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Kultur im Januar in hundert Wörtern
01.02.2011 15:00
Einige engagierte artifarti-Leser verstanden unsere letzte Kolumne anscheinend als Herausforderung, um bei Google ebenfalls mit kreativen Suchbegriffen nach unserer Website zu fahnden.
ole Denn was lesen wir in der monatlichen Statistik: »www.abnormale schwänze.de« sowie »andere wörter für 'fühlen'«. Was will man uns damit sagen? Sind das versteckte Hilferufe von der Gorch Fock? Feldpost aus einem afghanischen Puff? Wir sind ratlos. Bekennerbriefe bitte an schreiben[at]artifarti.de - wir sind gespannt! Bis dahin: Zurück zur Kultur, in 100 Wörtern! Ein Blick hinter die Fassade der CDU/CSU Alle paar Jahre wird hierzulande bekanntlich ein »Superwahljahr« ausgerufen, was nichts anderes heißt, als dass die Politik in Bund und Ländern für einige Monate aufhört zu sein und sich in Wahlkampf, also in nichts auflöst. So auch in 2011. Der Umschwung von Politik in Populismus hat derzeit vor allem die Unionsparteien ergriffen. Zunächst hatte die CDU die pfiffige Idee, der neuen Volkspartei Bündnis 90/Die Grünen eine eigene Homepage zu widmen – als böse »Dagegen-Partei«. Wenig später zog die bayerische Schwester nach und veröffentlichte auf ihrer eigenen Website ein selten dämliches Video, das den neuen politischen Feind »demaskieren« soll. No further comment. ____ julianlange Zwei Männer Zwei Männer. Eine Freundschaft? Nein. Sie sitzen hintereinander, beide tragen ziemlich vergilbte Wollpullover. Der eine könnte auf den Rücken des anderen starren, tut er aber nicht. Beide blicken schräg nach oben auf einen kleinen Fernseher auf dem das „Dschungelcamp“ läuft. Szenerie in einem Dönerladen an der Ecke. Vor beiden Männern steht ein Flaschenbier. Eigentlich würde ich gern hingehen und sie fragen, ob sie sich nicht nebeneinander setzen wollen. Das würde doch Harmonie und Gesellschaft stiften. Auch würde ich nach ihren Freunden fragen. Ich traue mich aber nicht. So lasse ich sie zu zweit allein beim Dschungelcamp. Was für ein trauriges Bild.
____ ole Wolf Haas: Das Wetter vor 15 Jahren (dtv, München 2008) Vittorio Kowalski (was für ein Name!) kennt das Wetter jedes einzelnen Tages in den letzten 15 Jahren – und zwar das eines österreichischen Alpendorfes, in dem er vor 15 Jahren seine Jugendliebe kennenlernte. Und von ihr am Tag, als ein Jahrhundertunwetter über das Dorf fegte, getrennt wurde. Wolf Haas beschreibt diese Liebesgeschichte auf ungewöhnliche wie charmante Art: als Interview zwischen ihm und einer Journalistin einer »Literaturbeilage«. Daraus entwickelt sich über 200 Seiten ein ungemein witziges und intelligentes Gespräch über die Liebe, das Schreiben und, ja, das Wetter. Haas’ Buch ist also ideale Unterhaltung für verregnete Sonntage – nicht nur wegen des Wetters! ____ Clemens Ganz großes Tennis Melodisch schlagen Wellen an das Boot, ein frisch verheiratetes Seglerpärchen schaut in die Ferne, die Sonne versinkt im Meer und eine Idee entsteht: Musik machen wie damals, zu einer Zeit als Musik noch Gefühle ausdrücken durfte. So, oder so ähnlich, dürfte Tennis entstanden sein, die Band von Alaina Moore und ihrem Mann Patrick Riley. „Cape Dory“ haben sie ihr Debüt genannt, das noch viel von ihrem sommerlichen