Nie mehr alleine sein - 100 Jahre FC St. Pauli

geposted von benjamin
06.10.2010 23:06
Der FC St. Pauli feiert in diesem Jahr sein 100jähriges Bestehen und geht in einer Ausstellung auf die Suche nach der eigenen Geschichte und Identität. Sie wirft die Frage auf, warum der FC St. Pauli trotz bescheidener Mittel und ausbleibendem Erfolg zu den populärsten deutschen Fußballvereinen gehört und verdeutlicht, dass der Kiezclub längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Eine Beobachtung von benjamin

Niemand siegt am Millerntor. Und selbst Gästefans können damit leben.
  Niemand siegt am Millerntor. Und selbst Gästefans können damit leben.
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Man soll die Feste feiern, wie sie fallen. Den eigenen Geburtstag feiert man pro Jahr exakt einmal. Zu einem rauschenden Fest inszeniert man diese Tage jedoch in den meisten Fällen nur an den sogenannten "runden" Geburtstagen - 20, 30, 40 usw. - und grundsätzlich unrunden Geburtstagen, die tradtionelle oder aktuelle Demarkationslinien zwischen für jedermann erkennbaren oder rein subjektiv empfunden Lebensphasen eines Jubilars ziehen. Mit 18 lockt die automobile Freiheit und damit die Einlösung des Versprechens, die Sehnsuchtsorte der adoleszenten Vorortjugend ebenso erreichen zu können wie das Date mit der Herzensdame - die natürgemäß erst 16 ist und gefälligst beeindruckt werden muss. Mit Vollendung des 25. Lebensjahres gilt man gemäß des Bundeskindergeldgesetzes nicht mehr als (förderungswürdiges) Kind. Egal, wie jung man sich fühlt. Mit 67 winkt die Verrentung. Es sei denn, der Tod senst rücksichtslos dazwischen.

Institutionen wie Fußballvereine haben es da vermeintlich einfacher. Als Zusammenkunft einer Interessensgemeinschaft wird das Interesse, die Passion und die Identifikation der Mitglieder mit einem Verein an die nachfolgenden Generationen weitergegeben. Die Mortalitätsrate von Fußballvereinen ist jedoch gering. Einstige regionale Schwergewichte wie der STV Horst Emscher müssen begraben werden, unzählige Vereinsneugründungen in den vergangenen 60 Jahren machen jedoch deutlich, dass das Gekicke gegen das runde Leder auch in einer rapide alternden Gesellschaft immer mehr Freunde findet.
Dass ein solcher Generationenvertrag funktioniert, wird dann ersichtlich, wenn die Vereine, die im grellen Rampenlicht der Showbühne Bundesliga aufspielen, ihr rundes Jubiläum feiern.

Frachtgut Kultur - Wir sind in Hamburg
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Seit dieser Bundesligasaison spielt einer der ewigen Underdogs des deutschen Profifußballs wieder im Konzert der Großen mit. Der FC St. Pauli stieg im Sommer nach achtjähriger Abstinenz wieder in das Fußballoberhaus auf, in dem die "Kiezkicker" nun mit starken Auswärtsleistungen und einem ebenso reisefreudigen wie lautstarken Anhang ihren Beitrag dazu leisten, dass die Tabelle aktuell nicht die monetären Verhältnisse in der Liga widerspiegelt. In diesem Jahr feiert der Verein sein einhundertjähriges Bestehen. Er feiert es mit Konzerten, Vereinsfesten und Jubiläumsspielen. Und er erinnert an längst vergangene Schlachten - wie den einzigen Derbysieg gegen den blasierten Nachbarn aus Stellingen. Und Schlachter - in den ersten Nachkriegsjahren lockte St. Paulis Abwehrbolide Karl Miller zahlreiche Spitzenspieler mit Köstlichkeiten und Extrawürsten aus der familieneigenen Fleischerei ans Millerntor.

