Wanderung durch Max' Brandenburg

geposted von artifarti
14.05.2011 11:45
»Wenn Sie an Verstorbene denken: Wünschten Sie, daß der Verstorbene zu Ihnen spricht, oder möchten Sie lieber dem Verstorbenen noch etwas sagen?« So lautet eine Frage aus Max Frischs Fragebogen. Seit zwanzig Jahren ist Max Frisch nun selbst ein Verstorbener, am 15. Mai wäre er 100 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass tun ole und julianlange beides: mit Max Frisch reden, seine Texte sprechen lassen. Eine Wanderung.


 
Max Frisch wird einem in der Schule kaputt gemacht wie kein anderer. In der neunten Klasse gezwungen Homo faber zu lesen, sucht man vergebens den modernen Menschen, der sich in der Figur des Technokraten Faber verstecken soll (das behaupten zumindest die Klausuraufgaben). Zuvor schon wird Max Frisch auf die Bühne geholt, Biedermann und die Brandstifter gelesen und interpretiert, vielleicht auch noch Andorra mit dem Juden Andres, dessen Leid stellvertretend für all das steht, was Menschen im 20. Jahrhundert und zuvor an Ausgrenzung und Verfolgung ertragen mussten. Irgendwann erbarmt sich eine Theater-AG, eines dieser Stücke in der Schul-Aula hölzern herunterzubeten. Man schaut sich das aufmerksam an, man kennt die Moral von der Geschicht’, lässt fortan nie mehr Hausierer auf dem Dachboden schlafen, wird zu einem politisch korrekten, wachsamen Menschen.

Wenn man die Schule verlässt und – der Torturen im Deutsch-Unterricht zum Trotz, die einem so manchen Schriftsteller vermiesen – vielleicht noch einen Funken Begeisterung für Literatur übrig hat, macht man erst einmal einen großen Bogen um Max Frisch. Bei Thalia wirft man abfällige Blicke auf die vielen bunten Suhrkamp-Bücher, will nichts wissen von Stiller oder Montauk. Stattdessen greift man daneben, zu einem anderen Suhrkämpen, dem kommerziell erfolgreichsten, den dieser Verlag je hatte – und der einem als sinnsuchender Jugendlicher in der Schule noch allzu schmackhaft gemacht wurde. Hesse liest man dann also statt Frisch, wie weiland Kotzebue statt Goethe gelesen wurde, schleppt sich durch die Werke wie durch Steppen, wird dabei immer sedierter, gerät unter das Rad der Esoterik und des frommen Gutmenschen-Gehabes, dieser verkappten adoleszenten Homosexualitäten – man sehnt ein Ende bei, dem hoffentlich kein Zauber eines Anfangs innewohnt …

… und dann - auf einer Landstraße im brandenburgischen Nirgendwo - hält man Max Frischs Fragebogen in der Hand.
Es ist März, eher Winter als Frühling, wir haben 15 Kilo Gepäck auf dem Rücken und starten ein Experiment: Wir laufen – wandern kann man das nicht nennen. Wir laufen einmal rund um Berlin, zu Fuß, ohne Unterbrechung, ohne Pausen, solange uns die Füße tragen. Körper gegen Geist, Physis gegen Psyche. Ein Rundweg liegt vor uns, der kein Ende hat, kein Ziel. Mit uns geht Max Frisch. Noch fragen wir uns nicht, warum wir dies eigentlich tun. Zunächst fragen wir uns: Sind Sie sicher, daß Sie die Erhaltung des Menschengeschlechts, wenn Sie und alle Ihre Bekannten nicht mehr sind, wirklich interessiert?


