbstverständlich darüber verfügt), dass man für einen Moment dabei den Körper verliert. So nah bei etwas anderem zu sein, dass man den eigenen Halt verliert. Hier laufen Ästhetik und Thema des Stückes im Gleichschritt. Das eine durchdringt und bedingt das andere. Nähe//Distanz ist sowohl stilgebendes Element als auch verhandeltes Thema.

Und da man so ungern den Halt verliert, sieht man mit der Zeit immer mehr Finger, die sich an den Rand der Luke klammern. Damit man sich wenigstens selbst noch sieht und nicht nur in den Blicken der anderen spiegelt.


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Kommentare

15.10.2009 09:01
kate oh
hei, das hab ich mir auch angesehen, bzw. angetan ... beeindruckendes drunter und drüber, aber ich bin ein wenig zu close - trophobisch. schöner post.