|
||||||||
|
||||||||
|
||||||||
Kultur im Februar in hundert Wörtern
01.03.2011 10:55
Hat Hosni Mubarak seine Doktorarbeit wirklich eigenständig verfasst? Schafft es Lena, Hamburgs neue Bürgermeisterin zu werden? Wann revoltieren die Massen endlich gegen Monica Lierhaus? Mit welchem Song tritt Silvio Berlusconi beim nächsten Bunga-Bunga auf? Übernimmt Gaddafi demnächst »Wetten, dass...«? Und gelingt uns diese Quadratur des Kreises: Kultur in nur 100 Wörtern?
ole Die jungen Familienväter von artifarti versuchen sich an den Antworten – handwerkliche Fehler nicht ausgeschlossen! Hamburger Wahlkampf Allein, dass auf den Wahlplakaten der Hamburger SPD ihr Spitzenkandidat Olaf Scholz ohne obere Schädeldecke zu sehen war, da dieser sich anscheinend für seine Dreiviertelglatze schämt, sagt schon vieles über Qualität und Kreativität des Wahlkampfs zur Bürgerschaftswahl am 20. Februar aus. Hinzu kamen bei der SPD so themenorientierte und konstruktive Slogans wie »Vernunft« oder »Klarheit«. Trotz Glatze wird Olaf Scholz wohl neuer Bürgermeister. Ähnlich dumm waren aber auch die CDU mit ihren latent ausländerfeindlichen Kriminalitätsstatistiken und die FDP mit ihrer »KatJA«! Die einzig gute Nachricht vom Hamburger Wahltag: Der Verfassungsschutz hat es nicht in Fraktionsstärke in die Hamburger Bürgerschaft geschafft. julianlange Jonathan Franzen: „Freiheit“ (Rowohlt, 731 S.) Jonathan Franzen hat sein neues Buch in deutscher Sprache vorgelegt. Auf den 731 Seiten von „Freiheit“ geht es um Freiheit: sexuelle, politische, wirtschaftliche und Freiheit von der Freiheit. So explizit wie der Titel arbeitet das ganze Buch. Lautet der Imperativ des Creative Writing: „Show, don´t tell“, macht Franzen sicherheitshalber beides. Als einer der Protagonisten im Bett mit dem Sex-Objekt seiner Träume keine Erektion bekommt, ist sich Franzen nicht zu schade anzufügen: „Er war sehr, sehr enttäuscht“. Damit es auch jeder kapiert hat. Heraus kommt ein eher ödes Buch, dessen größte Qualität darin besteht, ein toller Page-Turner für die Bahnfahrt zu sein.
ole Bright Eyes’ The People’s Key Nach zwei durchwachsenen Soloalben ist Conor Oberst mit den Bright Eyes, die ihn in der letzten Dekade zum größten Songwriter seiner Generation machten, zurückgekehrt. The People’s Key heißt das neue Album, das am 15. Februar erschienen ist – als angeblich letzte Platte von Bright Eyes. Doch wollen die zehn neuen Songs den (angeblichen) Abschied nicht so recht versüßen. Da hilft nur ein Blick zurück auf die Großtaten von Fevers and Mirrors und I’m Wide Awake, It’s Morning, auf Lifted und Cassadaga, also auf alle vorherigen Alben von Bright Eyes, um zu wissen: Herr, es ist Zeit / Der Conor war sehr groß. ____ julianlange Kathrin Schmidt: „Du stirbst nicht“ (KiWi 2009, 348 S.) Die enormen Fortschritte der Apparate-Medizin haben in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen Zwischenraum zwischen Leben und Tod geschaffen: Koma. Als erkenntnistheoretisches Problem, als Riss in der Erinnerung und der Sprache hat dieser Nahtodzustand einige Faszination auf Gegenwartsautoren ausgeübt. Spätestens mit dem Deutschen Buchpreis 2009 ist das Erzählen um den Erinnerungs-Abgrund herum im Feuilleton angekommen. Kathrin Schmidt erzählt in „Du stirbst nicht“ die semi-autobiographische Geschichte der Helene Wesendahl, die sich nach einem geplatzten Aneurysma im Gehirn ins Leben / in ihr Leben zurückkämpfen muss. Dieser ethisch hoch reflektierte Roman, der nur durch seine Gefühlsduselei etwas verliert, ist eine Empfehlung wert.
