Flanke, Kopfball, Investor.

geposted von julian
09.04.2011 14:08
Mit dem finanziell angeschlagenen TSV 1860 München, derzeit Neuntplatzierter der 2. Bundesliga, zieht erstmals ein deutscher Traditionsklub die Beteiligung eines ausländischen Investors zur Rettung der wirtschaftlichen Lage in Betracht. Fans und besonders Ultra-Gruppen vieler Vereine stellen sich gegen die Kommerzialisierung des Sports. Aber sie verschließen sich der Realität, meint unser Autor Julian.


  Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp
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Als Dietmar Hopp, finanzstarker Mäzen der TSG 1899 Hoffenheim, in der Saison 2007/2008 zum ersten Mal der breiten Fußballöffentlichkeit bekannt wurde, da hatte „sein“ Team gerade den Aufstieg in die Bundesliga geschafft und es prasselten auf ihn persönlich und auf das Hoffenheimer Team ligaweit Anfeindungen aus den Fankurven ein.
Trauriger Höhepunkt war das Plakat eines Fans von Borussia Dortmund beim 4:1 Heimspielsieg der Hoffenheimer mit dem Konterfei Hopps im Fadenkreuz und der Aufschrift „Hasta la vista, Hopp.“.
Hopp als Hassfigur der Tradionsclubs, als Vater einer durch finanzielle Zuschüsse gezeugten Retortenmannschaft 1899 Hoffenheim. Was der BVB-Anhänger vergesse hatte: Sein Verein umgeht die sogenannte 50+1 Regel, einer Auflage der Deutschen Fußball-Liga (DFL). Dieser Regelung nach soll verhindert werden, dass Kapitalanleger die Stimmenmehrheit in den von Fußballvereinen gegründeten Kapitalgesellschaften übernehmen. Der BVB hat sein Team in eine Kommanditgesellschaft auf Aktie (KG) ausgegliedert und so ermöglicht, dass die Mehrheit des Kapitals von Investoren zu erwerben ist.

Hasan Abdullah Ismaik (34), jordanischer Geschäftsmann und selbsternannter Fußballbegeisterter, will jetzt eine Summe von rund 33 Millionen Euro in den TSV 1860 München einbringen. Eine im internationalen Fußball läppische Summe. Die „60er“ wissen nicht so recht, was sie davon halten sollen. Natürlich klingt die Idee vom „Aufstieg in die Bundesliga“ und dass 1860 sich dort „dauerhaft etablieren“ soll, was Hasan Abdullah Ismaik via Süddeutsche Zeitung schon mal verkündete, bei den seit Jahren vom sportlichen Erfolg nicht verwöhnten Löwen schmackhaft. Aber doch formieren sich die Skeptiker. In einem offenen Brief sprechen sich zahlreiche Fanclubs gegen eine „Liquiditätsbeschaffung“ und „jegliche Form von finanzieller Rettung“ aus. Sie fordern „Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende!“ und einen „"geordneten" Rückzug anzutreten und die überfällige Insolvenz anzumelden“. Dabei sei der Zwangsabstieg in die Bayernliga oder die Regionalliga „die einzige Rettung der Löwen […], um wieder eine eigene Identität zu finden“. Das klingt konsequent, ist aber kurzsichtig.


  Fans des TSV 1860 München.

Fußballvereine nicht als Wirtschaftsunternehmen zu sehen, ist blauäugig und falscher Traditionalismus. Schon seit Zuschauer das Angebot, das Spiel live zu sehen, monetär vergüten und Eintritt zahlen und sich die Vereine dieser „Nachfrage“ bewusst sind, sind zwei Grundfaktoren der Marktwirtschaft erfüllt. Martin Kind, Präsident des derzeit aufstrebenden Clubs Hannover 96, bringt es auf den Punkt: „Vereine sind Unternehmen". Außerdem, so Kind im ZDF, „arbeiten Investoren professioneller, da sie ein Interesse daran haben, ihr Geld nicht zu verlieren“.

Der TSV 1860 München sollte hinterfragen, wie tiefgreifend er bereit ist, Veränderungen an der Vereinsstruktur zuzulassen, ohne sein Gesicht zu verlieren. Ein Abstieg bis in die Regionalliga ist keine Lösung. Eine durchdachte Investition ins Profiteam und der Aufbau einer langfristig gesunden Vereinsinfrastruktur, können mit dem Geld von Hasan Abdullah Ismaik gelingen. Hoffenheim, Leverkusen und Wolfsburg haben mit starken Investoren eine Vorreiterrolle dafür übernommen, wie ein Fußballverein als Wirtschaftsunternehmen funktioniert und beweisen, dass neben erfolgreichen Teams aus den Förderprogrammen auch starke Nachwuchsspieler entspringen.
Insbesondere Hopp hat es mit der Weitsicht eines Geschäftsmanns geschafft, eine Struktur zu etablieren, der den Verein zur Eigenständigkeit verhilft. Gefördert wurden Jugendarbeit, Sportanlagen und Infrastruktur. Alles für das Ziel, einen gesunden, eigenständigen und nachhaltig wirtschaftenden Fußballverein zu etablieren. Mit sportlichem Erfolg und Leidenschaft auf dem Platz und in der Geschäftsstelle.

Kommentare

07.04.2011 14:35
Gaius:)
hey,

schön das du dich so intensiv mit dem thema investoren auseinandergesetzt hast. soweit alles richtig, bis auf einen punkt:
ein geordneter rückzug wäre nicht nur für "zahlreiche" fans/fanclubs das richtige, sondern sogar für eine überwältigende mehrheit. Ich stehe übrigens auch dahinter. Wer kann es den löwen-anhänger verübeln?sie haben den klotz arroganz-arena am bein, in der jahr für jahr weniger zuschauer über immer seltener werdene erfolgserlebnisse jubeln dürfen.
Man liegt seit 2-3 jahren praktisch auf der intensiv-station, nur am leben gehalten von ein paar größeren sponsoren und dem lieben uli. nun hat man also die wahl: noch größere abhängigkeit, noch mehr kommerz und den verlust des eigenen gesichts gegenüber eines neustarts 2-3 ligen tiefer, im, im ernstfall benutzbaren grünwalder, mit engagierten fans und ohne investmentblase.
die löwen werden in der allianz-arena keinen neuen fan gewinne, das haben die letzten jahre gezeigt. traurig für einen verein mit solcher tradition.
Pro rückzug! aber is anscheinend wohl gelesen, ma sehen wieviele langjährige löwen-fans nächstes jahr noch in die schüssel gehen...

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