Biennale Venezia I / Gondola al paradiso oder: Lebensgefühl Tourismus.

geposted von johanna
12.11.2009 16:10
Gibt es Kunst im Kapitalismus? Thailand zeigt uns, dass der Kapitalismus keine andere Möglichkeit als Kulturkonsum bietet und führt damit die Biennale selbst ad absurdum.

  Willkommen im Kapitalismus.
Das ist der Auftakt zu einer bewegten Reihe: Fünf Tage lang Biennale in Venedig, kurz vor Schluss. Dafür gibt es hier fünf Artikel über die bemerkenswertesten Austellungen. Zur Einstimmung Thailand, dessen Gruppenausstellung von Michael Shaowanasai, Sakarin Krue-on, Sudsini Pui-ock, Suporn Shoosongdeij und Wantanee Siripattananuntakul sich wie ein Metatext zur Biennale verstehen lässt.

Zwischen allerhand Souvenirlädchen und teueren Tourist-Menu-Ristoranti in Venedig am Ufer des Canal Grande hat der Thailändische Pavillon seinen Platz gefunden. Das Plakat an der Tür begrüßt einen mit dem Spruch "Art ist Rice and Watermelon". Nicht nur grundsätzlich mit der menschlichen Existenz verbunden, sondern zum Verzehr gedacht.
Die Ausstellung kommt daher wie das Klischee vom dauerlächelnden Thai: Hier strahlt einem gute Laune entgegen, Unbeschwertheit, satte Farben, alles wächst und gedeiht, die Gondola al paradiso auf der einen Seite, Werbeplakate für Partnerbörsen, in denen alle Geschmäcker bedient werden können, auf der anderen. An jeder Wand lassen sich neue Werke des Tourimarketings bestaunen - über dem Counter gar ein gigantischer Stadtplan, der die Topographie Venedigs mit thailändischen Sehenswürdigkeiten überkreuzt. Thailand - das Land der Liebe. Und in Venedig wird auch viel gelächelt.


  Paradise is here.

Im Raum überall Thailand-Werbefilme. Allerorten lächelnde Menschen: "Want to stop us from smiling? That might need gene therapy." In keinem Winkel des Raumes finden sich Erläuterungen. Zwar wirken die Arbeiten etwas zu glatt, zu klar auf eine bestimmte Wirkung hin produziert und natürlich: Wir befinden uns auf einer Kunstausstellung, da fühlt man den doppelten Boden natürlich automatisch. Und auf den ersten Blick ist die Meta-Ebene auch nicht so besonders spannend. Klar geht es hier um die Aushöhlung von kultureller Valenz durch den Kapitalismus, da wird schon lange viel drüber diskutiert und überall auf verschiedenste Arten mit gekämpft. Aber nochmal darüber nachdenken, wie das eigentlich genau funktioniert lohnt sich.

Was bedeuten sich denn eigentlich Kunst und Kapitalismus? Nach wie vor erwartet man von Kunst eine gewisse Erhabenheit: Sie sollte über zeitgenössischen Gesellschaftsstrukturen stehen, sie mehr spiegeln als ihnen verhaftet sein. Genau diese Haltung nutzt das thailändische Projekt. Der thailändische Pavillion macht kapitalistische Prinzipien transparent, indem er sie 1:1 reproduziert. Dabei kommt das Ganze in formaler Hinsicht überhaupt nicht über Ist-Zustände hinaus. Grabbeltisch mit kostenlosen Postern, Broschüren und Plastiktüten im Corporate-Design. Ästhetik folgt bekanntem Marketingstil, der befremdliche Effekt entsteht durch die Kontextualisierung - ein bisschen fühlt man sich, als wäre man einfach draußen geblieben im prototouristischen Venedig. Aber das fällt einem eben nur auf, weil man der Kunst eine Art escape-Effekt anträgt (der im Übrigen auf dieser Biennale selten genug erfüllt wird). Genau damit rechnet das Konzept des Künstlerkollektivs: Der eigene Konservatismus wird ausgenutzt, um ihn sich selbst vorzuführen.


  Kontexte.

Der politische Impetus zielt hier auf die Bewusstmachung von Mechanismen der Kapitalisierung ab, die eigene Betroffenheit sowohl in Hinsicht auf die eigene konsumistische Kunstrezeption (also eine ästhetische Verflachung), als auch im Hinblick auf ethische Intuitionen. Beinah hätte man das mit dem Menschenhandel über die ganzen Backpacker-Freunde wieder vergessen. Die strahlenden Siamese-Darling-Paare lassen einen zumindest schwerlich mitstrahlen. Wenn die Welt zu einem Geflecht von Urlaubsinseln wird, das Leben eine Reise, dann können Menschen auch zu Souvenirs werden.
Der Thai-Dream liegt doch langsam etwas schwer im Magen.


  "Happiness is... finding your heart."

Es gäbe hier noch einiges zu berichten (wie die schönen Venezianischen Gondeln, die der Google-Suchbefehl beim Titel der Ausstellung zu Tage fördert), doch man kann sich auch selbst in einen Teil der Ausstellung begeben. Zwar fehlt einem dann das Gefühl dafür, wie stark der thailändische Beitrag die Situation Venedigs selbst spiegelt, die Stadt wird ja immer mehr zu einer Art Kulisse für kulturinteressierte Touristen, ein Eindruck lässt sich jedoch dennoch gewinnen. Thailand besitzt nämlich nicht nur einen Raum in Venedig, sondern auch in der virtuellen Welt. Die Gondola al paradiso fährt auch im Internet, und liefert den Siamese Darling gleich mit. Dringende Empfehlung für die Lektüre der folgenden Artikel!

"Real world is just another simulation. There's a thin line between reality and fake. This book is an invention of art which eventually is a major part and parcel of our life."
Warum hab ich eigentlich nicht noch ein paar von den Plastiktüten eingesteckt?


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