ole Der Dalai Lama, eine gefährliche Witzfigur? Am ersten Februarwochenende lud das Hamburger Thalia Theater zur »Langen Nacht der Weltreligionen« ein. Schwerpunkte der diesjährigen Veranstaltung waren Hinduismus und Buddhismus. Passend dazu gab der Psychologe und Autor Colin Goldner der taz ein erstaunliches Interview, in dem er den im Westen allseits beliebten Dalai Lama als homophobe, misogyne »Witzfigur« und Protofaschisten bezeichnet, der sich auf einen Endzeitkrieg im Jahr 2424 vorbereitet – und die tibetanische Mönchskultur schilt, »systematisch geistes- und seelenverkrüppelte Menschen« heranzuzüchten. Schwerer Tobak. In Gänze zu lesen ist das Interview, das Lust auf Goldners Buch Dalai Lama. Fall eines Gottkönigs (Alibri 2005) macht, auf der Website der taz. ____ ole Glasser Fever Ray, Björk, Feist, oder sogar Enya? Es braucht eine Weile, bis man die Musik von Glasser – so der Name, unter dem die Künstlerin Cameron Mesirow 2010 das Album Ring veröffentlicht hat – verinnerlichen kann, bis man wirklich Gefallen an diesen sparsamen Arrangements und Gesängen findet. Hat man diese Inkubationszeit aber hinter sich, fällt nicht nur das schöne Artwork auf, sondern auch die neun tollen Songs, die den Ring bilden. Wer im Februar also nicht auf den Konzerten von Glasser in Hamburg, Berlin und Köln war, muss sich noch bis zur Festivalsaison gedulden. Oder hat andernfalls noch genug Zeit, Glasser kennenzulernen. ____ clemens "Rausch" im Akademietheater Wien Es gibt diese Theaterabende, die dich anschließend auch nach dem zweiten Bier nicht loslassen: Wie im Rausch möchte man durch eigene Erzählungen das Stück am Leben erhalten. Wie muss dieser Rausch erst für den Dramatiker sein, der sein Publikum so erleben darf, so hochgejubelt wird? Die glücksbeschwipsten Augen des Protagonisten Lucas Gregorowicz (als Maurice) verraten es – doch Fortunas Rad wirft ihn wieder ab, er wird verhaftet, steht plötzlich unter Mordverdacht. Sein wahnwitzig verkörperter Aufstieg und Fall drückt den Zuschauer tief in den Theatersitz und fesselt ihn an den Barhocker. Lieber schnell noch ein drittes Bier bestellen und in Strindberg-Zitaten schwelgen.
Noch zweimal rauscht's: 11.03.2011, Fri - 19:30 20.03.2011, Sun - 19:00 Karten gibt es hier ____ ole fuckyouverymuch.dk ist zurück In unserer September-Kolumne haben wir den Fotoblog fuckyouverymuch noch in die Kreativpause verabschieden müssen. Wenig später schien der Abschied gar ein ewiger zu werden, glaubte man zumindest dem »We will never come back«, das Sine und Kristoffer verkündeten. Seit dem 9. Februar sind die beiden aber wieder online – und im Gegensatz zum anderen bekannten Kreativpäusler unserer Tage, Harald Schmidt, haben fuckyouverymuch die Offline-Monate ganz offensichtlich nicht geschadet. Das beweisen zumindest die Bilderfluten, die sich, wohl zunächst auf ihren Desktops über ein halbes Jahr angestaut, nun ihren Weg an die Öffentlichkeit bahnen – und täglich werden es dutzende mehr. You’ll never look alone.
____ ole Beady Eye zum Dritten Man hätte gewarnt sein müssen. Innerhalb kürzester Zeit waren die überteuerten Karten für das Köln-Konzert von Beady Eye ausverkauft, wo doch längst klar war, dass ihr Album Different Gear, Still Speeding eine bodenlose Frechheit ist. Und dann noch diese Journaille! Die SZ erdreistet sich, von Beady Eye als »Oasis’ Wiedergeburt« zu sprechen und die FAS (27.02.) führt mit Liam Gallagher und Gem Archer das vielleicht schlechteste Interview aller Zeiten. Und stellt Fragen wie diese: »Wie fühlt sich das an, eine solch außerordentliche musische Begabung zu haben?« Beady Eye, oh reiner Widerspruch, Lust / Niemandes Musik zu sein unter soviel Liedern. ____ ole True Grit Dass die Coen-Brüder nach dem Oscar-Triumph von No Country For Old Men vor drei Jahren bei der diesjährigen Preisverleihung leer ausgehen werden, war vielen schon im Vorfeld klar. Dass es dann aber weder für den widerspenstigen Jeff Bridges noch die toughe Hailee Steinfeld für einen Academy Award reichte, ist irgendwie schade. Schließlich gelingt es dem glänzend besetzten Ensemble von True Grit, dem Western ein neues, heiteres Leben einzuhauchen – ohne dabei lächerlich zu wirken. Zudem besticht der Film mit etwas, das nahezu alle Coen-Filme auszeichnet: die Kulisse der amerikanischen Prärie, die in ihrer endlosen Schönheit ein Glücksfall für jeden Regisseur und Kameramann ist. Kommentieren |
||||||||