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Kultur im Oktober in hundert Wörtern
02.11.2010 09:20
»Die Kolumne gehört zweifelsfrei zu artifarti«, sagte Christian Wulff jüngst in einer seiner historischen Reden. Da wir uns den Worten unseres Bundespräsidenten verpflichtet fühlen, haben wir uns diesen Monat besonders viel Mühe gegeben und wirklich alles integriert, was der Oktober so hergab: Kunst, Literatur, Musik, Politik, Tanz, Comics, Video, Stefan Raab, Nobelpreise. Ach, nie waren wir besser!
ole Fernand Khnopff: »I lock my door upon myself« Jeder Versuch, dem Blick dieser jungen Frau standzuhalten, misslingt. Und doch kann man nicht von ihr lassen, denn ihre hellen Augen sagen uns, ich bin nicht mehr in eurer Welt. Die Tür, die sie mit dem verbindet, was wir Realität nennen, ist längst ins Schloss gefallen. Dort, wo sie ist, gibt es nur Traum und Melancholie, der Kopf von Hypnos über ihr, drei welke Lilien auf dem Tisch. Gemalt wurde dieses Kunstwerk vom belgischen Symbolisten Fernand Khnopff schon 1891. Für mich aber ist es mein persönliches Bild des Monats. Wer mir eine Freude machen will, der schenke mir dieses Bild.
julianlange Renate Künast in Berlin Die Grünen in Berlin sind das pure Vermögen. Umfragen sehen die Partei, die in Friedrichshain, Kreuzberg, Pankow und Mitte gewählt wird, als stärkste Partei Gesamtberlins. Die Grünen mit Renate Künast sind ein Versprechen, das seine volle Potenz solange besitzt, wie es sich nicht aktualisiert, in einen Akt übersetzt wird. Denn etwas, das real wird, beschränkt sich zugleich: Man hatte mehr erwartet. Wie verhalten sich die Grünen, wenn sie regieren, in wirtschaftlichen Fragen? Wie wollen Sie Politik für Reinickendorf machen, wo die Grünen nicht verankert sind, oder für Bürger, die den Bildungsstand der grünen Studienratsklientel nicht genießen (Marzahn-Hellersdorf). Dann lieber Baden-Württemberg.
johanna Ganz nah dran. Alexander Lorenz im Atelier bei PACT Zollverein. Auf sieben Röhrenbildschirmen flimmern Bilder vor meinen Augen: Alexander Lorenz lässt mich in seiner Videoinstallation "VII konkrete Erinnerungen" mit seinen Protagonisten teilen. Auf den Bildschirmen wechseln sich jeweils ein stilles Personenporträt mit einer Landschaftsaufnahme ab, dazu Kindheitsgeschichten vom Leben im Arbeiterviertel, Spielen an den Bahngleisen, fiesen Fräulein-Lehrerinnen. Auf einmal merke ich, dass jede liebgewonnene Stimme ganz viele ist. Und da steht der Mann neben mir, der gleichzeitig vor meinen Augen sitzt. "Ich wollte mich nur mal sehen." Ich reiche ihm einen Kopfhörer, damit er sich auch hören kann. "Das bin ich gar nicht." Wie dicht Sein und Nichtsein nebeneinander liegen.
ole Agnes Obel Zugegeben: Dass wir ihre Musik schon im Fernsehen hörten (T-Mobile-Werbung), bevor wir ihren Namen kannten, und dass sie längst in das hippe Berlin gezogen ist, um sich kreativ auszutoben, macht die Dänin Agnes Obel nicht gerade sympathischer. Da ist ihre Musik schon besser. Mit ihrem Debütalbum »Philarmonics« und als Support von I Am Kloot war sie im Oktober in Deutschland omnipräsent. Gleich zweimal in vier Tagen besuchte sie etwa Hamburg. Und kein besseres Ambiente hätte Frau Obel finden können als die Prinzenbar – wäre da nicht ihre nervige Cellistin gewesen! Und vielleicht noch der ein oder andere große Song. ____ julianlange Nochmal Steven Uhly "Mein Leben in Aspik" Der Deutsch-Bengale Steven Uhly hat den vielleicht besten Roman des Jahres veröffentlicht und außer einem gewissen Florian Illies und artifarti-Autor clemens hat es niemand gemerkt. Die groteske Familienchronik „Mein Leben in Aspik“, erschienen im Zürcher Secession Verlag, passt nicht nur farblich perfekt unter den Weihnachtsbaum. Wer das Buch schon vor dem Heiligen Abend und all den Feierlichkeiten und Fressorgien mit der „lieben Familie“ gelesen hat, für den wird das Rencontre mit der buckligen Verwandtschaft erst zum wahren Highlight. Die von sexuellen Banden entfesselten postmodernen Buddenbrooks werden Dich auf andere Gedanken bringen. Black Christmas. Kaufen! Lesen! Weitersagen! ____ clemens Mit Verlaub HC, Sie sind ein Arschloch Hetzparolen, Haifischgesicht, HC Strache. "Mehr Mut für unser Wiener Blut - Zuviel Fremdes tut niemandem gut". Von den Wahlplakaten schlägt einem die Hetze ins Gesicht. Das ist so durchschaubar wie die Casio-Uhr mit Geek-Brille, traurig wie Michael Ballack und rechts wie à droite. Mancher versteht es trotzdem nicht, deshalb verpackt es die FPÖ noch mal in einem Comic. Der Wahlheld in Superman-Kostüm heizt den kleinen arischen Bub an, dem Mustafa doch mal richtig eins mitzugeben. Peinlich – aber anscheinend nicht peinlich genug: die FPÖ holt am 10. Oktober 25,8 Prozent der Wiener Stimmen. Wo blieb eigentlich die Empörung der deutschen Medien?
