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"Die Schweinegrippe war wohl gerade wichtiger..."
08.12.2009 00:01
Das Thema Bildungsstreik ist allgegenwärtig. Unbemerkt bleibt in Deutschland oft die internationale Dimension des Protests und die Initialzündung durch die Besetzung des Audimax in Wien. Zur Innensicht der Wiener Proteste habe ich Joël Adami befragt.
Der Blogger Joël Adami ist 22 Jahr alt, stammt aus Luxemburg und ist Mitte Oktober nach Wien gezogen, um Umwelt- und Bioressourcenmanagement an der Universität für Bodenkultur (BOKU) zu studieren. Er betreibt in Luxemburg auf Radio Ara eine Radiosendung und hielt Lesungen seiner eigenen kreativen Texte in Deutschland, Österreich und in seinem Heimatland.
Joël, du bist mit Studienbeginn direkt in das Epizentrum der internationalen Studienproteste geraten. Wie hast du dich seitdem engagiert? Stimmt, ich war nicht mal eine Woche in Wien, da wurde das Audimax der Universität Wien besetzt! Konkret engagiert habe ich mich in der Protestgruppe der Boku, in der ich so ziemlich alles gemacht habe, was man als Aktivist so macht: mobilisieren, flyern, Pressearbeit, demonstrieren und natürlich immer wieder diskutieren und diskutieren. Wer mehr Demokratie fordert, solte auf lange Plena vorbereitet sein! Ich könnte mir vorstellen, dass an der Universität für Bodenkultur generell ein links eingestelltes Publikum studiert. Was für ein Klima herrscht an deiner Uni, mal unabhängig von den Studienprotesten? Na ja, traditionell ist die Boku eher konservativ. Es hängt aber wahrscheinlich sehr von den Studiengängen ab, bei den Agrar- und Forstwissenschaftlern findest du sicherlich mehr Menschen mit konservativen Ansichten als z.B. in meinem Studiengang, UBRM (Umwelt- und Bioressourcen Management). Natürlich sind das nur Tendenzen! Generell scheint sich das gerade ein wenig zu wandeln, denn nicht nur die Protestgruppe ist ziemlich groß, sondern - soweit ich das beurteilen kann - auch der Anteil von Leuten, die man eher einer links-alternativen Gruppe zuordnen würde. Du hast in Luxembourg eine eigene Radiosendung und schreibst selbst kreativ an eigenen Texten. Nutzt du diese Medien auch, um politisch zu mobilisieren? Die Radiosendung schon, wobei ich versuche, die Proteste aus einem möglichst neutralen Blickwinkel darzustellen. Was mir natürlich nicht gelingen kann, aber in einem freien Radio ist das vielleicht sogar erwünscht. Außerdem sage ich, dass ich befangen bin, die HörerInnen wissen es also. Bei meinen Texten sieht es anders aus. Vielleicht spiegeln sich einige politische Ansichten darin wieder, jedoch würde ich nicht sagen, dass sie grundsätzlich politisch wären. Wobei das Private ja auch politisch ist. Unentschieden, also. Eine Lesung habe ich im Haus der Studierenden an der Boku abgehalten. Das war insofern ein politisches Statement, als dass diese Räume erst durch die Proteste greif- und nutzbar wurden und die Nutzung von Freiraum ja sehr wohl politisch ist. Von dem Audimax Wien gingen die Studentenproteste im deutsprachigen Gebiet aus. Wieso ist deiner Meinung nach gerade Österreich zum Vorreiter internationaler Studentenproteste geworden? Das fragen sich wohl alle, allen voran die Österreicher! Es gibt wohl mehrere Faktoren. Zum Einen sind die Bedingungen an Österreichs Unis wirklich schlecht. Das wurde in den Medien auch vor den Protesten dargestellt, d.h. die Leute waren schon quasi auf die Thematik "vorbereitet". Das Audimax wurde zum Glück nicht schnell geräumt, was eine gewaltige Dynamik enstehen hat lassen. Was den Besetzungen hier Rückhalt gibt, sind Rektorate, die wissen, dass es für ihre Unis nur gut sein kann, wenn es Proteste gibt, denn sie leiden ja auch unter dem Geldmangel! Es gab ja auch vor den Protesten genügend unzufriedende Studierende, die jetzt alle auf einmal anfingen, auf die Straße zu gehen, Hörsäle zu besetzen und Aktionen zu planen. Zum Anderen denke ich, dass die Studierenden in Deutschland schon in den Startlöchern saßen, die Situation ist dort ja nicht anders als in Österreich, eher noch schlimmer, weil man für die Studien auch noch viel Geld bezahlen muss. Da kam die Besetzung des Audimax wie ein zündender Funke. Wieso, glaubst du, wird die Wiener Initialzündung des Protests in der deutschen Presse so dilettantisch vernachlässigt? Wahrscheinlich dachten die deutschen Medien, die Proteste würden nicht lange anhalten und deshalb wäre es nicht wert, darüber zu schreiben. Oder die Schweinegrippe war gerade wichtiger. Was schade ist, denn hier wurde enorm viel und teilweise sehr positiv berichtet.
