Biennale Venezia II / After-War oder: Kultur und Bedeutung.

geposted von johanna
28.12.2009 15:15
Teil II der bewegten Reihe: Fünf Tage Biennale, fünf Artikel.
Kristina Normans Installation "After-War" wirft ein neues Licht auf den Konflikt zwischen Esten und Russen.


  Was hat das zu bedeuten?
Etwas ließ mich staunen bei meinem diesjährigen Besuch der Biennale in Venedig: Bisher war ich der festen Überzeugung, dass eine explizite Symbiose von Kunst und Politik einen Qualitätsverlust zumindest auf der ästhetischen Seite des Produktes zur Folge haben müsste. Natürlich ist das eine Common-Sense-Auffassung in Kreisen der Schöngeister (nicht umsonst bleiben wir in der Regel beim Feuilleton hängen) und vielleicht auch im Allgemeinen: Schnell denkt man an diktierte Ästhetikprogramme der DDR oder des Stalinismus, daran wie das Ideal der autonomen Kunst und damit häufig der progressiven Form bei allzu stark geatmetem ideologischen Geist flüchtig wird. Doch genau das ist der Punkt: Eine ideologische Vereinnahmung von Kunst ist wohl eher das Problem als das selbstbewusste Thematisieren eines politischen Sachverhaltes.

Dafür haben sich in Venedig nämlich viele entschieden - was ihnen keinesfalls ein Minus auf dem Konto der ästhetischen Strategien einbrachte. Eher erreichten sie oftmals noch mehr - zur ästhetischen Erfahrung gesellte sich eine politische: Ein recherchierfreudiger Kopf. So habe ich auch für diesen Bericht über Kristina Normans "After-War" ein bisschen nachgeforscht. Ihre recht videolastige Gestaltung der estnischen Landesvertretung hat sich explizit in den Kontext eines noch nicht allzu lang zurückliegenden (kultur-)politischen Ereignisses in der Landeshauptstadt Tallin gestellt: Die Demontage des Bronze-Soldaten.


  Kleine Tür, große Ausstellung.

Kristina Normans "After War" zeigt sich der Betrachterin vor allem in Videoaufnahmen: Im ersten Ausstellungsraum sind zwei Aufnahmen ineinander geschaltet. Auf einer großen Leinwand gibt es farbige Aufnahmen von privaten Gedenkdiensten der russischen Minderheit am Bronze-Soldaten in Tallin zu sehen, in einem Loch in der Leinwand ein zweites (schwarzweißes) Bild: Darauf beinah das gleiche Prozedere wie auf der umgebenden Leinwand - allerdings zur Zeit der sowjetischen Herrschaft. Nicht privates Gedenken, sondern öffentlich-politisches: Am 9. Mai dient(e) der Bronze-Soldat dem alljährlichen Gedenken an die Befreiung Estland durch die Sowjetunion. Für die Esten nur der Übergang in die erneute Besatzung. Im weiteren Durchgang findet sich neben einer leider nichtfunktionierenden Installation ein Video von den Ende April 2007 stattgefundenen Aufständen der russischen Minderheit in Tallin. Aufgebrachte Jugendliche demolieren die Stadt und plündern Läden mit dem Ausspruch: Das gehört alles uns! Im nächsten Raum findet sich die nachgebildete Bronzestatue Kristina Normans und der letzte Raum zeigt auf einem weiteren Video, wie die Künstlerin am 9. Mai 2009 das Duplikat in Tallin an seinen alten Platz stellt - und damit einen Großeinsatz der Polizei provoziert. Die Kamera begleitet sie bis die Türen des Polizeiwagens sich schließen, die Bronzestatue wird auf ihrem Weg auf einem Pick-Up durch den Straßenverkehr Tallins noch eine Weile verfolgt.