ole Mario Vargas Llosa Niemand hat das Leben unter, das Kämpfen gegen und das Wesen von Diktaturen besser beschrieben als er (Das Fest des Ziegenbocks, Maytas Geschichte), niemand hat bewegende Liebes- und Künstlergeschichten so leichtfüßig und humorvoll miteinander verwoben wie er (Tante Julia und der Kunstschreiber), niemand hat so erhellend in das archaische Dunkel Lateinamerikas geschaut wie er (Tod in den Anden) und niemand kann pointierter und scharfzüngiger alte Gemälde mit jungen Geschichten füllen als er (Lob der Stiefmutter). Er: das ist Mario Vargas Llosa und hat – falls es jemand noch nicht weiß – nun endlich den Literaturnobelpreis erhalten. Alles Weitere steht in seinen Büchern. benjamin "Matula! Leg mich auf!" Die EP »Colors« und das Album »Burst« von The Pass Natürlich hat man ihn nicht gewählt. Zu glatt, zu poliert war er. Der 32-jährige Lufthansa-Pilot war angetreten, um TV-Entertainer Stefan Raab in der jüngsten Ausgabe des Quotenschlagers „Schlag den Raab“ das Fallen zu lehren. Allein er durfte nicht. Das TV-Publikum wählte eine andere. Eine harte Landung trotz der besten Trailer-Musik. The Pass lieferten mit ihrem glattpolierten Synth-Pop-Stomper »Crosswalk Stereo« die ideale „Wahlkampfmelodie“. Die Band aus Louisville (Kentucky) gräbt weiter, wo Hot Fuss einst steckenblieb. Sänger Kyle Peters kann Brandon Flowers, kann James Mercer, kann auch singen. Wer nach dem Sirenen-Pop von Passion Pit nicht dem Disko-Tod erlag, schenkt Prosecco nach. Die Alben sind als Download bei Amazon erhältlich [Burst], [Colors]. ____ ole Zum Tod von Harry Mulisch Max Delius blickt am Ende seines langen, erfüllten Lebens in das leuchtende Gestirn und entschlüsselt plötzlich die Rätsel der Welt. Just in diesem Moment stürzt ein Meteorit herab und auf Geheiß der Engel, die in Harry Mulischs Roman Die Entdeckung des Himmels das Wort führen, stirbt Delius im Moment seiner Epiphanie. Delius ist Astronom, Mulisch hingegen Schriftsteller. Mit den Figuren Max, Onno, Ada und Quinten ist aber auch Mulisch der Weltformel erstaunlich nah gekommen. Am 30. Oktober 2010 ist er nun im Alter von 83 Jahren gestorben – und hinterlässt uns den vielleicht besten Roman des und über das 20. Jahrhundert. johanna In den Sophiensaelen. Einmal Paralyse, bitte! in Berlin. Also erst einmal: Wer noch nie in den Sophiensaelen war, sollte das unbedingt nachholen. Diese Räume (und: dieses Programm)! Mit denen halte ich mich auch bei der ersten Performance an diesem Abend, Christoph Winklers "Taking steps" über Wasser. Was eine interessante tanzpolitische Auseinandersetzung hätte werden können, wird zur Illustration von Befindlichkeiten. Martin Nachbar (Choreografie) und Benjamin Schweitzer (Komposition) allerdings beeindrucken mich mit "nach Hause" nachhaltig: Großartig minimalistische Körperstudie. Nicht-illustrativer Umgang mit Musik - hier agiert der Klang als physisches Material mit den Bewegungen der drei Performer. Die Körperlichkeit der Leere als andauerndes konstellatives Bewegen formiert sich zu sechzig paralysierenden Minuten.
Kommentare02.11.2010 12:03
Diese Kolumne wird mir immer symphatischer! Weiter so, artifarti!
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www.benjamin-schweitzer.de