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Schweden, Schwaben, Schweinereien
04.12.2010 12:00
Wie schon Rafael Horzon schreibt: "Berlin-Mitte war damals noch ein grosses Trümmerfeld. [...] Fünfundvierzig Jahre lang. Dann kamen junge Menschen aus dem Westen, besetzten die leergebliebenen Läden und Wohnungen und verkauften den anderen jungen Menschen, die nach Berlin kamen, Getränke." Dazu notiert julianlange Folgendes in sein Tagebuch.
Hätten wir Berliner die Mauer doch behalten. Wir hätten sie möglichst früh um die Kreativen und Hipster am Hackeschen Markt errichten sollen. Dann wären die Horden betrunkener, brüllender Blödiane im Sophienclub geblieben und würden heute nicht durch die ganze Stadt pöbeln und ihre Billig-Hostels an jede Ecke klotzen. Überhaupt Hostels: dieser Hort des Lärms und unzivilisierten Verhaltens. Für wen es eine Berliner Attraktion ist, auf der Straße zu lungern und ein Bier zu trinken (natürlich Beck´s in 0,33l-Flaschen, irgendwer scheint Touristen zu erzählen, das machte man in der Hauptstadt so), der bleibe in Stuttgart, Karlsruhe oder Freiburg. Kürzlich kam ich an einem Ladenschaufenster vorbei, wo ausnahmsweise niemand sein Büro in Reinweiß eingerichtet hatte, um dort den ganzen Tag an seinem I-Mac zu sitzen und so zu tun, als hätte er Arbeit (diesen Unfug ist man mittlerweile gewohnt). Stattdessen gab es dort Doppelstockbetten, in denen unrasierte Schweden in Unterhosen hockten wie Internierte. 14 Euro die Nacht – Prost Mahlzeit.
Doch Touristen reisen wieder ab. Jedenfalls berichtete mir ein Bekannter, der am Ostkreuz wohnt, er höre jeden Tag mehrfach das unverwechselbare Geräusch von zwanzig Rollkoffern auf Kopfsteinpflaster. Sie scheinen also wieder nach Hause zu fahren. Schlimmer als diese oft auch lustigen Touris sind noch die Schwaben, die aus Stuttgart bereits nach Wohnungen in Berlin suchen, bei Immo-Scout „Simon-Dach-Straße, Umkreis: 1 Kilometer“ eingeben und für die letzte unsanierte Ein-Zimmer-Bruchbude noch 400 Euro bezahlen - kalt - solange sie nur in Friedrichshain-Kreuzberg ist. „In Berlin eine Wohnung zu finden ist ja sooo schwer!!“ Außerdem: Eure Bierpreise könnt ihr behalten. Lasst sie bitte in euren wohlsanierten Heimatstädten. Zahlt doch in Ulm oder sonstwo 3,50 Euro für ein Bier (0,4 l), aber nicht bei uns, das versaut die Preise. Weiß noch jemand, was vor nur fünf Jahren am Ostkreuz ein Bier gekostet hat? Erinnert sich noch jemand an 3,50 Euro für einen Cocktail im Lykia (und da war Alkohol drin, nicht nur Eis und Saft)? Selbst bei der SPD soll das Bier mittlerweile teuer sein, weil ein sexy Bürgermeister auch für die eigenen Partei-Feste in den Schickeria-Locations der herbeigeredeten Metropole einkehrt.
Eine These, die häufig zu hören ist, lautet: Das Fernsehen ist der Totengräber der alten Kneipenkultur. Weil zu Hause die Unterhaltung aus der Röhre kommt und das Bier aus der Flasche billiger ist, geht niemand mehr in die Eck-Kneipe, um dort den neuesten Tratsch zu erfahren. Irgendwann scheint jemand auf die Idee gekommen zu sein, einfach alle Kneipen so einzurichten, wie im Fernsehen, damit die Leute aus der Glotze wissen, wohin sie gehen müssen. Also gehen alle da hin und unterhalten sich über das, was im TV letzthin so zu sehen war.