Ich habe das Gefühl, dass die Studienproteste im Allgemeinen nicht zielgerichtet genug verlaufen. Mal geht es um die Bachelor-Studienordnung, mal generell um den zu verteufelnden Kapitalismus. Da werden dann Bildungsminister in einen Topf geworfen mit den bösen Studenten der wirtschaftsorientierten Studiengänge, deren Vorlesungsräume dann auch noch hauptsächlich besetzt werden. Du sagtest bereits, es ginge um mehr Demokratie... Es geht einerseits sehr konkret um mehr Geld für Bildung. Meine Vorlesungen sind z.B. alle in einem Kino, weil einfach kein Hörsaal vorhanden ist, der groß genug ist. (Ironischerweise genau neben dem Austria Center, in dem jetzt vor allem die Publizistik-Leute ihre Vorlesungen haben, weil das Audimax besetzt ist) Dann geht es etwas diffuser um die (Re-)Demokratisierung der Universitäten, Zugangsfreiheit und gegen "verschulte" Studien, wie sie oft im Zuge der Bachelor/Master-Umstellung geschaffen wurden. Natürlich sind das viele Punkte, und einige davon lassen sich sicherlich mit Kapitalismuskritik verbinden, aber im Allgemeinen denke ich, dass die Ziele wohl klar sind. Dass es so viele sind, sollte die Gesellschaft eher erstaunen als abschrecken, zeigt es doch, dass die Unis in den letzten Jahren oder gar Jahrzehnten vernachlässigt wurden. Dass nur auf das Geld gepocht wird, ist meiner Ansicht nach ein Fehler der Medien, die das ganze verkürzt darstellen. Auch auf einem Transparent auf einer Demo ist nicht unendlich viel Platz, aber ich denke, dass die Message eigentlich ganz klar ist: Wir müssen als Gesellschaft(en) entscheiden, wie wichtig uns Bildung ist. Und das ist der Diskurs, der leider zu wenig geführt wird. Denn wenn das geklärt ist, ist der Rest nur noch Mathematik. Was hältst du von der immer lauter werdenden Kritik vieler Studenten, die Besetzer der Unigebäude würden nicht das Gros der Studentenschaft repräsentieren? Das ist eine schwierige Frage, die natürlich ihre Berechtigung hat. Es gibt Umfragen, die eine hohe Zustimmung unter den Studierenden bestätigen, aber du weißt ja, wie das mit den Statistiken und dem Fälschen ist. Es gibt Anhaltspunkte dafür, dass wohl viele sich mit der Protestbewegung solidarisieren oder diese zumindest über Umwege legitimisiert ist. Was genau meinst du, wenn du von Legitimisierung über Umwege sprichst? Einerseits sei da die hohe Beteiligung an der ersten Demonstration zu nennen, wo nach einigen Zeitungen bis zu 50.000 Menschen auf den Straßen Wiens waren, andererseits hat die österreichische HochschülerInnenschaft (ÖH) ihre Unterstützung (auch finanziell) zugesichert. Und die ist immerhin demokratisch gewählt worden, sollte also die Interessen aller Studierenden unterstützen. Wie gesagt, das können aber nur Indizien sein. Was wir machen - denn mehr Demokratie fordern und selbst nicht legitim zu sein, ist schon irgendwie doof - sind HörerInnenversammlungen, auf die jede Person kommen und ihre Meinung sagen kann. Somit kann man erstens die Probleme in allen Studienfächern abtasten, andererseits zumindest versuchen, alle einzubeziehen. Dass es Leute gibt, die nicht unter Plenumsspielregeln mitmachen wollen, ist problematisch, aber immerhin haben sie die Möglichkeit dazu, sich einzubringen. Bringen sich nur Studenten in die Dikussion ein, oder gibt es auch Bemühungen die administrative Seite zu Wort kommen zu lassen? Wir versuchen, die Lehrenden einzubinden, vor allem den unterrepräsentierten Mittelbau, der einen großen Teil der Lehrenden ausmacht. Mitbestimmung soll ja nicht bei Studierenden aufhören. Im Allgemeinen ist das sicherlich ein schwieriger Prozess, aber wir arbeiten daran. Wie ist die aktuelle Stimmung im Wiener Audimax einzuschätzen? Momentan sieht es im Audimax eher ruhiger aus, weil sie das gleiche machen wie wir an der Boku, nur auf Insitutsbasis. Es läuft also sehr viel Arbeit im Verborgenen, um möglichst viele Leute wie möglich einzubinden. Was war die in deinen Augen kreativste Idee, die im Umfeld des Streiks entstanden ist? Schwierig, da es so unglaublich viele kreative Ideen gab. Ich denke, dass die Idee, die Vorgabe des Wissenschaftsministers Hahn zu karikieren und nur drei Leute zu seinem "Bildungsdialog" hinzuschicken - mit drei Menschen, die von sich behaupten, die Proteste anzuzetteln - eine der besten war! "Die Drei" kamen in einer Limousine, trugen Anzüge und T-Shirt mit der Aufschrift "eineR von vielen". Es wurde extra ein roter Teppich aufgerollt, an dessen Rand sich "Fans" aufstellten und ihnen zujubelten. Ich glaube, damit wurde sehr klar gemacht, dass diese Form des "Dialoges", wie der nocht-nicht-ganz-EU-Komissar und noch-ein-wenig-Minister Hahn ihn vorstellte, eine gigantische Farce war, die zum Bildungsmonolog verkam. (Zu drei Stunden Gesamtredezeit waren 50 Personen geladen) Lieber Joël, ich danke dir für das Interview! Kommentieren |
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