Mein Marathon

geposted von julianlange
16.04.2010 10:00
Der Marathon gehört zu den härtesten sportlichen Prüfungen, denen Menschen sich freiwillig unterziehen. Unser neues Redaktionsmitglied julianlange bewältigt die Strecke literarisch in Rekordzeit.


  Foto: © Erik Refner
K.

Habe von der Frucht gekostet. Einmal Läufer, immer Läufer. Ich muss mich treiben lassen, der Wind um die Nase. Wenn ich laufe, vergesse ich, wo ich herkomme, vergesse alles, was war und was sein wird. Ich laufe. Ich weiß noch ziemlich genau, wie das war, mein erstes Mal. Schrecklich, schmerzvoll und beschämend. Nach kaum 1000 Metern flatterte die Pumpe, der Puls raste und die Beine waren betonhart und fühlten sich bei jedem Schritt an, als müssten sie beim nächsten unweigerlich zerspringen. Doch der Schmerz steht der Lust sehr nah, es trieb mich einige Wochen später erneut in den Park. Schon gings besser. Natürlich war es noch kein Genuss, keineswegs, aber ich hielt eine genügend lange Zeitspanne aus, um diesen wahnsinnigen Schub von Befriedigung auszuschütten. Seit diesen Tagen gehe ich laufen, sobald ich Zeit dazu habe. Meist nehme ich die gleiche Strecke, sie ist gar nicht so lang, führt am Wasser entlang, nachts spiegelt sich der Mond im Wasser. Sogar mehrmals hin und her muss ich laufen, eine im Grunde langweilige Angelegenheit, die mich aber von allem enthebt, was mich noch beim Anziehen der Sportkleidung bewegte. Keine Vergangenheit, keine Heimat. So laufe ich auch an diesem Morgen mit dem süß-sauren Geschmack im Mund, den nur rückfällige Suchties kennen. Berlin, September, Kilometer 1.

P.


 

Kaum Kilometer geschafft bislang. Abspulen sagen die Profis, als würde es nicht wehtun, sondern nur so surren, wie vom Band. Wie sterile Angelsehnen von der Kurbel, zack, los geht´s. Aber es tut weh. Der Schmerz, der mich von meinem ersten Lauftag an begleitete, ist nie gewichen. Er versteckt sich an vielen Stellen wie in Höhlen. Es beginnt oft mit Empfindlichkeiten an den Knöcheln, die einen zwingen, die Füße immer gerade auf dem harten Beton aufzusetzen. Verspannungen in den Waden stellen sich oft schon nach wenigen Kilometer ein, meist vom vielen Training, fünfzig bis hundert Kilometer die Woche, oft nachts, weil sonst keine Zeit ist. Freunde können das nicht verstehen: Du bist doch verrückt! Warum machst Du das? Aber das ist egal. Wenn beim Auftreten und bei Drehungen der seitliche Oberschenkel beginnt zu reißen und zu zwicken, dann hilft nur eiserner Wille, Motivation, die den ganzen Körper entflammt. Man muss dem Schmerz einen Pfahl aus purer Willenskraft mitten in sein greuliches Auge rammen. Weiterlaufen. Niemand außer mir kennt diese Schmerzen. Niemand. Kilometer 6.

