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Kultur im Juli in hundert Wörtern
02.08.2011 12:00
14 443 887 000 000. Vierzehn Billionen Vierhundertdreiundvierzig Milliarden und Achthundertsiebenundachtzig Millionen. Was für eine prachtvolle Zahl! So viel Klicks hatte artifarti im Juli. Und die USA Schulden in Dollar. Und bis ihr diese Zeilen zu Ende gelesen habt, sind es schon mindestens 14 443 933 500 020. Also Vierzehn Billionen Vierhundertdreiundvierzig Milliarden und Neunhundertdreißunddreißig Millionen Fünfhundert Tausend und Zwanzig. Im Rausch der Zahlen: unsere Kolumne in 100 Wörtern! Einhundert. Wörter, nicht Dollar. Lächerlich.
oleWilliam Turner im Bucerius Kunst Forum, Hamburg Sage und schreibe 30.000 Bilder und Skizzen hat der große William Turner (1775-1851) in seinem Leben angeblich gemalt. Rund 100 sind seit einigen Wochen und noch bis September im Hamburger Bucerius Kunst Forum zu sehen. Und Turner, der dort als Meister der Elemente präsentiert wird, war wohl wirklich ein Meister. In einer seltenen wie wunderbaren Mischung aus abstrakter, impressionistischer und romantischer Malerei schuf er großartige Bilder von Erde, Wasser, Feuer und Luft, die dabei auch noch so tolle, solipsistische Titel tragen wie: »Ich habe mein Boot verloren, Du sollst Deinen Reifen nicht haben«. Siehe unten. Casper David Friedrich kann einpacken.
____ johanna Wer wir sind. Um Meg Stuarts neueste Arbeit "Violet" zu verstehen, braucht es Zeitgenossenschaft. So grundsätzlich entspringt sie der Verfasstheit unserer Gesellschaft. Einem Gefüge, in dem die Verausgabung unumgänglich, Selbstbestimmung ein Ding der Unmöglichkeit und Kontakt nicht anders denkbar ist, als als Offenlegung der eigenen Wunden. Denn das sind wir: grundsätzlich gequälte Personen, die vor einer schwarzen Wand dem Takt des Lebens und den Blitzen des Schicksals ausgeliefert sind. Da ist kein Element zu viel, wenn die (großartigen) Performer unsere Existenz perfekt seziert und gesetzt ausleben: Horror, unvorstellbar fein. Klingt wie ein Widerspruch: und das ist es ja eben auch.
____ ole Unterwegs mit Charles Mason und Jeremiah Dixon Wer nach unserer jüngsten Ode auf Thomas Pynchons Gegen den Tag noch nicht genug hat vom größten aller (amerikanischen) Autoren – der lese unbedingt Mason & Dixon! Pynchons 1997er-Roman, in dem er die abenteuerliche Geschichte der berühmtesten aller Landvermesser erzählt, ist ein so süffisantes, sprachgewaltiges, ungemein humorvolles Werk, das nicht nur die wilde Welt des 18. Jahrhunderts heraufbeschwört, sondern auch endlich – ein halbes Jahrhundert nach Horkheimer/Adorno – die literarische Antwort zur Dialektik der Aufklärung liefert. Ja, so viel gäbe es noch zu sagen; selten waren hundert Wörtern wohl ungenügender. Pynchons 1023 Seiten, und keine möchte man missen, sind es nicht. Wow. johanna Kleines Lehrstück zur schizophrenen Situation des Theaters. Radikal ist sie, diese Arbeit der Rabtaldirndln aus Österreich. Fünf Frauen stellen in einer zusammengehauenen Fotoslideshow ihr Projekt eines autonomen Frauenkollektivs im Rabtal (Machismo und Ereignislosigkeit) vor. Aggressiver Feminismus auch für die Männer im Publikum: Da werden Achselhaare abrasiert, alte Herren (fast) bis zum Kreislaufkollaps zum Tanzen und mit einem lauten "Hossa!" zum respektlosen Arschklopfer genötigt. Dazu gibt's Selbstgebrannten und hausgemachte Würstchen. Der konstitutive Voyeurismus eines Theaterpublikums wird im Sichtbarmachen einer merkwürdigen Doublebind-Beziehung zwischen Performern und Zuschauern thematisiert. Zurück bleiben wir - ziemlich überfordert. Vorher aber bitte die Stühle an die Wand zurückstellen.
