Fußnoten zum queeren Stand der Dinge.
 Für Männer. |
2008 kam ein Film in die indischen Kinos. Die Schwulenbewegung jubelte (kaum gehört) über
Dostana. Der Plot: Um an ein heiß ersehntes Appartment zu kommen, geben zwei Singlemänner sich als Pärchen aus. Nicht ohne insgeheim natürlich beide auf die attraktive Nachbarin abzufahren - denn die beiden sind stockhetero. Eine humorvolle Beziehungsklamotte, die mit der Möglichkeit der Homosexualität kaum mehr als spielt - ernst genommen wird sie nicht. Aber die schiere Möglichkeit, dass die beiden erfolgreichsten Bollywood-Darsteller den Plot mittragen, damit ein Fenster zur allmählichen positiven Neubesetzung des Begriffs "gay" öffnen, sorgt für eben sichtbare Begeisterung. Ein guter Schritt dahin, das Thema Homosexualität in einen Diskurs von Alltagspraktikabilität und konventionellem Sprachgebrauch zu überführen?!
Vor einiger Zeit erschien ein neuer Film in Deutschland. Der Regisseur einer der großen deutschen Helden, inzwischen sogar in Hollywood erfolgreich, im Strom der großflächigen Wahrnehmung angekommen - Tom Tykwer. Worum geht's?
Drei Menschen, die sich lieben. Eine Frau liebt einen Mann, seit vielen Jahren. Sie trifft einen anderen Mann - die beiden begehren und verlieben sich. Der Betrogene, der nichts davon weiß, verliebt sich auch: in den gleichen Mann. Am Ende entscheidet man sich für ein Leben zu Dritt - jenseits festgelegter sexueller Orientierungen.
Daran muss ich denken, als ich Sridhar Rangayan, den Macher des Films
Pink Mirror, ein Klamauk über eine Wohngemeinschaft zweier in die Jahre gekommener indischer Drag Queens, kennen lerne. Der langjährige Schwulenaktivist füttert mich mit Fakten: 75% aller Transvestiten in Indien sind HIV positiv, Homosexualität ein verbotenes Wort (eher klinischen Diskursen zugeordnet), in den traditionellen Sprachen gar nicht erst vorhanden, die kontra-konventionelle Schwulengewegung schafft es nicht, sich über das Kastensystem zu erheben Auftritt in Pink Mirror: der Personal Boy), eine lesbische Bewegung gibt es kaum. Die wechselseitige Leidenschaft von Frauen besitzt keinen Platz in der Ordnung des Denkens: der weiblichen Sexualität wird im common sense der Ort der absoluten Passivität zugewiesen (wobei ich an dieser Stelle nicht das Projekt einer Frauenaktivistin unerwähnt lassen möchte, eine umfassende Enzyklopädie weiblicher indischer Aphroditen anzulegen - es gibt sie also!). Allgemein ist die Existenz als Frau bereits so schwer, das es kaum möglich ist, die Entscheidung für die Liebe zu einer Frau zu treffen. Besser ein schwuler Mann als eine Frau, sagt die indische Intuition. Das erklärt auch, warum in Indien keine gemeinschaftliche schwul-lesbische Bewegung erstarken mag - der Androzentrismus bildet den entzündlichen Kern der Gesellschaft. Die eigene sexuelle Orientierung wird zum Job - an Kinder ist für homo- oder transsexuell lebende Paare kaum zu denken, zu beschäftigt sind sie damit, sich selbst zu halten. Und selbst das scheint häufig unmöglich: Die Selbstmordrate ist immens hoch. Bis 2009 war Homosexualität offiziell in den Bereich der Illegalität verbannt: Die freie sexuelle Orientierung war bis vor Kurzem gesetzlich untersagt.
Erstmal die eigene Bude aufräumen...
 Kothis - Transvestiten aus Tradition. |
An welchem Punkt stehen wir eigentlich?, habe ich mich gefragt. Ist es hier möglich, ein unbefragtes Liebesleben zu führen? Ist es hier schon selbstverständlich, einfach zu lieben, ohne die Notwendigkeit, das Begehren mit einem geschlechterspezifischen Etikett zu labeln? Oder sind wir bisher auch nicht über die Neuformation von Konnotationen hinaus gekommen? Die Überzeugungsarbeit, mit der Rangayan zur Zeit beschäftigt ist, der indischen Gesellschaft zugänglich zu machen, Schwule, Lesben und Transsexuelle als Menschen wahrzunehmen, die "Freude, Trauer, Schmerz ebenso empfinden wie Heterosexuelle", so letzten Endes eben einfach Menschen sind - wie sieht es damit in Deutschland aus? Es erscheint erst einmal fremdartig, rückständig?, dass für diesen Allgemeinposten noch große Kämpfe ausgefochten werden müssen. Doch schaut man einmal über den eigenen grün-alternativen bildungsbürgerlichen Horizont hinaus: Wie klar ist uns das, nicht als Normales im Abnormalen, sondern als Spielart des Normalen? Kann man hier jenseits von Exotentum und familiären Grabenkämpfen lieben und begehren, wie und wen man will?
