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Biennale Venezia III / ¿De qué otra cosa podríamos hablar? oder: ¿ ?
29.01.2010 12:29
Aus fünf Tagen in Venedig werden fünf Monate – und doch auch nur fünf Tage – der Berichterstattung. Übrig bleibt, was mich besonders beeindruckt hat. Bleiben die Aspekte, die maßgeblich für mein ästhetisches Empfinden der jeweiligen Arbeit waren.
Kühl. Dunkel. Groß. Geradeaus gehen verboten – die Ausstellung beginnt im ersten Stockwerk. Beim Hochgehen der Treppe laufen meine Erwartungen mit. Mit jeder Stufe rücken sie ein kleines Stückchen näher. Der Weg ist eine Vorbereitung. Nicht ich entscheide das. Es ist die Arbeit, die mich mitnimmt.Teresa Margolles' Arbeit "¿De qué otra cosa podríamos hablar?" ("What else could we talk about?") bestach vor allem durch – Nichts.
Verfallene Pracht. Leere Kamine, der Stoff an den Wänden vergeht in seiner Schönheit – an einigen Stellen bildet er herabhängende Äste. Staunen über die Möglichkeit einer solchen Erhabenheit von Räumen. Hier kommt ein Begriff auf seinen Punkt: morbide. Daneben ein Putzeimer mit Wischmop. Verfallen. Ist das Putzwasser. Genauso modrig wie der Pallazzo. Sein Inhalt legt sich in kleinen Tröpfchen auf meine Haut. Im Kopf. Der Raum ist so leer. Der nächste auch. Blicke werden schneller. Schritte auch. Konstellationen bleiben gleich. Wieder der Eimer. Das schlierige Wasser. Vergangene Farben. Die mich in jedem Raum von Neuem einholen. Langsam zerfällt alles, fragmentiert sich das Gesehene. Begriffe werden zu Punkten, die den Raum zusammensetzen. Keine Chance, einen zu erkennen. Von Raum zu Raum, an jedem Durchgang kleine Schilder: In den Eimern mexikanisches Blut, Reinigungskonzentrat für kunstinteressierte Füße. Mein Geist einer unter Vielen. Auf der Treppe gibt mir die obere Etage meine Leere zurück. Die Erwartungen rücken in die Ferne – aus meinem Blick. Da ist Nichts. Ich atme auf und vor mir wächst eine Festung. Aus immerfeuchtem Schlamm. Ich bin bereit, mich einnehmen zu lassen. Und hisse Flaggen aus Blut.
Teresa Margolles' Thema ist der Tod. In Mexiko. Wie wenige andere Künstler ist sie dabei bemüht, sich auf der Höhe der Drastik der anvisierten Gegenstände zu bewegen. Da fliegen Seifenblasen aus Leichenwaschwasser durch ihre Ausstellungen. Stehen Betonklötze mit eingegossenen Leichnamen von Totgeburten. Werden venezianische Böden mit Blut gewischt und im Sonnenschein blutgetränkte Tücher mit goldenem Bindfaden bestickt. Fragmente einer Wirklichkeit, die weit entfernt ist. Und doch leicht Nähe gewinnen kann. Die Drastik liegt dabei vor allem in der Zurückhaltung ihrer Gesten: die ästhetische Struktur ihrer Arbeiten bewegt sich oftmals an der Grenze des unmittelbar Sichtbaren. Vielmehr konfrontiert sie den Zuschauer durch kleine Impulse mit der Fülle von Zeichen, die im Unsichtbaren liegen. Die Fragilität der semiotischen Prozesse, die ihren Arbeiten zu Grunde liegen, löst eine maximale Spannung im Betrachter aus: der ganze Mensch wird durchlässig gegen die Möglichkeit der eigenen Grausamkeit.
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