A. und Ki.

Dicht gedrängt stehen Menschenreihen am Rand der Strecke. Schreien, rufen, unterhalten sich, ein Hauptstadt-Happening. Es muss wohl ein Vergnügen sein, den Sportlern zuzusehen, die vorübertreiben. Juchzen geht durch die Menge. Man erkennt die Freunde und Familienangehörigen in ihrer Qual. Auch die Gequälten, die sich selbst geißeln, Kilometer 9, lächeln oft. Hey, Mama! Papa! Ich laufe für Euch! Oder: Johanna, ich liebe Dich! steht auf ihren Shirts, deren Farbe vom Schweiß immer dunkler wird. Ich nehme die winzigen Stöpsel meines Mp3-Players aus den Ohren. Angetrieben vom Johlen der Menge fühle ich mich wie ein Gladiator im Stadion, getrieben wie von einem Wind, bin ganz Segel, die Menge bläst mir in den Rücken. Doch ich bin viel zu schnell, wollte etwas zeigen. Doch es ist zu früh im Rennen um jetzt schon Stärke zu demonstrieren, slow play, du hast ´ne gute Hand, defensiv bleiben, warte auf den Einsatz der anderen. Doch mein Puls war zu hoch geschossen, 170, 175, 174 … es kommt mir vor, als müsste ich noch einmal beginnen. Langsam. Andere Läufer neben und hinter mir schnaufen wie Schweine, sie scheinen wie verwandelt. Ihr Einatmen klingt als wären die Nasen voller Polypen, total zugesetzt, nichts geht mehr, und sie grunzen vor sich hin.

S.


 

Ich muss dem Trommeln und Kreischen der Umstehenden widerstehen, kaum ist es möglich. Immer wieder wird der so wichtige Rhythmus gestört. Schon damals im Schwimmunterricht in der Schule war das so, kleine Halle in Ost-Berlin, früh am Morgen. Fünfzig Meter auf Zeit, alle Klassenkameraden schauen zu, Staffel. Alles schreit und feuert an, ich springe, tauche viel zu tief ein - meine Technik ist heute noch schlecht – aus Angst tauche ich zu schnell auf, die Zurufe dringen an mein Ohr. Schneller! Du schaffst es! Meine Arme schießen nach vorn und schaufeln das Wasser hinter mich, scheiß auf Beinarbeit, links, rechts, links rechts, atmen. Nach kaum 20 Metern kann ich nicht mehr und muss auf gemächliches Brustschwimmen umsteigen. Die Gesichter am Beckenrand, noch eben voller Erwartung und Hoffnung ob des furiosen Beginns, spucken mir ihre Enttäuschung ins Wasser, das zähflüssig wird.
Meine Beine laufen jetzt wie die Querstangen von Lokomotivrädern, auf und ab, auf und ab. Man denkt nicht mehr darüber nach, darf es auch nicht, reiner Automatismus. Die Kopfhörer des Mp3-Players sind meine Rettung, schnell stopfe ich sie wieder in meine Ohren. Bloß keine Zurufe, nicht wieder die enttäuschten Gesichter. Musik, die an mir vorbeigeht, die ich ebenso wenig beachte, wie die Häuser und Parks, an denen die Strecke vorbei führt. Bam, Bam, Bam, Elektro, Ts, Ts, Ts, Techno. Ich lasse mich nicht mehr aus dem Rhythmus bringen. Kilometer 12.

Sk. und Ch.

Die Signale, die mein Körper an mein Gehirn sendet, widersprechen sich in immer schnellerem Takt. Wie zwischen zwei Polen, zwei Extremen schwanke ich zwischen Erschöpfung und Wohlbefinden. In einem Moment fühle ich mich noch bärenstark, im nächsten bin ich kurz davor aufzugeben. Von Minute zu Minute, von Sekunde zu Sekunde ändere ich meine Meinung. Mein Zustand scheint in stetigem Schwanken begriffen, nichts scheint wie es ist, nichts ist wie es scheint. Mein Hirn schreit, der Schmerz frisst meine Muskeln auf. Links und rechts von mir traben Mittvierziger mit verzerrten Gesichtern, kein Auge fürs Publikum, starrer Blick auf den Asphalt. Kilometer 17. Auch ein alter Mann ist dabei, der schaut fröhlich und läuft langsam. Lässt sich nicht fressen von der übermotivierten Leistungsmanie all derer, die hier neben ihrem beruflichen Erfolg und ihrem privaten Familienglück auch im sportlichen Bereich Stärke zeigen zu müssen glauben. Ist ja auch ein guter Ausgleich! sagen sie gern zu Freunden. Bei ihnen geht nichts ohne individuelle elektronische Trainingsoptimierung, sie laufen gefühlt immer mit integriertem Champions Chip an den Schuhen, ständig unter Druck, die Zeit läuft.

