Kultur im August in hundert Wörtern

geposted von artifarti
01.09.2011 14:00
Als sich Muammar al-Gaddafi in Libyen vor 42 Jahren an die Macht putschte, das war heute, am 1. September 1969, da standen die Rolling Stones mit Honky Tonk Women an der Spitze der Billbord-Charts, da war der Alt-Nazi Kiesinger noch Bundeskanzler, und Elvis lebte! Und führte mit In The Ghetto die deutschen Hitlisten an. Verdamp lang her.
Verdammt gut drauf: unsere Kolumne, eine Vergangenheitsbewältigung in 100 Wörtern!

 
ole
Dockville Festival #1

Am Rande der Absage stand das Dockville angeblich. Wochenlanger Regen, ein Gelände, das man genauso gut im Schlauchboot wie zu Fuß hätte betreten können und eine – man muss es sagen – miserable Organisation, erschwerten die Bedingungen für die 20.000 Besucher (warum aber so viele?) am zweiten August-Wochenende in Wilhelmsburg. Schön war es dann trotzdem, zum Beispiel am Crêpes-Stand … oder auf den Bühnen. Die drei Headliner des Festivals: die Editors, Santigold und Trail of Dead lieferten gute, überzeugende Shows, während es die Bands auf den kleineren Bühnen und Zelten inmitten der Schlammseen schwieriger hatten. The Pains of Being Wet at Foot.


 
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benjamin
Im Ohr: Cut Off Your Hands aus Neuseeland

Zurück aus Austin (Texas) blickte die INTRO im Frühling 2008 zurück auf das gerade beendete SXSW-Festival, dem Seismografen für das kommende (Indie-)Pop-Jahr. Daheimgebliebene lasen von den spannenden Newcomern Foals und Cut Off Your Hands. Während die einen kurze Zeit später mit ihrem Debütalbum Antidotes zum Indie-Establishment aufstiegen, wurde die Hype-Maschine für Cut Off Your Hands zum »einarmigen Banditen«. Die erste Platte You & I erschien erst 2009 und ist hierzulande nur als Import erhältlich. Darauf zu hören ist eine eingängige Mischung aus ungezügelten Smiths, Gang of Four, Glasvegas und Get Up Kids (sic!). Nun knüpft das Zweitwerk Hollow daran an.


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ole
Im Kino: Woody Allens Midnight in Paris

Woody Allens neuer Film ist einfach gestrickt und konstruiert, sein Plot besteht genau aus einer Idee, nämlich der einer Zeitreise in eine angeblich bessere Vergangenheit, die eineinhalb Stunden lang bis zur Erschöpfung reproduziert wird, er ist mit Klischees überladen und zu jedem Zeitpunkt vorhersehbar. Warum sollte man ihn sich überhaupt anschauen? Wegen der Starbesetzung? Wegen Woody Allen? Nein. Weil Midnight in Paris tatsächlich sehr witzig ist, mit einem sehr komischen Owen Wilson, einem charmanten Namedropping mit Künstlern der Moderne, mit Auftritten von Hemingway, Dalí, Picasso, von den Fitzgeralds und vielen anderen. Das ist keine große Filmkunst, aber ganz einfach: beste Kino-Unterhaltung.


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benjamin
Im Knast: Ai Weiwei auch in Bregenz

In seiner Heimat China ist die Kunst von Ai Weiwei den kommunistischen Führern ein Dorn im Auge. Der Westen feiert ihn spätestens nach seiner dubios begründeten Inhaftierung im April dieses Jahres als Ikone des Widerstands gegen die Repressionen des Regimes und Moderator des ökonomischen und ökologischen Wandels des Landes. Im Nachrichtenwirbel untergegangen ist dabei oft sein Werk selbst. Das Kunsthaus Bregenz widmet sich den Architekturprojekten Ai Weiweis. In Ansätzen aufrüttelnd und erhellend, droht die Ausstellung jedoch zum Showroom für die Architektursupermacht Herzog & de Meuron zu verkommen, die Ais Expertise mehrfach beanspruchten (Olympiastadion Peking, ORDOS 100). Schade, FREE AI WEIWEI(?)!!

