Dominus Flevit - Der Herr weinte

geposted von julianlange
25.08.2010 19:00
Wenn man geliebt werden will, darf man nicht über israelische Politik diskutieren. Wie einst Jesus Christus schauen wir heute auf Jerusalem: Kenntnisreich, aber aus der Ferne. Unser Autor julianlange, der kommende Woche ins Heilige Land aufbricht, über Israel.


  Blick aus der Kirche Dominus flevit. Von hier sah Jesus auf Jerusalem herab und weinte über ihre bevorstehende Zerstörung.
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Jerusalem ist keine Stadt. Jedenfalls keine normale, wie etwa Hannover, Marseille oder Turin. Jerusalem ist eine Idee, eine Personifikation, ein Abbild der Menschen, die die Stadt bewohnt haben, bewohnen wollen, bewohnen und bewohnen werden. Die kulturelle Aufladung des Topos „Jerusalem“ gleicht nur jener von „Rom“ und „Athen“ in der Antike, „Neuer Welt“ im 19. und „New York“ im 20. Jahrhundert. Im Unterschied zu ihnen besaß und besitzt Jerusalem diese Heiligung über die Zeiten hinweg. Es war geopolitisch noch nie unwichtig, wer über die Stadt herrscht. Und so standen auf dem Berg Moriah schon verschiedenste Herrschaftsinsignien: Jüdische Tempel (der erste salomonische und nach der Zerstörung durch Nebukadnezar II. auch der zweite herodianische), nach der Zerstörung durch die Römer eine Augustusstatue, später durch Justinian eine Marienkirche, nach der Machtübernahme der Araber der Felsendom und die Al-Aqsa-Moschee. Nur die besondere Aufladung dieses heiligen Fleckens (wer hier baut, der herrscht), erklärt die enorme Bedeutung, die ein wahrlich kläglicher Mauerrest dort für die Juden hat (die Klagemauer ist seit dem Sechs-Tage-Krieg 1967 wieder für Juden zugänglich). Das machtpolitische Zentrum der Welt mag sich heute irgendwo zwischen Washington und Peking befinden, die Kultur der Menschheit (wenn darunter zum Beispiel Humanität, Toleranz, gespeicherte Geschichte und angehäuftes Wissen verstanden werden) zentriert sich in Jerusalem.


  Der Tempelberg mit der Klagemauer im Vordergrund. Drei große Weltreligionen und unterschiedlichste Konfession, Sekten, Untergruppierungen haben hier wichtige bis wichtigste Heiligtümer.

Der Staat Israel ist ein fragiles Gebilde. Es ist der letzte Staat der Welt, der im Geiste des 19. Jahrhunderts gegründet wurde und noch heute lebt. Wie europäische Staaten sich auf der Idee errichteten, eine Nation und ein Volk zu sein, so entstand der Zionismus aus dem Willen, eine Zuflucht zu schaffen einem Volk, das mehrfach von Ausrottung bedroht wurde und wird. So territorial unbedeutend die winzige Fläche des Staates ist, so aufgeblasen die politische Signifikanz. Der Haus- und Hofphilosoph der kämpferischen Linken in den 60er-, 70er-Jahren, Jean-Paul Sartre, stellte moralische Ansprüche an diesen Staat: „Man muss mehr von Israel verlangen“, schrieb er und drückte damit seine sehr europäische Hoffnung aus, dass der ideengeleitete Zionismus nicht in einen jüdischen Nationalismus umschlüge und so zum verlängerten Arm des amerikanischen Imperialismus würde, sondern ein Philosophenstaat sein müsste. Hier liegt ein Grund dafür, dass das Thema Israel in Europa neben „Amerika“ das einzige Thema ist, das Beschuss von links und rechts ausgesetzt ist (oft auch in der Verbindung: die jüdische Lobby im White House).


