Männer, Schwarze, Stereotype. Zum Fürchten.

geposted von julian
22.12.2009 16:12
Beyonce Knowles singt über Männer, die ARD zeigt einen deutschen Heimatfilm aus Afrika und die "Bilder im Kopf" werden zu Realitäten. Ein Einwurf.

  Beyoncé mit Jay Z. Typisch Mann: Arschfixiert.
Frühstücksradio ist nicht mein Ding. Weder das Gequatsche der pseudomäßig gut gelaunten Moderatoren noch die Musikauswahl versetzen mich morgens in die positive Stimmung, die wohl das bildungsferne Publikum mitnimmt, bevor es zur Arbeit geht; oder von der auditiven zur visuellen Morgenbelustigung wechselt. Trotzdem, man hört mal rein, hin und wieder.
Heute morgen vernahm ich zwischen Kaffee und Nutellabrot Beyoncé Knowles, die mit einfühlsamer Stimme, fast weinerlich, davon singt, was sie tun würde, wenn sie ein Junge wäre. "If I Were A Boy" eben. Mancher Junge möchte sich dieses Schreckenszenario ob ihrer Weiblichkeit sicherlich nicht vorstellen - und damit herzlich willkommen im Stereotypenparadies. "Ruhig, soulig" sagt laut.de, "reduzierte Instrumentierung, tröpfelnde Taktung und akustische Gitarren". Aber hat ein Junge mal auf den Text geachtet?

"If I were a boy... I'd roll autta bed... an throw on what I wanted in the morning...". Ey, vielleicht dein Jay Z. Aber da gibt es andere. So einfach ist das nämlich nicht. Abgesehen davon, dass wir uns nicht schminken (die meisten jedenfalls), verbringen wir nicht weniger Zeit damit uns für den Tag zu rüsten. Und jedem Normalsterblichen fällt das schwerer als dir, die mit Designerkram nur so zugeschüttet wird.
Sterotyp 1: Männer achten weniger auf ihr Äußeres als Frauen.
Weiter im Text.
"Drink beer with the guys and chase after girls..."
Stereotyp 2: Und dazu noch ein absolut überholtes Prollosterotyp. Zählt vielleicht noch bei denen, die morgens vom Radio vor den Fernseher wechseln und den Nachmittag nutzen, ihre Zweitfreundinnen zu treffen und nicht mal denen zuhören ("I swear I’d be a better man.
I’d listen to her")
Stereotyp 3: Frauen sind die besseren Männer. Auch das ist eine Ansicht, die sich stetig hält. Ich bin wirklich gekränkt.

Der Volkskundler Hermann Bausinger beschreibt Stereotypen als "Verallgemeinerungen tatsächlicher Merkmale", die eine reduzierte Information wiedergeben, um komplexe Sachverhalte zu vereinfachen und so "Orientierung" bieten.
Jetzt könnten wir ja damit leben, wenn Knowles über die Männer so singt, wie sie es tut und damit das Bild einer Gruppe zu charakterisieren versucht. Was aber, wenn dem Bildungsbürgertum dann an einem vorweihnachtlichen Abend (22.12.2009) im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ein Film präsentiert wird, der die (eigentlich längst überholten) Stereotype einer (anderen) Randgruppe in der deutschen Gesellschaft aufgreift - die der Schwarzen, im konkreten Fall, die der "Afrikaner". "Meine Heimat Afrika" lautet der kitschige der Titel des TV-Tipps auf der ARD-Homepage, der schon den ersten Trugschluss vermittelt. Afrika als homogenen Zusammenschluss von Staaten darzustellen, wobei auch nur ein kurzer und unwissenschaftlicher Blick der Produzenten in die Geschichte dieses Kontinents das Gegenteil belegen würde, ist fahrlässig.

  Der weise Schwarze: "... von Moses erfährt Hanna, dass das Land für sein Volk heilig ist ..." (ARD).