 
In einem seiner Bücher (sie sind ja kaum auseinanderzuhalten) hat Milan Kundera einmal gesagt, das Übel fremder Menschen erreiche uns nur über Umwege. Nein, nicht über das Menschengeschlecht, über Freunde, gute Bekannte, Geliebte, Verwandte (In Homo faber konnte man das nicht so leicht unterscheiden, gewiss): Hören wir von Katastrophen, von Morden, Kriegen oder Erdbeben, ist es uns schlicht unmöglich, mit all den Opfern mitzuleiden. Wir müssen das Bild, eine Erinnerung, die Phantasie von von uns geliebten Menschen in dieses Szenario einfügen: ihre leidenden Gesichter, simpel formuliert, an Stelle der leeren Augen namenloser afrikanischer Kinder setzen. Oder wie es, etwas komplizierter, Roger Willemsen sagt: »Krisen betreffen für lange Zeit nur unsere Filial-Existenzen. Plötzlich erreichen sie das Ich, nachdem man zuvor immer nur „Man“, „Er“ oder „Sie“ oder „Jene“ gesagt hat.«
Doch auch wir haben in diesem Augenblick anderes im Kopf als das Schicksal der Menschheit. Morgens sind wir losgezogen, im beschaulichen Strausberg im Osten Berlins. Durch den Speckgürtel der Stadt, an unzähligen Seen, Villenvierteln und Wassergrundstücken entlang, in der Hand ein Diktiergerät, das Protokoll führen soll über unseren Gewaltmarsch. Zuerst geben wir uns Regeln, konstituieren eine Verfassung: keine Pausen, Laufen bis zum Umfallen, keine Ausreden. »Das Menschengeschlecht ist uns egal!«, brüllt der Übermut der Anfangsstunden. Das Diktiergerät nimmt diese Antwort ungerührt entgegen. »Oder«, werden müde Beine später einschränken, »wenn doch, dann nur über Umwege«.


 
Umwege … Liegt nicht das Besondere unseres Experiments darin, dass es keine Umwege geben kann? Weder der Weg ist das Ziel, noch ist das Ziel das Ziel. Nur das Laufen, der Kampf der Muskeln gegen den eigenen Willen. Der Körper soll Maschine sein, die bis zur völligen Erschöpfung funktioniert, ein zuvor intervenierendes Hirn mit seinen leistungslähmenden Schmerz, Angst und Selbsterhaltung muss ausgeschaltet werden. Beine, die tun, was Beine tun sollen. Es spielt keine Rolle, auf welchen Wegen, ob wir Landstraße, Waldweg oder Seeufer beschreiten. Was (nicht) zählt, ist die Zeit und ihre eigene Auslöschung. Wer immer nur läuft, einen Fuß vor den anderen setzt, hat nichts außerhalb dieser Bewegung. Kein Anfang und kein Ende, nur ein Weiter, dieses Vorwärts, das ebenso ein Rückwärts sein könnte und in Wirklichkeit ein Im-Kreis ist. Die Entfernungen, die wir – topographisch, zeitlich, ideell – zurücklegen, definieren unsere Körper. Und unsere Körper markieren die Wege, die wir gehen, ja, wir ver-körpern die Strecke, indem wir sie mit unseren Körpern ausmessen. Schon einige Male zuvor sind wir einfach losgelaufen: auf den Bergrücken der spanischen Pyrenäen, von Zakopane in Polen bis nach Budapest, viele hunderte Kilometer lang, von Berlin nach Dresden, von Potsdam nach Leipzig, bald von Berlin nach Greifswald.
Aus abstrakten Strecken werden Wege, werden Geschichten, werden Straßen, Menschen, Gesichter, Songs, Stimmungen, werden Winde, Regen, Schneewehen, Sonnenschein und Schatten, Schmerzen, Euphorien und Qualen. Distanzen werden neu dimensioniert: Erst im Laufen bekommen wir überhaupt eine Vorstellung einer Entfernung zwischen zwei Orten, die sonst nur als Autobahnverbindung bekannt sind. Dabei verkleinert sich die Distanz im Geiste: Mein Körper kann das schaffen. Aber wir spüren auch die lange Weile des Weges, das Einerlei des Kilometerzählens, auf das wir trotz allem so fixiert sind. Wir und die Welt werden unendlich lang, werden entschleunigt und reichen bis weit über den Horizont hinaus. Wir lieben die Landkarten und Atlanten, die uns sagen, wo wir sind, mit welchen Koordinaten wir berechnet werden, auf welchen Tangenten wir laufen. Zwei Don Juans und die Liebe zur Geometrie.

Kommentare

21.04.2012 05:01
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14.05.2011 16:27
Da kommt wieder der Wert einer bodenständigen Ausbildung mit Motorsägen und Bäumebestimmen zu Tage: Nur mit Andorra wurde ich ein klein wenig gequält, aber da hatte ich schon einiges vom guten Max gelesen.

Spannend, was ihr da gemacht habt, gut geschrieben noch dazu! Fast möchte ich ausrufen: "Mehr davon!", aber ich will euch nicht zu weiteren Gewaltmärschen auffordern. Macht auf jeden Fall Lust, Frisch wieder aus dem Regal zu nehmen.

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