Ausstellung Ai Weiwei Art/Architecture bis zum 16.10.2011


  Fassadenprojekt Kunsthaus Bregenz Foto: Markus Tretter © Kunsthaus Bregenz

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ole
Orchesterkaraoke im Hamburger Stadtpark

Das war lustig. An einem lauen Freitagabend sangen hunderte Hamburger zur Musik der Jungen Symphoniker All-Time-Favourites wie Billie Jean, Hey Jude, I Will Survive, Taxi nach Paris und Falcos Amadeus – mit großem Orchester, analoger wie amüsanter Karaoke-Maschine, und talentierten wie manchmal peinlichen Karaoke-Sängern aus den eigenen Reihen. So volksnah gibt sich Kampnagel, unser geliebtes Zentrum für schönere (sic!) Künste, nur selten. Schon gar nicht bei seinem alljährlich stattfindenden Sommerfestival. E meets U. U wie Unterhaltung, nicht wie Unstern. Der (Hans) spielte am Abend davor in der Kampnagel »Music Hall« (sic!). So anglizistisch gibt sich Kampnagel selten. Muss ja auch nicht.


  Ein Bild von der Veranstaltung in 2010, damal noch unterm Dach. Dieses Jahr nun Open Air im Stadtpark. Foto: David Berge

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ole
Dockville Festival #2

Wer auch immer die Band-Texte im Programmheft des Dockville Festivals geschrieben hat: er hat seinen Job verfehlt. Statt den vielleicht unkundigen Festivalbesucher mit Referenz-Bands oder kurzen Überblicken zur Bandgeschichte zu informieren, wurde im Dschungel der Genre-Bezeichnungen gewildert. Shoegaze-Post-Electro-Dubstep-Prog-Rock, der »berührend« ist, aber »unberührt« bleibt; das waren so gängige Metaphern – anscheinend gegen den eigenen horror vacui angeschrieben. Da musste man notgedrungen bei seinen Favoriten bleiben: wie den großartigen Kante und ihrem, dem besten Auftritt des Festivals. Da können die Zeugen Jehovas, die uns als Edward Sharpe & The Magnetic Zeros mit ihrer selbstverliebten, heiteren Erbauungsmusik beschallten, einpacken. Ich hab's gesehen.


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ole
Lesetipp: Strukturierte Verantwortungslosigkeit – Berichte aus der Bankenwelt, hrsg. von Claudia Honegger, Sighard Neckel und Chantel Magnin (edition suhrkamp, 2010)

Das Buch zum Crash-Monat August: Eine Gruppe von Schweizer Soziologen hat 2010 einen Interviewband mit dutzenden Porträts über Vertreter der europäischen Bankenwelt veröffentlicht. Es geht um jene »strukturierte Verantwortungslosigkeit«, die sich in der Parallelgesellschaft der internationalen Finanzwelt unter Investmentbankern, Risk Managern und Derivatehändlern etabliert hat – und bis heute für immensen wirtschaftlichen Schaden sorgt. Das ist interessant, lehrreich, oft auch tendenziös. Aber man weiß endlich, was »Mortgage Backed Securities« sind und was sich hinter den Kürzeln CDS, BIZ und IFRS verbirgt. Heiße Luft. Oder: »strukturierte Finanzprodukte« und Artverwandtes. Oder: neue Gründe dagegen, BWL oder VWL zu studieren. Oder gerade deshalb: dafür?


  Panik an den Börsen, die Aktien-Indizes fielen im August auf Tiefststände, viele befürchten eine neue Rezession. Die Welt: am Abgrund.

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ole
Oh, Jesus! Cover-Stories

Es gibt gute Cover-Versionen, wie I am The Walrus von Oasis, das besser ist als das beatleske Original, es gibt sehr gute Cover-Songs, wie Joannas Newsom Swansea in der Interpretation des Bombay Bicycle Club. Und gibt es wirklich schöne Cover-Songs von Künstlern, mit denen man eigentlich nicht so viel am Hut hat. Zuletzt gehört bei Norah Jonas, ja, der Soul-Sängerin und Schauspielerin (»das ist ein guter Pie«) mit ihrem Wilco-Song Jesus, etc. Das liegt vielleicht aber auch nur an dem großartigen Song. Was ich damit eigentlich auch nur sagen will: Am 27. September erscheint Wilcos neues Album The Whole Love. Almost.


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