Was ist bemerkenswert an dieser Ausstellung? Kristina Norman schafft es bei einer starken Reduktion der ästhetischen Mittel zu einem Maximum an Fragezeichen zu gelangen. Eine überlegte Anordnung weniger dokumentarischer Spotlights führt der Betrachterin nicht nur die kulturelle Verfassung Estlands im Hinblick auf das Verhältnis zwischen alten Besatzern und neuem Selbstverständnis vor Augen, sondern stellt gleichzeitig das Verhältnis von Tätern und Opfern auf den Kopf bzw. dekonstruiert die dahinter stehende Logik. Denn selten ist genau festzustellen, wer Täter und Opfer ist, viel eher ist die Realität ungleich komplexer als diese Dichotomie es je zu erfassen vermag: Zwar ist die Grenzfrage zwischen Estland und Russland trotz der Unabhängigkeit Estlands nach wie vor nicht geklärt, da die russische Regierung einen Verweis auf Besatzung und Agressionen gegen die estnische Bevölkerung im entsprechenden Papier nicht akzeptierte, gleichzeitig befindet sich das Gehaltsniveau der russischen Bevölkerung unter dem der estnischen Mehrheit. Zwar weigern sich einige ältere Russen aus Nationalstolz, die estnische Sprache zu lernen, gleichzeitig aber schicken jüngere Russen ihre Kinder in estnische Kindergärten um ihnen bessere Zukunftschancen zu ermöglichen. Zwar ist der Bronze-Soldat auch ein Zeichen für einen russischen Erobererhabitus, gleichzeitig stellt er aber auch einfach eine Möglichkeit der kulturellen Identifikation für eine Minderheit dar - außerdem: "Although the upstaged problems surrounding the Bronze Soldier and the drama of its relocation are now neatly tucked away and removed from the public space, they nevertheless continue to exist and they should be dealt with." So Kristina Norman selbst zum Problem.


  Bronze des Anstoßes.

Der Bronze-Soldat stellt nur ein Bild für eine vorhandene Problematik dar - die mit dem Verschwinden des Symbols nicht automatisch beendet ist. Viel eher scheint sie nun erst richtig sichtbar zu werden: Da ihr die konventionelle Form verloren gegangen ist, wird sie wieder spürbar - und braucht neue Formen. Da sind zum Einen die Aufstände vom April 2007, aber auch Kristina Normans Versuch, die Komplexität der Lage zu veranschaulichen. So ist es genau dieser Punkt, den sie empfindlich berührt: Was bedeutet dieser Bronze-Soldat eigentlich genau? Heraus scheint folgendes zu kommen: Er wechselt seine Bedeutung. Mal ist er Zeichen für die russische Unterdrückung der Esten, dann wird er zum Zeichen der versuchten estnischen Unterdrückung der russischen Minderheit. Der Soldat an sich scheint nichts zu bedeuten, die Bedeutung ergibt sich aus dem Kontext, aus den umgebenden Machtkonstellationen. Das wird besonders anschaulich beim Duplikat: Zu gefährlich scheint eine Repositionierung der estnischen Regierung - es wird sofort reagiert, als Kristina Norman ihre Anfertigung am alten Standort positioniert. Doch als die Skulptur auf einem Pick-Up durch Tallin fährt, wird einem spätestens klar: Das ist nur ein Gegenstand, er bedeutet nichts. Bedeutung trägt seine performative Verwendung: dass er von einer Polizeieskorte abtransportiert wird.


  Kleiner Mann, großer Aufstand.

"I’m from a country where the past strongly affects the present. The aftermath of World War II, or The Great Patriotic War as it is known in Russia, is interpreted in two different ways in Estonia: the Estonian majority and the Russian minority form two separate ‘memory collectives’, and I position myself between the two due to my mixed background." - Der Bronze-Soldat erhält nun also mindestens zwei verschiedene Bedeutungen, abhängig von der jeweiligen kulturellen Codierung. Kristina Norman macht diese Tatsache sichtbar, sie nimmt in der künstlerischen Formung eine dritte Position auf das Geschehen ein. Damit rückt sie in die Nähe von Ernst Cassirer: "Die Kunst gibt uns Ordnung in der Auffassung der sichtbaren, greifbaren und hörbaren Erscheinungen. Der Grad der Intensivierung und Erhellung ist der Maßstab für die Vortrefflichkeit der Kunst."
Die Dinge sind komplizierter als sie zunächst scheinen. Mikro- und Makrostrukturen divergieren. Es gilt, verschiedene Realitäten in eine hierarchiefreie Beziehung zueinander zu bringen. Da ist einiges an Helligkeit entstanden, ordnen müssen wir das sichtbar Gewordene selbst. Und entwerfen damit direkt eine neue Bedeutung des Bronze-Soldaten.


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