____ ole Ein Alien-KZ im »District 9« Ja, der letzte Harry Potter-Film war auch ganz nett. Doch noch sehenswerter, wenn auch nicht brandneu, war für mich im letzten Monat ein anderer Film: District 9. Ein Film, der vor zwei Jahren vor allem dadurch bekannt wurde, dass Peter Jackson, der Herr der Ringe, ihn produzierte. Und hierzulande dennoch noch eher unbekannt ist. Also: Dieser »District 9« ist ein Ghetto, das in Johannesburg (Apartheid!) von Menschenhand errichtet über eine Million auf der Erde gestrandete Aliens beherbergt. Bis die südafrikanische Regierung beschließt, das Ghetto zu räumen, um die Fremdlinge in ein Quasi-KZ überzusiedeln. Was passiert? Richtig, die Aliens proben den Aufstand... Super! ____ johanna Film fahren. Was gibt es Besseres als eine Eröffnung mit einem kleinen Tischtennisturnier von halbwüchsigen Jungs? Beinah 15 Minuten schauen wir aneinander gedrängt auf provisorischen Podesten in einem notdürftig abgehängten Bühnenraum den beiden Hobbysportlern bei der Verausgabung zu. Kaum beginnt die Situation zu funktionieren, geht es allerdings weiter mit God’s Entertainments „Trans-Europa-Bollywood“: Sex in der Badewanne voller Zucker, Filmdreh auf einem indischen Basar (im Geisterbahnshuttle) und dann im Taxi zum nahelegenen Buffet - wo wir die vorerst letzte Szene als Protagonisten in einem Bollywood-Streifen spielen dürfen… Und der Schnaps natürlich wie immer hervorragend (Rabtaldirndln). Österreicher aufgepasst: Die kommen von euch! ____ clemens Appeltree Garden Festival 2011 Gedanken-Gulasch Freitag – Es regnet – Pavillon bewahrt (noch) vor Schlimmerem – Das ist kein Sommer – trotzdem Brummer an der Becks-Flasche – ab aufs Festival-Gelände – U-S-A! – When Saints Go Machine sind überaus großartig – Metronomy spielen mittlerweile abgeklärtere Live-Shows als Thin Blizzy – Es regnet – „Der Autoschlüssel ist im Autoschlüssel“ – kein Schlaf – Samstag – Naked Heart verpasst – Amy Whinehouse ist tot – Was zum Teufel ist in Norwegen passiert? – Es regnet – Hmm, lecker Ofenkartoffel – Bodi Bill spielen zu früh – viiiel zu früh – Ist Jose Gonzales ohne Junip besser? – DJ-Set von Nordic by Nature kommt gut an aber ohne Übergänge aus – Wtf? – Wo ist der Pavillon? – Sonntag – Aufbruch – Es regnet. ____ johanna Institutet & Nya Rampen: Conte d'amour. Die Hauptpreisträger des diesjährigen Festivals Impulse, ein schwedisch-finnisches Performance- und Videokollektiv, kommen dem Abgrund, der der Liebe als psychosozialer Struktur eingeschrieben ist, gefährlich nahe. Der grundsätzliche Grenzgang familiärer (Liebes-)Beziehungen: greifbar in dieser 3-stündigen Performance, die selbst wiederum die Grenze von Performance und Video bewegt - denn das meiste, was da buchstäblich im Untergrund passiert, wird uns nur auf einer Leinwand sichtbar, auf der in Homevideoästhetik das Geschehen übertragen wird. Agiert wird immer auch für die Kamera. Ein Anlass, sich über die zeitgenössischen Bedingungen der Möglichkeit von Wahrnehmung und daraus resultierenden Subjektentwürfen bewusst zu werden.
