Vuvubéla, Béla-Stop

geposted von ole
05.07.2010 00:30
Spielerisch war die Fußball-WM in Südafrika, mit Ausnahme der deutschen Mannschaft, eine einzige Enttäuschung. Ein Großteil der Spiele war schwach und langweilig. Noch schlechter war da nur noch die mediale Berichterstattung von ARD, ZDF und RTL. Gut, dass es den Liveticker der 11 Freunde gibt. Der rettet sogar Paraguay-Japan und Slowenien-Algerien.


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Am vergangenen Freitag hat die Frankfurter Allgemeine, so wie es in der Endphase sportlicher Großereignisse üblich ist, ein erstes WM-Fazit gezogen: allerdings nicht über das sportliche Niveau der nunmehr schon 60 absolvierten Spiele der Fußball-Weltmeisterschaft 2010, sondern über deren mediale Simulation und Repräsentation. Kurz gesagt: über die schon seit Jahren besorgniserregenden Übertragungen der öffentlich-rechtlichen Sender und die Bemühungen von RTL, zwischen all den Verbraucherinformationen auch ein paar Sätze über Fußball zu verlieren.

Zu welchem Ergebnis die Feuilleton-Redaktion der FAZ kam, überrascht keineswegs: Steffen Simon, die Geißel jedes deutschen Fußballfans, wurde treffend als »intonationswütiger« Dummschwätzer charakterisiert, die peinlichen Kommentare Jürgen Klinsmanns auf RTL zurecht als Ausweis für das Fehlen jeglichen Fachwissens bewertet und einzig Mehmet Scholl die inflationär benutzte Bezeichnung »Experte« zugestanden.
Nun ist die Kritik an der journalistischen Qualität der Sportsendungen zu Olympischen Spielen und internationalen Fußball-Meisterschaften so alt und oftmals so unbefriedigend wie der Gegenstand der Diffamierung selbst. Dennoch verwundert es jedes Mal aufs Neue, wie groß die Diskrepanz zwischen dem ist, was Sportjournalisten in den Printmedien – allen voran in den Redaktionen der überregionalen Tageszeitungen – über den Sport, Taktik und Psychologie des Fußballs schreiben und dem, was wir seit jeher von ARD, ZDF sowie RTL und Sat 1 geboten bekommen. Warum scheinen kompetente Sportjournalisten so konsequent das Fernsehen zu meiden? Tritt mit der Gebührenerhöhung, also der bald eingeführten Haushaltspauschale, endlich Besserung ein, wenn die Sportredaktionen der TV-Sender höher budgetiert werden können – und somit vielleicht ein journalistisches »brain drain« stattfindet?


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All diese Fragen lassen sich nicht auf die Schnelle beantworten. Anstatt über diese unerfreulichen Dinge nachzudenken, lohnt dafür aber ein Blick auf die einzige wirklich überzeugende, humorvolle wie intelligente Auseinandersetzung mit der WM 2010: den Online-Liveticker der 11 Freunde.

In den vergangenen Monaten ist viel über die 11 Freunde geschrieben worden. Anfang des Jahres feierte das »Magazin für Fußball-Kultur« sein 10jähriges Bestehen und präsentierte stolz die 100. Ausgabe, die inzwischen Auflage von 100.000 Exemplaren erreicht – Tendenz weiter steigend. Und nachdem in der vergangenen Woche bekannt wurde, dass das große Verlagshaus Gruner+Jahr Anteile an den 11 Freunden erworben hat, muss man sich zudem um die Persistenz des Magazins vorerst wohl keine Sorgen machen.
Doch nicht die monatlichen Ausgaben der 11 Freunde sind es, die zurzeit den WM-begeisterten Fußballfan beglücken, der allen alltäglichen Pflichten entsagt, um die sonnigsten Wochen des Jahres vor dem Fernseher bzw. der Leinwand zu verbringen. Im Gegensatz zur Printausgabe – artifarti berichtete – ist der Online-Auftritt der 11 Freunde über jeden Zweifel erhaben. Nahezu jedem WM-Spiel wurde in den letzten Wochen ein eigener Liveticker gewidmet, der synchron zum Spielgeschehen und aus der Perspektive des Fernsehzuschauers von den Spielen am Kap berichtete.
Was dabei heraus kommt, übertrifft an Humor und Kunstfertigkeit nicht nur alles, was sonst noch durch die medialen Fußball-Sphären fliegt, es demaskiert zudem das Pseudo-Expertentum, das sich in den TV-Studios und auf den Pressetribünen der südafrikanischen Stadien im Auftrag der Gebührenzahler breit gemacht hat. Wenn die 11 Freunde – namentlich die Kollegen Gieselmann, Vogelsang, Raack, Jonas, Bock, Ehrmann, Kuhlhoff und Ulrich – über Fußball schreiben, spricht aus ihren Worten neben der puren Freude und Liebe am Spiel vor allem der Wille, die Schönheit dieses Sports gegen die Simons, Müller-Hohensteins und Jauchs dieser Welt zu verteidigen. Jüngst erhielt die Online-Redaktion der 11 Freunde für ihren Liveticker den Henri-Nannen-Preis, in der Kategorie »Humor«.

