Bunt gespiegelt: Pink Mirror von Sridhar Rangayan.

geposted von johanna
22.02.2011 13:03
Fußnoten zum queeren Stand der Dinge.


  Für Männer.

2008 kam ein Film in die indischen Kinos. Die Schwulenbewegung jubelte (kaum gehört) über Dostana. Der Plot: Um an ein heiß ersehntes Appartment zu kommen, geben zwei Singlemänner sich als Pärchen aus. Nicht ohne insgeheim natürlich beide auf die attraktive Nachbarin abzufahren - denn die beiden sind stockhetero. Eine humorvolle Beziehungsklamotte, die mit der Möglichkeit der Homosexualität kaum mehr als spielt - ernst genommen wird sie nicht. Aber die schiere Möglichkeit, dass die beiden erfolgreichsten Bollywood-Darsteller den Plot mittragen, damit ein Fenster zur allmählichen positiven Neubesetzung des Begriffs "gay" öffnen, sorgt für eben sichtbare Begeisterung. Ein guter Schritt dahin, das Thema Homosexualität in einen Diskurs von Alltagspraktikabilität und konventionellem Sprachgebrauch zu überführen?!

Vor einiger Zeit erschien ein neuer Film in Deutschland. Der Regisseur einer der großen deutschen Helden, inzwischen sogar in Hollywood erfolgreich, im Strom der großflächigen Wahrnehmung angekommen - Tom Tykwer. Worum geht's? Drei Menschen, die sich lieben. Eine Frau liebt einen Mann, seit vielen Jahren. Sie trifft einen anderen Mann - die beiden begehren und verlieben sich. Der Betrogene, der nichts davon weiß, verliebt sich auch: in den gleichen Mann. Am Ende entscheidet man sich für ein Leben zu Dritt - jenseits festgelegter sexueller Orientierungen.

Daran muss ich denken, als ich Sridhar Rangayan, den Macher des Films Pink Mirror, ein Klamauk über eine Wohngemeinschaft zweier in die Jahre gekommener indischer Drag Queens, kennen lerne. Der langjährige Schwulenaktivist füttert mich mit Fakten: 75% aller Transvestiten in Indien sind HIV positiv, Homosexualität ein verbotenes Wort (eher klinischen Diskursen zugeordnet), in den traditionellen Sprachen gar nicht erst vorhanden, die kontra-konventionelle Schwulengewegung schafft es nicht, sich über das Kastensystem zu erheben Auftritt in Pink Mirror: der Personal Boy), eine lesbische Bewegung gibt es kaum. Die wechselseitige Leidenschaft von Frauen besitzt keinen Platz in der Ordnung des Denkens: der weiblichen Sexualität wird im common sense der Ort der absoluten Passivität zugewiesen (wobei ich an dieser Stelle nicht das Projekt einer Frauenaktivistin unerwähnt lassen möchte, eine umfassende Enzyklopädie weiblicher indischer Aphroditen anzulegen - es gibt sie also!). Allgemein ist die Existenz als Frau bereits so schwer, das es kaum möglich ist, die Entscheidung für die Liebe zu einer Frau zu treffen. Besser ein schwuler Mann als eine Frau, sagt die indische Intuition. Das erklärt auch, warum in Indien keine gemeinschaftliche schwul-lesbische Bewegung erstarken mag - der Androzentrismus bildet den entzündlichen Kern der Gesellschaft. Die eigene sexuelle Orientierung wird zum Job - an Kinder ist für homo- oder transsexuell lebende Paare kaum zu denken, zu beschäftigt sind sie damit, sich selbst zu halten. Und selbst das scheint häufig unmöglich: Die Selbstmordrate ist immens hoch. Bis 2009 war Homosexualität offiziell in den Bereich der Illegalität verbannt: Die freie sexuelle Orientierung war bis vor Kurzem gesetzlich untersagt.

Kommentieren

Dein Name
Deine Homepage http://
Spam-Schutz, bitte die beiden Begriffe eingeben