Segeltörn mitbringt: Sommer, Sonne und ganz viele „Sha-la-la-la-las“. Natürlich, 60ies-Frauenvocals sind gerade Mode (Best Coast, Beach House, etc), aber noch hat dieser Sound hat eben weil er veraltet ist, den Reiz der Neuheit. ____ ole Falling Man im Thalia an der Gaußstraße Nach Axolotl Roadkill hat das Thalia in der Gaußstraße mit Don DeLillos Falling Man in dieser Spielzeit einen zweiten Roman für die Theaterbühne adaptiert. So unterschiedlich die Bücher und Autoren – auf der einen Seite das Berliner Wunderkind Hegemann, auf der anderen einer der größten Schriftsteller unserer Tage – so unterschiedlich auch die Inszenierungen. Während das postpubertäre Leben der Hegemann’schen Tagebuchschreiberin als schillernde Revueshow präsentiert wird, ist der Falling Man ein Rencontre mit Terror, Tod, Hysterie. DeLillos 9/11-Geschichte zeigt traumatisierte Menschen im verzweifelten Eroberungskampf um ihre Alltagswelt und Sprache – was nur schwer aufzuführen ist. In Altona ist es anno 2011 aber gelungen. ____ ole Zum 10. Geburtstag von Wikipedia Fast unvorstellbar ist es heutzutage für viele von uns, einer im Alltag auftretenden Frage, einem Problem, einer Unklarheit nicht mit einer Suchanfrage in der Wikipedia nachzugehen. Und natürlich gibt es inzwischen auch viele andere Online-Enzyklopädien, die unseren Wissensdurst stillen. Zum Beispiel die Stupidedia, die satirische Variante der Wikipedia, die nicht immer lustig ist, aber manchmal unterhaltsam: Etwa, wenn im Artikel Adel der berühmte Adelige »Der Fahrer von Susanne Osthoff« erwähnt wird. Der wiederum, klickt man weiter, ein später Nachfahre des biblischen »Fahrerurgesteins Schlimmes« ist, »welcher schon im alten Testament mit dem Slogan „Schlimmes wird euch widerfahren“ um Fahrgäste warb.« Haha. ____ Clemens Das Kino kommt in die Vorstädte Arcade Fire werden im Rahmen der Berlinale die Weltpremiere ihres Kurzfilms "Scenes From The Suburbs" vorstellen - geschrieben von den Butler-Brüdern, den Köpfen der Band. Regie führte bekanntlich Spike Jonze, der das normale Format des Musikvideos zugunsten eines Kurzfilms sprengen wird. Man darf gespannt sein, wie es in der Geschichte um die Freunde aus einer Vorstadt von Austin weiter geht, mit diesen „Erinnerungen an einen vergangenen Sommer“. Die Premiere ist am 16. Februar 2011 um 22 Uhr im Rahmen der "Berlinale Shorts" im Cinemaxx am Potsdamer Platz. Wahrscheinlich wird es weitere Vorstellungen geben, genauere Daten stehen aber noch nicht fest. ole Blumige Unruhen Bei Wikipedia (s.o.) ist zu lesen, dass die derzeitige politische Revolte in Tunesien – im »ironischen« Rückgriff auf Ben Alis Putsch von 1987 – auch als »Jasminrevolution« bezeichnet wird. Was die erste Frage aufwirft, wer diesen Unsinn in die Welt gesetzt hat. Und uns vor die zweite Frage stellt, warum Revolutionen entweder nach Farben (scheitern immer), ob »orange« (Ukraine), »rot« (Linkspartei), oder »grün« (Iran), benannt werden oder nach Blumen (klappen manchmal), ob Nelken (Portugal), Rosen (Georgien), Tulpen (Kirgisien), Zedern (Libanon) oder Jasmin (Wikipedia). Folgen wir lieber Nils Minkmar, der mit guten Argumenten von einer »europäischen« Revolution spricht. Allons enfants de la Patrie!
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