  Aufbau eines Kibbuz in Westgaliläa. Hohes Ziel des Zionismus war und ist die Bewirtschaftung des Bodens. Den Boden des biblischen Landes fruchtbar zu machen, betrachten Juden als geradezu heilige Aufgabe.

Da retten sich die von Ausrottung gerade noch verschonten Juden an die Mittelmeerküste, beackern Wüste und Steppe, stampfen Städte, Infrastruktur und einen Industriestaat aus dem Boden und sehen sich zugleich gezwungen, ihre Häuser mit Waffengewalt zu verteidigen und sich dafür in der Welt moralisch zu rechtfertigen. Kein Wunder, dass Jerusalem zu keinem Zeitpunkt unpolitisch ist, immer erregt, immer unter Hochspannung. „Als ich nach Jerusalem kam, wollte ich mich entspannen. Aber hier entspannt sich niemand.“, schrieb Saul Bellow Ende der sechziger Jahre in einem Israel-Reisebericht. Statt dessen scheint ganz Israel ein Debattierklub, egal ob in der Knesset oder an der Bushaltestelle.

Israel, das ist jahrhundertelang die intellektuell-geistliche Heimat der Juden in der Diaspora gewesen. Israel, das ist heute ein kritikwürdiger Staat, der aber nicht Heimatgefühle evoziert, nur weil Mose vor 3000 Jahren dort gelebt hat. Israel, das ist ein Staat mit unsicherer Realität, eine Luftblase, die jederzeit zerplatzen könnte. In Amos Oz´ Doppelporträt „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“, in dem er seine eigene Gelehrtenbiographie mit der Lebensgeschichte des Staates Israel kurzschließt, phantasiert seine Mutter häufig von glänzenden Dachschindeln und hügeligen Graslandschaften mit verschlafenen Dörfern, eine rurale Idylle, die in ihrem Herkunftsland Polen verwurzelt ist und keineswegs in der karstigen, sandigen Wüstenei Israels. Wie können also die Juden heimisch werden in einem Land, in dem sie nicht erwünscht sind und in dem die ersten Generationen keine rechten Wurzeln schlagen konnten?


  David Grossman, dessen jüngster Roman als "Epos seines Landes", "Meilenstein der hebräischen Prosa" oder einfach "Weltliteratur" gefeiert wurde

Der umfangreiche Roman des Friedenspreisträgers David Grossman erzählt die Geschichte einer Frau und eines Landes. Und zwar in ganz buchstäblicher Form, denn um das geistige Israel (die Idee, der Staat, die Politik) zu verdrängen, durchwandert die Protagonistin von „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ Judäa. Während ihr Sohn seinen Armeedienst im Libanonkrieg 2006 leistet, ist Ora nicht erreichbar. Sie will verhindern, die Nachricht vom Tod ihres Sohnes zu erhalten. Es ist die Möglichkeit einer Nachricht, der der Empfänger verweigert wird, die hier den Schlüssel zum Verständnis gibt. Der formal irrationale Wunsch, die Nachricht nicht anzunehmen und somit ihre Realität zu verhindern, spiegelt die Unmöglichkeit, sich dem Staat und der Politik Israels zu entziehen. Gleichzeitig verbündet sich Ora geradezu mit dem Land, der Erde, gräbt sich einmal sogar in den mit Blut erkauften Boden ein. David Grossmans Sohn starb während der Arbeit an diesem Roman als Soldat im Libanon. Die Nachricht ist nicht zu verweigern, um die Realität kommt man in Israel nicht herum.

Was ist Israel als Idee heute wert und mit wieviel Realität muss man sich konfrontieren? Der Autor dieses Textes reist am 1. September (Weltfriedenstag) ins Heilige Land und wird hernach auf artifarti berichten.

Kommentare

31.08.2010 11:40
weini
das ist ein sehr lesenswerter artikel, in dem der aktuelle zustand des landes meiner meinung nach sehr treffend wiedergegeben wurde. man kann darauf gespannt sein, was nach der konfrontation vor ort geschrieben wird.

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