Temporärer Ort der bleibenden Erinnerung sind knapp fünfzig Seecontainer, die auf dem Vorplatz der Südtribüne am Millerntorstadion die Ausstellung "Das St. Pauli Jahr100" beherbergen. Noch bis zum 31. Obtober können Besucher auf rund 800 Quadratmetern Ausstellungsfläche dem "Phänomen FC St. Pauli" nachspüren. Was es damit auf sich hat, wollte auch ich als Anhänger des SV Werder Bremen immer schon wissen. Denn kaum einem Verein wird trotz einhundertjähriger Titellosigkeit eine solch immense mediale Aufmersamkeit geschenkt. Darüber hinaus ist der Club in den vergangenen Jahren zum Paradies für Sympathiewellensurfer geworden. Eine Entwicklung, die einige eingefleischte Anhänger der St. Paulianer auf die Palme bringt.

Folglich gießt die Ausstellung zunächst das Fundament für die wichtigen Fragen und Diskurse rund um den Stadtteilclub und seine Identität. Im ersten Bereich der Ausstellung durchschreiten die Besucher Container, in denen anhand einer reinen Exponatsschau erläutert wird, was es mit dem Vereinswappen, den Vereinsfarben ("Hamburg ist braun-weiß") und Symbolen wie der Totenkopfflagge auf sich hat. Fotografien und Modelle illustrieren das jahrzehntelange Ziehen und Zerren um den Umbau des Millerntorstadions, das nun peu à peu modernisiert wird. Die einzigartige Atmosphäre zu konservieren, den durch das Viertel donnernden "Millerntor-Roar" einzufangen und auf engsten Raum in einer Videoinstallation zu bannen, ist ein kühner Versuch. Die Ausstellung lockt den Besucher in eine Dunkelkammer, in der ein im Zeitraffer ablaufender Film die 24 Stunden rund um ein Heimspiel der Braun-Weißen auf wenige Minuten zusammenpresst. Der Film kann nur behelfsweise einen Stadion-Besuch wiedergeben. Er kann nur Andeutungen machen, Appetizer sein, Lust auf mehr machen: Eine Peepshow für das Fußballkulturpublikum.

Natürlich kann eine Rückblende auf 100 Jahre Vereinshistorie die sportliche Berg- und Talfahrt der Kiezkicker nicht unerwähnt lassen, denn "entscheidend ist immer auf dem Platz". Und so findet sich eine Auseinandersetzung mit der Rolle des Vereins im Nationalsozialismus ebenso in den Containern wieder wie ein Rückblick auf den ersten Bundesligaaufstieg des biederen Stadtteilclubs 1977 - ein auf Pump finanzierter Höhenflug mit Vereinslegenden wie Walter Frosch - oder die Reminiszenz an die "Weltpokalsiegerbesieger" von 2002, die nach der Party den Durchfall in die Drittklassigkeit nicht stoppen konnten.

Einen gelungen Überblick über die Clubhistorie, seine Fans und die größten Flankengötter gibt auch folgende NDR-Reportage




Weiter führt die Route in Räume, die vollgefrachtet mit Devotionalien, den Fokus auf die besondere Fanstruktur des Clubs legen, ehe zum Ende der Ausstellung Selbst- und Fremdbild des Vereins verglichen werden. Der FC St. Pauli im Spiegel der öffentlichen und medialen Wahrnehmung. Dass beide Ausstellungsbereiche thematisch eng miteinander verknüpft sind, liegt auf der Hand. Der Grundstein für heutige Diskussionen, die um die Identität des Vereins aus dem ehemaligen Arbeiterviertel kreisen, wurde in den 1980er Jahren gelegt. Als immer mehr Fürsprecher und Anhänger aus der Hausbesetzerszene an der Hafenstraße rekrutiert werden konnten und den Weg ins Stadion fanden. Als Doc Mabuse die zündende Idee hatte, eine Totenkopfflagge auf einen Besenstiel zu nageln, um die Fahne im Wind der Fanchoräle und Akklamationen flattern zu lassen. Und als den FC St. Pauli und seine Schlachtenbummler der Hauch des Alternativen umwehte, der bis heute als Basisnote wahrgenommen wird. Intern hat dies zu einer bottom-up-gerichteten Fanpolitik geführt, extern wurde der Verein reizvoll für alle, die mit dem kommerziellen Fußballbetrieb wenig anfangen konnten oder sich von der alternativ-linken Symbolik angezogen fühlten. Für den Rest der Fußballgemeinde, sofern er sich nicht in einer politisch eindeutig rechten Ecke eingenistet hatte, wurde der Verein zumindest sympathisch. Oder Kult! (Hier kann jeder einmal den Vereinsnamen "FC St. Pauli" in Verbindung mit dem Wort "Kult" bei google eingeben.