H.

Die Hälfte der großen Runde durch die Stadt. Kilometer 21. Der Lauf führt durch Randbezirke, immer neue Reihen fünfstöckiger Altbauten mit stuckverzierten Balkonen flankieren das graue Band, auf dem wir laufen. Ich habe leichtes Seitenstechen. Zuviel Luft geholt, zu wenig ausgeatmet – Anfängerfehler. Im Schulsport (du hast deine Sportsachen nicht mit?) hieß es immer, man solle sehr lange ausatmen, weil das hilft, aber ich glaube, das ist Unsinn. Wirklich hilfreich ist nur eine Tempoverlangsamung, runter mit dem Puls, die Atmung wird regelmäßiger. Man hört jetzt schon kaum noch das Hecheln der Anfangskilometer um sich herum. Überall nur noch das routinierte Atmen der (ganz und gar nicht einsamen) Langstreckenläufer. Durch die Nase ein- und durch den Mund ausatmen. Die Luft niemals den gleichen Weg gehen lassen, die Atemwende muss durch das Gehirn verlaufen und jedem Portiönchen Sauerstoff, das ans Hämoglobin gekleistert wird, gibt man eine motivierende Botschaft vom Generalissimus Gehirn mit. Halte durch Musculus adductor longus! Du schaffst es, ist nicht mehr weit Musculus tibialis posterior! Andere brechen bereits ihre letzten Verpflegungsreserven an. Wer hat schon Zeit an den Versorgungspunkten, um eine gatschige, fleckige Banane anzustehen, Dextro Energy passt in die Trikottasche und sorgt für schnelle Power, sagen die Werbeleute. Es werden die letzten Packungen Traubenzucker geschlachtet, quälende Fummelei an winzigen Folienverpackungen. Alle hoffen auf den zweiten Wind.

Ka.

Ich lasse vollkommen los. Löse mich von allem Denken. Das ständige Reflektieren macht den Schmerz nicht weg, man sollte einfach nicht daran denken. Nicht nach dem Warum fragen. Kurz gesagt: Du musst glauben. Laufen ist ab Kilometer 30 eine Religion. Von Hause aus präreflexiv, muss der unbedingte Wille sich fallen zu lassen und an das Weiterlaufen zu glauben von innen aus dir heraus springen. Verabschiedung: Wenn du diesen Bewusstseinszustand erreicht hast, hast du die Möglichkeit des Aufhörens, der Kapitulation verabschiedet. Du könntest immer so weiter laufen. Knirschenden Schrittes, kaum noch federnd, die dreispurige Straße hinunter, Achtung: Gulli! immer weiter. Bei Wanderungen haben wir früher oft simple Kinderspiele betrieben, um uns vom länger und länger werdenden Weg abzulenken. „Wer bin ich?“ war beliebt, führte nämlich ab und an zu Streit á la „Was, der ist doch noch nicht tot!“ – das unterhält. Gern gespielt aber auch das Malfolgenübungsspiel, bei dem man immer brrrrr oder etwas ähnlich sagen muss, wenn die sieben oder ein Vielfaches von ihr an der Reihe ist. Beim Marathon konzentriert man sich auf die Atmung, Einatmen – Ausatmen, was mindestens genauso kindisch ist und man kommt sich dabei auch selten dämlich vor, aber es stärkt den Glauben.