Ich bin fest entschlossen, meine Kneipenauswahl zu verändern. Ich suche nur noch Schenken (was für ein schönes Wort) auf, in denen nicht gefragt wird, ob man „ein Kleines“ oder „ein Großes“ will, wenn man Bier bestellt. Nur noch Schuppen, in denen keine veganen Snacks auf der Karte stehen. Nur noch Etablissements, in denen der Wirt einen Kumpel anriefe, wenn jemand auf Englisch bestellen wöllte. Nur noch Trinkhallen, in denen erstens geraucht und zweitens gesoffen wird, in denen man die anderen Gäste (mürrisch) grüßt, wenn man zur Tür hereinkommt oder wo mit den Fingerknöcheln auf den Tisch geklopft wird und „Mahlzeit“ durch die Kathedralen der Arbeiterklasse hallt. Es gibt diese Lokale noch, sie heißen „Zum guten Happen“, „Heinzelmännchen“, „Ratskeller“ oder einfach „Jessner-Eck“ und haben keine Internetseiten. In diesen Kneipen müssen die Wirtsleute nicht fünfmal nachfragen, wie ich meinen Kaffee gerne hätte. Die Bestellung besteht auch nicht aus vier bis sechs Bestandteilen (Chocolate-Pistazien-Cream-Mixed-Latte-Macchiato mit Kakao-Häubchen). Man sagt einfach „Kaffee“ und bekommt ihn. Deshalb haben die Wirtsleute auch Zeit, sich noch mit dir zu unterhalten. Die seit zwei Tagen angelernten Theaterwissenschaftlerinnen, die dir in den In-Kneipen der Stadt das Tannenzäpfle (!) über den Latz schütten, interessieren sich nicht für dich.
Natürlich kannst Du Dich in diesen Spelunken nicht mit dem Wirt über die neuesten Bücher von Boris Groys und Slavoj Žižek unterhalten. Dafür wissen sie aber, wer der amtierende Ortsbürgermeister ist und wer im letzten Herbst geholfen hat, die nahegelegene Parkanlage von Bionade-Flaschen und Chococcino-Bechern zu säubern. Friedrichshainer Hip-Schwaben definieren Stadtbezirke über die angesagtesten Kneipen dort und für sie fängt jenseits der Ringbahn die Barbarei an, wo wilde Tiere, Nazis und Ossis wohnen und der gemeine Pöbel zum Frühstück rohe Föten mit fetter Milch verspeist. Das – Ist – Nicht – Berlin. Wo die Gentrifizierung urberliner Pflanzen von Bezirk zu Bezirk hetzt; wo man sich vor dem nächsten Umzug fürchtet, weil dann die Miete wieder hundert Euro gestiegen ist; wo man in der Kneipe nach jedem Bier abkassiert wird, statt „Paule“ sagen zu können, er soll anschreiben. Aber die Mauer, die man gegen die Touris hätte bauen müssen, die haben wir verkauft. In kleinen folienumhüllten Bröckchen auf Ansichtskarten gepappt. Eine Stadt als Steinbruch für die Nippes-Kammern der Weltreisenden. Pfui. Kommentare28.12.2010 11:38
Als Anmerkung: Seit die beliebte "S-Bahn-Ritze" in "Crazy Bar" umbenannt wurde, ist natürlich auch Lichtenberg nicht mehr, was es einmal war.
04.12.2010 13:40
so siehts aus. super text.
kann in diesem zusammenhang auch nur nähe ostkreuz den "corinth-treff" empfehlen, wo der wirt zu uns meinte: "hier dit bier. und wenn ihr uff toilette geht, nich uffn wasserkran kloppn. nur drunter halten, is mit sensor, weese. hab keen bock dit wieder neu zu machen." Kommentieren |
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