Als ich erfahre, wie zersplittert die Schwulen- und Lesbenbewegung allein in Indien ist, an wie vielen verschiedenen Fronten der Abschaffung verkrusteter Wertehierarchien Menschen (gegeneinander) kämpfen, denen man intuitiv Zielgleichheit unterstellen würde, habe ich das Gefühl, dass mir die Komplexität unserer gesellschaftlichen Ordnungsstrukturen kurz aufscheint. Und ich frage mich, ob Indien nicht im Grunde das einfachere Land sein könnte. In dem Sinne, dass sich dort viele hierachieschaffende Systeme ganz affirmativ ausweisen, wohingegen bei uns seit Jahrzehnten ganz klandestin sortiert und separiert wird. Schon in den 60er Jahren beschäftigt sich Rainer Werner Fassbinder in "Das Faustrecht der Freiheit" mit dieser gegenseitigen Durchwirktheit von Abhängigkeiten und Ordnungen.
Der Verlust eines grundlegenden Ordnungssystems wird nicht selten mit dem (vermehrten) Festhalten an einem anderen stabilisiert - die Fluchtbewegungen des Unbewussten sind unmittelbar - und simpel. Jedoch in der Summe, die eine Gemeinschaft bildet, wird das einfache Ausweichen zu einem systematischen Gefüge, das sich in fortwährender affektgeladener Interaktion zu einem beinah unüberschaubaren Feld unterschiedlicher Situierungsstrategien formiert. Wo soll man da einen Hebel ansetzen? Wie kann hier ein neues Konzept vom guten Leben etabliert werden? Politische Brecheisen scheinen ein ausgesprochen begrenztes Instrument zur Etablierung neuer Ideale darzustellen - die sich selbst im sichtbaren Leben manifestieren. Gebraucht wird also mindestens die Sichtbarkeit abtrünniger Lebensmodelle - das Kino bildet da potentiell mindestens eine Trutzburg der Marginalisierten. Ohne verschweigen zu wollen, dass es auch genau anders herum als Stabilisator des Etablierten genutzt werden kann und wird.
Im Gewahrwerden der anscheinenden Notwendigkeit von Unterdrückungs- und (binären) Wertungen, die eine grundsätzliche Voraussetzung der Orientierung und des gesellschaftlichen Miteinanders bilden, frage ich mich jedenfalls nach realistischen Zielen: Reicht es, auf Foucault zurückzukommen? Zumindest unmittelbar hilft es gegen Wut und Ohnmacht sich zu vergegenwärtigen, dass es nicht die Macht an sich ist, die es zu verbannen gilt, sondern das Gerinnen bestehender Asymmetrien - den Sieg der spezifischen Asymmetrie. So ließe sich auch konstruktiv mit der eigenen Sehnsucht und Bedürftigkeit nach Wertegefügen umgehen.
Ich habe übrigens ein wenig gejubelt, als ich Drei gesehen habe. Und zwar vermutlich über etwas Ähnliches wie Sridhar Rangayan bei Dostana - dass es überhaupt möglich wird in unserem Land, so etwas zu denken. Und dass dann zu hoffen steht, dass es weitergehen kann: Ende 2010 erscheint in Indien, ein Jahr nach der Abschaffung der Illegalitätsklausel, mit
Dunno Y ... Na Jaane Kyun ein Film, der eine weitere Errungenschaft sein könnte - so kontrakonventionell wirkt er, dass die Eltern eines Darstellers den Kontakt zu ihrem Sohn öffentlichkeitswirksam abbrechen, da sie die Reinheit von Mann und Frau durch ihn existentiell verletzt sehen. Und das obwohl das homosexuelle Begehren der Männer sich (erneut) vor dem Hintergrund der gegenseitigen Instrumentalisierung abspielt: Sie nähern sich nur an, um sich berufliche Vorteile zu verschaffen. Zumindest vorerst.