P.s Sturm

Doch nicht. Wind weht mir entgegen (merken die anderen nichts?). Nicht langsam fängt es an, gleich schneidend und kalt von vorn. Nieseln tut es auch. Fühlt sich im Gesicht an, wie ein feiner Film lauwarmer Pisse. Schon während der vergangenen (oder besser verlaufenen) Kilometer hatte der Himmel sich bedenklich zugezogen. Nun ist er dunkelgrau gefleckt und hat bedrohliche Ausbuchtungen. Die Zuschauer am Straßenrand holen neonleuchtende Regencapes aus ihren Rucksäcken. Wir Läufer haben sowas nicht. Meine schweißnassen Haare werden vom Wind nach hinten gesträubt. Auf dem Boden liegen haufenweise von den Schuhen hunderter Läufer zersplitterte Plastiktrinkbecher, die nun zur feuchten Rutschgefahr werden. Muss alles einkalkuliert werden, für die Gesamtzeit ist das ja gar nicht gut. Regen. Lance Armstrong, der so starke wie unbeliebte Dominator der Tour de France, als man noch ungestraft Radsport gut finden durfte, der liebte den Regen. Da lief seine Nähmaschine, hochfrequentes Pedalieren, zu Höchstform auf und er ließ den kraftvollen Stilisten mit der großen Übersetzung, Jan Ullrich, meist in eben diesem Regen stehen. Der mochte es, wenn die Sonne schien und fuhr am liebsten bei 28 Grad im Schatten durch Südfrankreich, aber wer tut das nicht. Immer Contre-la-Montre genau wie wir. Es ist der berühmte Kilometer mit dem Hammer. Schon so viel geschafft, aber die Vorstellung, noch so weit laufen zu müssen, ist quälend. Berlin, Kilometer 34.

N.


 

Plötzlich klart es auf. Erst kleine blaue Risse in der Wolkendecke, dann breitere leuchtende. Strahlen biegen sich durch die schnellziehenden Wolken. Und dann Sonne. Zwar flaut der Wind nicht ab, aber mit der Sonne gemeinsam trocknet er die nassen Haare. Ein großes LC-Display am Rande der Strecke zeigt die bisherige Laufzeit in mannshohen orangenen Ziffern an. Bis auf die Zehntelsekunde genau. Ich liege gut im Plan. Gerade eben gings mir noch richtig dreckig, aber jetzt ist auch ein Ende in Sicht. Kilometer 39. Kurz nach der Anzeigetafel für die Zwischenzeit ist der Moment gekommen, auf den ich gehofft hatte, dessen ich mir aber keineswegs sicher sein konnte. Eine Freundin steht am Straßenrand, sie hüpft und freut sich übermütig, mich endlich im Pulk der Läufer entdeckt zu haben. Es war bis zuletzt nicht klar, ob sie da sein kann, aber sie ist es. Ihr Haar ist offen, obwohl es gerade noch geregnet hat, trägt sie keine Jacke oder gar einen dieser Ponchos aus Plastik. Ich laufe zu ihr an den Rand, umarme sie, sie küsst mich auf die Wange, dann gibt sie mir einen Klaps auf den Rücken. Lauf weiter!

Ithaka

Ich bin nun deutlich schneller geworden. Das ist der letzte Kilometer. Der Zielbereich mit den vielen Zuschauern und dem Dröhnen der Lautsprecher ist wie ein Brausen, dem ich mich nähere. Jetzt noch alles geben. Vor mir rennt ein junger Bursche, deutlich jünger noch als ich. Er ist schnell, ich hefte mich an seine Fersen. Sein Tempo ist jetzt auch mein Tempo und gemeinsam überholen wir zehn, zwanzig andere. Auf der Zielgeraden ist jeder unser Feind. Nur wir rennen nun Seite an Seite, Schulter an Schulter und stechen die Gegner aus. Wenn wir könnten, würden wir keinen übrig lassen. Haben wir nicht schon den Schmerz der vielen Kilometer besiegt? Wir können nun alle schlagen. Mit meinem verkniffenen Gesicht und abgekämpft wie ich bin, wäre ich wohl für die meinen kaum wiederzuerkennen. Wir kämpfen uns soeben durch eine ganze Gruppe hindurch, das Zielbanner ist klar vor uns zu sehen, die restliche Strecke schnurgerade. Einigen scheint es einen Stich zu versetzen, wenn mein junger Freund und ich sie überholen. Sie versuchen den Anschluss zu halten, wollen noch mit uns kämpfen, aber wir hängen jetzt jeden ab, am Ende scheint es uns, als wären wir allein. Im Ziel. Ich weiß jetzt – Wo mein Bett ist.


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