____ ole Seltsamer Name, seltsamer Künstler Kein Monat ohne Nachruf. Und gestorben wurde wahrlich viel im letzten Monat, doch an einen Toten soll hier nun erinnert werden: Cy Twombly. Als der amerikanische Künstler an einem verregneten Sonntag im Dezember 2008 in mein Leben trat, stand ich im Bilbaoer Guggenheim Museum und starrte in großen leeren Räumen auf große leere Bilder. Seine Bilder. Auf denen Twombly, das sagte zumindest der alberne Audio-Guide, angeblich das mathematische Genie von Leonardo da Vinci visualisierte. Oder so. Als Twombly am 5. Juli verstarb, wusste ich: Wir haben uns verpasst. Wer erklärt mir die Größe dieses angeblich großen Künstlers? Ich will mitreden.
____ johanna What it means to be a fan. Überlegungen zur Ähnlichkeit von Religiosität und einer Existenz als Fan sind zwar nicht neu, die Auseinandersetzung von Lea Martini und Diego Agulló (der aus der Medienkunst kommt und Tanz erst beim versehentlichen Besuch eines falschen Workshops entdeckt hat) bringen sie allerdings auf den Punkt. Ausgehend von eigenen Erfahrungen als Fan, einer Analyse von Körpersprache und Sprechgestus, bringen die Performance- und Videokünstler aus Berlin das Wesens des Fantums denkbar einfach auf die Bühne: In einer Kondensation von typischen Gesten und einer beinah meditativen Rezitation willkürlich gewählter Namen scheint sie auf: die radikale Hingabe. ____ johanna What it means to be oriental (as a German). Kleiner Off-Kommentar zu Hobbytänzern: Bei einem Abschlussabend verschiedenster Tanzkurse stellt sich, begleitet von massiven inneren Widerständen, der Eindruck ein, dass Orientalischer Tanz in Deutschland nicht jenseits einer Angestellten-Identität zu denken ist. Das Ausleben der "anderen" Seite, jedoch nur als Kompensation, niemals als ernstzunehmender Schritt zur Selbstermächtigung scheint dem Phänomen Bauchtanz unwiederbringlich eingeschrieben zu sein. Schön einfach, es als Hobby gescheiterter Frauen in den Wechseljahren aufzufassen – die Hausfrau ist ja eben die Angestellte par excellence. Oder diese Erklärung nur ein verzweifelter Versuch, gängige Klischees als Realität zu rehabilitieren? Ziemlich gruselig, das Ganze.
____ ole Werner Hamacher über die Unmöglichkeit, Räume zu denken (W.H.: Amphora. In: Theater der Zeit (Hrsg.): Wanda Golanka. Tanz Ensemble Modell. Berlin 2010, S. 30): »Der Raum hat keine Grenze – hätte er eine, dann wäre sie a limine eine gegen den Nicht-Raum und der Raum wäre, durch diesen bestimmt, selber kein Raum –, er lässt seine Grenze ziehen. […] Es gibt keine Definition des Raums, die nicht seine Infinition einschließen würde. Die Fortsetzung der Grenzziehung um den Raum, ihr Und-so-Weiter ist keine Verlegenheit, die den Versuch, ihn zu denken, »von außen« behindert; sie gehört dem Raum ebenso wie dem Denken des Raums an. Der Raum ist weiter. Er ist Und-so-Weiter.) Der Raum ist die Verlegenheit des Denkens – seine Verräumlichung. Denken heißt, in Verlegenheit zu sein.« Kommentare16.02.2012 17:20
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