Hanna Edlinger (Christine Neubauer) und dem deutschen Fernsehzuschauer mag das egal sein. In einem Umfeld, das erstaunlicherweise perfekt und akzentfrei Deutsch spricht, geht es schließlich um ganz "deutsche" Dinge: "Jetzt, wo alles vorbei ist, kommst du und reißt dir meine Erbe unter den Nagel", sagt Hannas Halbschwester Suma, die sie nach dem Tod ihres Vaters in Namibia trifft. Die Haare hat sie dabei zu Rastazöpfen geflochten und trägt ein blumenverziertes Kleid, typisch afrikanisch kommt die junge Frau daher. Doch wer in dieser Figur noch nicht den ganzen "Typus der Schwarzen" erkannt hat, dem wird spätestens mit Moses klar, was den Afrikaner ausmacht. Von der stereotypen Physionomie einmal ganz abgesehen - wenngleich der Schauspieler Chris April von irgendjemandem ja gecastet und für typisch afrikanisch befunden worden sein muss - steckt Moses in einem Kostüm, das beweist, die DRK-Kleiderspenden kommen an. Darüber hinaus verkörpert er den geheimnisvollen Fremden ("...Moses weiht Hanna in ein religiöses Geheimnis ein...").
Ganz nebenbei sei erwähnt, dass die ARD ihren Film dann noch damit anpreist, dass "[...] vor dem beeindruckenden Hintergrund der namibischen Gründerstadt Lüderitz sowie in der Geisterstadt von Kolmanskop, die noch aus der deutschen Kolonialzeit stammt [inszeniert wird]". Herzlichen Glückwunsch.
Sollte nicht gerade die ARD, die oft selbstherrlich die horenden Fernsehgebühren mit ihrem zu erfüllenden Bildungsanspruch legitimiert, endlich beginnen, diesen zu verwirklichen und das nicht nur in Sendungen, die um 23.15 Uhr zwar anspruchsvoll sind aber kaum Beachtung finden?

Es bleibt festzuhalten: Popmusik und Primetime-Film bestätigen erwartbare Stereotype, festigen sie und ebnen den Weg dazu, dass diese Vorstellungen letzlich als Wirklichkeit ausgelegt werden. Sie schaffen eine neue Realität. Doch Stereotype sagen immer mehr über die stereotypisierende Gruppe aus, als über die stereotypisierte.
Das muss man nur wissen.

Und, welche Stereotypen verbindest du so mit Menschen? Mach den STEREOTYPENTEST!


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Kommentare

18.01.2010 13:18
Max
Ich mag den Text und den leicht ironischen Schreibstil ebenso. Das sind interessante und wichtige Beobachtungen, die dort gemacht werden. Allerdings habe ich mit folgendem Satz ein Problem:

"Weder das Gequatsche der pseudomäßig gut gelaunten Moderatoren noch die Musikauswahl versetzen mich morgens in die positive Stimmung, die wohl das bildungsferne Publikum mitnimmt, bevor es zur Arbeit geht"


„Das Bildungsferne Publikum“ existiert also laut Text als feste Gruppe in der Gesellschaft und hat bestimmte Eigenschaften (Es ist erwerbstätig und lässt sich von der Morning-Show belustigen). "Die Arbeiter" merken nicht, dass die Musikauswahl schlecht und die Moderatoren nur pseudomäßig gut gelaunt sind. Und weil sie eben nicht „den Durchblick“ haben (wie „bildungsnahe“ Menschen), sind sie so stupide, diese positive Stimmung in sich aufzunehmen.
Während der Text also selbst auf Grundlage des (angenommenen) Grades der Bildung willkürlich kategorisiert, Eigenschaften zuschreibt und wertet, wird drumherum die Stereotypisierung und Herabwertung von schwarzen, weißen und Männern kritisiert.

Genauso wenig wie „die Männer“, „die Schwarzen“ und „die Weißen“ als Gruppen in der Gesellschaft existieren und mit bestimmten Eigenschaften ausstatten werden können, gibt es „die Arbeiter“ oder „das Bildungsferne Publikum“, welches im Text konstruiert und mit einem elitären Selbstverständnis herabgewertet wird.

Der letzte Satz des Textes ist auch hier ein gutes Schlusswort:
"Doch Stereotype sagen immer mehr über die stereotypisierende Gruppe aus, als über die stereotypisierte. "

Es grüßt der ansonsten gerne hier lesende

Max
05.01.2010 14:43
Herr Werner
Ich finde den Text gut. Meines Erachtens liefert er doch Anreiz darüber nachzudenken, was wir so fernsehen! Erkenntnisse erwarte ich in wissenschftlicher Literatur.
Viele Grüße aus Lingen, Mr. W.
27.12.2009 02:27
ichweiss
was für erkenntnisse! das schafft ja eine komplett neue realität! ich glaub, das weiss ich jetzt. entschuldige...aber -