Kultur im Dezember in hundert Wörtern

geposted von artifarti
01.01.2011 21:00
So schwach wie artifarti waren in diesem Monat nur die Berliner S-Bahn und die FDP. Der einzige Unterschied: Überrascht waren wir von Schneefall im Winter nicht, und in Zuständen, die der Spätphase der DDR ähneln, wie sie Wolfgang Kubicki, der Apokalyptiker unter den artifarti-Lesern, seiner Partei diagnostizierte, befinden wir uns noch lange nicht. Denn niemand hat die Absicht, regelmäßig neue Texte zu bauen. Nun, was bleibt vom letzten Jahr, vom Dezember 2010? Nicht mehr als hundert Wörter.
Frohes Neues!

 
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ole
Kim Jong-Il looking at things

Staatsmänner entlarven? Politiker lächerlich machen? Es müssen nicht gleich WikiLeaks-Depeschen sein. In manchen Fällen reichen auch harmlose Fotos. Am besten und amüsantesten gelingt das derzeit einem kleinen portugiesischen Fotoblog, der uns täglich mit neuen Aufnahmen von Nordkoreas »Geliebtem Führer« versorgt – in denen Kim Jong-Il auf Dinge schaut. Denn wir wissen: »the dear leader likes to look at things«. Zum Beispiel auf Eier, auf Schokolade, in den Himmel, auf Kaugummi und Frauen. Das ist so absurd, so banal und witzig, dass man es fast bedauert, dass der »Geliebte Führer« die Amtsgeschäfte wohl bald an seinen Sohn Kim Jong-Un übergeben wird. Fast.


  Kim Jong-Il looking at crackers

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julianlange
Herman Melville: Bartleby, der Schreiber

Manchmal sollte man sich die Muße nehmen, Klassiker zu lesen. Darum sei allen Lesern die kleine Novelle empfohlen, die der Autor von Moby Dick 1853 schrieb. Der Erzähler berichtet von seinen juristischen Geschäften, für die er einen zusätzlichen Kopisten anstellt: Bartleby. Zuerst ist er recht zufrieden, als er ihm aber eines Tages einen unbedeutenden Auftrag geben will, antwortet Bartleby: „I would prefer not to“. Das Drama des Willens beginnt, am Ende ist der kafkaeske Schreiber und Hungerkünstler tot. Moment. Bartleby – ein Klassiker? Sicher, denn die Figur des passiven Widerstands im beginnenden Finanzkapitalismus ist aktuell höchst denkwürdig.


  Der Anwalt und Bartleby in einer Theateraufführung
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ole
Giorgio Agambens Nacktheiten

Das »nackte Leben« des Menschen, seine biologische Existenz, das dem staatlichen Zugriff gegenüber Wehrlose, das ist es, was Giorgio Agamben seit jeher fasziniert. Was machen die modernen Gesellschaften mit der Körperlichkeit des Menschen, wie versuchen Staaten, die Körper ihrer Untertanen zu instrumentalisieren, wie denken wir über das Entblößte, das offen zur Schau Gestellte? Diesen schon in Homo sacer aufgeworfenen Fragen geht Agamben in seinem neuen Essayband Nacktheiten nach. Und gelangt zu der Einsicht, dass wir auch heute, in unserer achso aufgeklärten Zeit, noch immer wie alte Theologen über dieses Thema reden und denken. Nicht so Agamben, Sündenfall hin oder her.


  Fleisch und Stoff, Nacktheit und Kleid, Gnade und Entblößung. Können wir dazwischen wirklich unterscheiden? Hier bei Helmut Newton: Sie kommen (Naked and Dressed), Paris 1981.

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julianlange
Brot für die Welt

Seit ungefähr dreißig Jahren steht vor Weihnachten ein Blechbläserchor auf dem Berliner Alexanderplatz. Trompeten, Posaunen und Hörner, die mit ihrer Weihnachtsmusik die gehetzten Einkäufer zwischen S-Bahn und Konsumtempel aufhorchen lassen und mit einer Spendenbüchse konfrontieren. Zweimal zwei Stunden lang sammeln wir dort für die Organisation „Brot für die Welt“. Dieses Jahr haben wir ein Rekordergebnis erzielt, die Wirtschaftslage bessert sich. Es geht wieder aufwärts. Ich finde es rührend, dass es gerade die Ärmsten sind, die stehen bleiben, zuhören und oft sogar spenden. Da muss man auch mal emphatisch und schutzlos sagen: Solange es das gibt, ist die Welt nicht verloren.



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ole
Das schlechteste Album 2011: Different Gear, Still Speeding

Dezember heißt Ranking-Zeit. Die Musikzeitschriften veröffentlichen ihre alljährlichen Jahres-Polls der besten Platten und übertreffen sich wie gewohnt in Belang- und Bedeutungslosigkeit. Nachdem die Platzierungen für dieses Jahr schon feststehen – und viel zu selten Arcade Fire ganz oben standen, im Gegensatz zu Phantasie-Bands wie These New Puritans (NME!) –, werden Beady Eye (wir berichteten im Vormonat ausführlich) mit ihrem Album Different Gear, Still Speeding in Kürze die wohl schlechteste Platte 2011 veröffentlichen. Sie erscheint zwar erst Ende Februar, doch HIER gibt’s schon mal einen Vorgeschmack: Gut schmeckt es nicht! Da helfen auch Songs wie »Beatles and Stones« (Kein Witz!) nichts. Help!


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julianlange
Ikea in Lichtenberg

Dröge Verwaltungsbezirke firmieren in Berlin gern als Kieze. Weil Berlin keine Stadt, sondern eine Sammlung eingemeindeter Dörfer und somit auch mit mehreren Zentren gesegnet ist, hat sich in vielen Teilen der Stadt eigene Lokalkultur entwickelt. Mittlerweile sind Bezirke sogar mit einem Image behaftet. Bezeichnend ist dafür die Werbekampagne für die neue Ikea-Filiale in Berlin-Lichtenberg. Auf den Plakaten wird der Markt explizit den Lichtenbergern nahe gelegt. In einer schön sterilen IKEA-Umgebung sieht man auf dem Motiv auch den Blick aus dem Fenster. Dort sieht man dann wahlweise den stilisierten Fernsehturm oder die Oberbaumbrücke, die Friedrichshain und Kreuzberg verbindet.


  Leider nicht eines der beschriebenen Plakate.

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ole
Die bemerkenswerten Google-Suchbegriffe, die im vergangenen Jahr Leser zu artifarti führten:

anderes wort für rückkopplungseffekt • aufsatz klasse 4 gallenblase • barbarisch lecken • brachistotron • häufigste dopingmittel • johnny marr ist ein genie • karlieb knecht • katrin bauerfeind strumpfhose • komödie erigierter penis • mann schreibt buch und wird hineingezogen • oma geschwängert • penis bewegen • perverse familien die alle ihre mütter schwängern • pseudomäßig • roman bruder schwester gelangweilt pornos • selbstoptimierung oder gnade • siamese darling • warum darf man sich kein bild von gott machen • was ist ein lederfetisch • was ist wenn man nachts stimmen vom toten ehemann hört • was macht dich zum individuum • was macht horst köhler zur zeit? • wer ist berühmter the national oder interpol? • "wunder gibt es immer wieder"+akkorde

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