Zwar grüßen die 11 Freunde öfters aus der Wortspielhölle – etwa, wenn sie Siege Hollands mit »Toooranje« und »Aus dem Sneijder« bejubeln oder Mesüt Özil nach dem Ghana-Spiel als »Erlözil« feiern –, doch finden sie umso häufiger die richtigen Worte, wenn es darum geht, Dinge zu beschreiben, über die wir sonst nur staunend schweigen: z.B. Özils »Ecstasy-Pässe« auf Podolski, nach denen dieser »loveparadet« oder Italiens Treffer gegen Paraguay, bei dem De Rossi den Ball ins Tor »hasst«, kurz bevor sich »die 22 Fußballfeinde« in die Kabine verabschieden. Oder wenn die Reporter von ARD/ZDF wieder einmal in Floskeln zu ertrinken scheinen, wenn sie also »rubenbauern« (eine der unzähligen Neologismen für die Art und Weise des Kommentierens) oder allem Anschein nach bloß »ihr eigenes Spiegelbild kommentieren.«


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Im Gegensatz zu den Kollegen von RTL, die den Zuschauern bei jedem ihrer live übertragenen WM-Spiele eine »Show« bzw. eine »Fußball-Gala« versprechen und dementsprechend enttäuscht werden, verstehen die 11 Freunde etwas von dem Spiel, das sie sehen und kommentieren. Das vielleicht schönste Beispiel dafür lieferte die Vorrundenpartie der wunderbaren Spanier gegen Honduras (2:0), in deren 89. Minute es im Liveticker heißt:

»89.
Noch zwei, drei Alibi-Angriffe der Spanier, die daherkommen wie das leicht durchsichtige Sommerkleid einer schönen Frau, unter dem sich ihre Rundungen, ihr Schamberg abzeichnet. Man kann erahnen, dass da mehr ist, man kann sich ausmalen, was da alles noch sein könnte, wie es sich anfühlt. Doch sie wird nicht mehr zeigen, dann steigt sie auf ihr Rad und radelt davon. Und zurück bleibt nur die Ahnung und das Gefühl, um eine Ekstase betrogen worden zu sein.«


Das literarische Talent der Ticker-Texter ist nur einer von vielen Gründen, warum es sich lohnt, neben dem Fernseher auch den Liveticker laufen zu lassen. Gerade bei dieser akustisch so enervierenden WM ist der Online-Ticker die beste Alternative zu Vuvuzela und Béla Réthy (»Vuvubéla«), ist also Vuvu-Stop und »Béla-Stop« in einem. Und so haben die 11 Freunde spätestens bei dieser Fußball-WM einen neuen Trend gesetzt, zumindest für einen treuen Leserkreis: statt Public Viewing ist das Parallel Viewing – Fernseher nebst Laptop mit Liveticker – die neue Form des genussvollen Fußballschauens, am besten zuhause.

Noch vier Spiele werden bei dieser WM ausgetragen, noch viermal gibt es den WM-Liveticker auf 11freunde.de, am Dienstag, Mittwoch, Samstag und Sonntag jeweils um 20.30Uhr. Zweimal werden wir das deutsche Team noch bestaunen dürfen, noch zweimal werden die Emotionen von Millionen Fans von den 11 Freunden in die richtigen Worte gegossen. Hoffentlich werden wir noch einige Tickereinträge wie den folgenden aus der zweiten Halbzeit des Deutschland-Argentinien-Spiels (»Geboren am 3. Juli«) lesen:

»67.
Boateng jetzt wie Wolfgang Weber, als er sich in der Partie 1. FC Köln gegen den FC Liverpool das Wadenbein brach und 60 Minuten weiterspielte. Schleppt sich, keucht, alles schmerzt. Dann der Pass und noch einer, Poldi! Schießt er? Bitte nicht! Nein, er handelt sinnvoll! Warum auch immer! Er schiebt den Ball in die Mitte, so soft wie ein Slice von Steffi Graf, da steht Miro, Miro, ich liebe dich! Und er leckt ihn rein! TOOOOOOOOOOOOR! Es ist das 2:0! Das 2:0! Gegen Argentinien! Notiert Euch das, tätowiert euch das, liebe Fans! Ich breche mit sofortiger Wirkung zusammen.«


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Kommentare

12.08.2010 08:26
jo
männer, die auf siege starren:
http://11freunde.de/international/131492/maenner_die_auf_siege_starren