Weder Himmel noch Hölle - St. Pauli
  Weder Himmel noch Hölle - St. Pauli

Doch in den letzten Jahren falle ein gewisser St.Pauli-Bonus im Rest der Republik weg, konstatiert Thees Uhlmann, Sänger der Band Tomte und Hamburger Befindlichkeitsprediger, auf Spiegel Online: "Es kommt einem so vor, als ob das Land langsam diesem ganzen Paadie-, Freibeuter-der-Liga-, Buntes-Viertel-Kultes überdrüssig geworden ist. Jeder kennt einen, der ein Totenkopf-T-Shirt trägt, sich aber gar nicht für Fußball interessiert. Ich prangere das nicht an. Ich stelle es fest." Der Verein, und das versucht auch die Ausstellung deutlich zu machen, vollführt momentan einen Spagat, in dem man als letzter Stadtteilverein im deutschen Profifußball nicht an den eigenen Wurzeln, die in St. Pauli besonders stark links wachsen, sägen darf. Und dennoch konkurrenzfähig im bei den Massen populären Zirkus Bundesliga bleiben will.

Ein neues Stadion, ein Sponsorenvertrag mit dem Automobilhersteller Mini oder die Vermietung von Logen an die Werber von Jung von Matt sind daher kein Sündenfall. Es sind moderate Neuerungen, die die Tradtion keineswegs außer Acht lassen. Sie sind weniger ein Zeichen für einen strukturellen Wandel des Vereins als vielmehr Anzeichen für einen Wandel der Gesellschaft in den vergangenen Jahren. Die Mitte der Gesellschaft hat ihren kulturellen und ästhetischen Horizont vermeintlich nach links erweitert oder zumindest alternativen Lebensstilen inhärente Symbole adaptiert. Sebastian Hammelehle beobachtete zu Jahresbeginn in der SPEX: "Dabei leben wir in einer Zeit, in der sich Rechte und Rechtsliberale längst einstmals linker Kleidungscodes ebenso bemächtigt haben wie angestammt linker Stadtviertel, in der in Deutschland der langjähige CDU-Generalsekretär fast wie der Manager einer Ökostromfirma daherkommt und im SPIEGEL radfahrende Kreuzberger als FDP-Wähler posieren - einer Zeit, in der nichts irreführender ist als der Gedanke, man könne noch, wie in den Achtzigern [...]" mithilfe von Stilmerkmalen auf die Gesinnung schließen. Eine Zeit, in der grün mit schwarz regiert.

Das Herbeisehnen traditioneller Strukturen in den Fanforen ist so besehen auch nicht mehr als ein Schrei nach einem Orientierungsrahmen. Hier wiederum sind der Verein und die Fanladenszene auch in den kommenden Jahren gefragt und gefordert. Sie müssen den Dialog moderieren. Sie müssen den vor dreißig Jahren zusammengetischlerten braun-weißen Rahmen erhalten, wo es nötig ist, ausbessern und erweitern, ohne das Gemälde, die Liebe zum Verein, zu beschädigen.

Und letztlich geht es hier nicht um Leben oder Tod. Es geht um Fußball, Fans und Stanis Kaffeekonsum. Es geht um das Fest im Wochenrhythmus. Jedes Spiel ist ein kleines Jubiläum für den ewigen Underdog. Denn dieser wird er mittelfristig bleiben. Da mag der Barde Uhlmann noch so gebetsmühlenartig mit den Worten rudern und Konstanz herbeisehnen.

Die See bleibt rau. Aber "You´ll never walk alone". Und auch der Thees mit der staubtröpfelnden Stimme weiß, dass Pauli nun mal allzu kokett ist, um nicht von neutralen Fußballfreunden angeflirtet zu werden. Aber die innige Liebe ist nur den Fans vorbehalten: "Würde es gehen, würde ich dich umarmen. Das hier ist Fußball. Das hier sind Dramen."




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Die Ausstellung "Das St. Pauli Jahr100" läuft noch bis zum 31.10.2010 und hat täglich von 12 bis 20 Uhr geöffnet.
Mehr Infos auf der Jubiläumswebsite.

Fotos: FC St. Pauli

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