Kultur im Mai in hundert Wörtern

geposted von artifarti
01.06.2010 20:00
artifarti startet seine neue Kolumne: "Ein Monat in hundert Wörtern".
Unsere Autoren schreiben in 100 Wörtern über Dinge, die sie gesehen, gehört, gelesen oder besonders bewegt haben.

 
julianlange
Richard Price: "Cash"

„Great American Novel“ und „Wunderwerk an Dialogen“ im Spiegel und Tobias Rüther begann seinen Artikel in der FAS vom 23.05.: „Endlich erscheint dieses Buch auch auf Deutsch“. Jubel über Richard Price´ „Cash“ liest man jetzt allenthalben. Er beginnt ungefähr 200 Seiten lang als gewöhnlicher Krimi, dann aber entfaltet sich das Buch in kleinen Szenen und großteils dialogisch zu einer Studie über das Phänomen, das jeder Großstädter kennt: Gentrifizierung. Ohne jedes Urteil zeichnet Price, vor allem bekannt als Drehbuchautor, das Leben der gesellschaftlichen Seismographen in der Lower East Side nach: Künstler, Asoziale, Gangster, Polizisten, Barmänner…. Gute Literatur mit den Methoden Hollywoods!



  Richard Price "Cash", S.Fischer Verlag, 19,95 Euro
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Clemens
Trentemøller "Into The Great Wide Yonder"

Zurück ist er in Albumlänge. Trente du Gott!, möchte mancher schreien. Das zweite Album des Dänen klingt allerdings so gar nicht wie sein Vorgänger "Last Resort". Fever Ray-ähnlich beginnend, überrascht danach zerberstendes Gitarrengeschrei. Überhaupt, die Gitarre nicht der Elektrobeat prägt den düsteren Sound des Neuwerks. Neben der Gitarre: Die Stimmen des Indie-Duos Darkness Falls und des Guillemots-Sängers Fyfe Dangerfield. Die Tarantino-blutige Klangfarbe setzt sich spätestens in "Silver Surver ..." durch, bis im Schluss "Tide" Air-ähnliche Zwischentöne zum Träumen anregen. Für solche, die dumpfen Wirkungselektro satt haben. Und solche, die es bei der bloßen Namenserwähnung nicht mehr hält: Trente du Gott!



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johanna
Laurent Chétouanne "Tanzstück # 4: Leben wollen (zusammen)"

Laurent Chétouane ist bekannt. Als Regisseur des Sprech-Theaters in dem wenig gesprochen wird – zuweilen so wenig, dass frustrierte Zuschauer in Scharen vorzeitig den Saal verlassen. Mutig bleibt er trotzdem: indem er Dinge macht, die er eigentlich nicht kann. Tanzstücke. Sein viertes war am 7./8. Mai bei PACT Zollverein in Essen zu sehen. Wie seine Vorgänger arbeitet es sich an einer Textvorlage ab. Dieses Mal: Roland Barthes' "Comment vivre Ensemble", das Möglichkeiten einer Gemeinschaft aus echten Individuen erkundet. Fünf Tänzerinnen und Tänzer übersetzen diese Überlegungen in Bewegung und Text. Dialoge werden ebenso in die Leere des großen Raums gesetzt wie die Positionen der Körper (zueinander) - Zusammensein, das ist der Moment. Der auch die Beziehung zwischen acteur und spectateur berührt: Zuweilen sind wir einander erstaunlich nah an diesem Abend.


  Momentaufnahme.
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ole
Woyzeck, was nun?

Auf nahezu allen großen Bühnen stand in dieser Spielzeit Büchners Woyzeck auf dem Programm – etwa am DT in Berlin oder im Hamburger Schauspielhaus. Doch nirgends beeindruckte Büchners Drama so sehr wie am Thalia Theater: Mit der musikalischen Woyzeck-Adaption von Tom Waits und Robert Wilson – und dem aufregendsten Bühnenbild des Jahres – zeigte das Haus am Alstertor, warum es noch immer zu den besten Theatern des Landes gehört. Ähnlich begeisternd: das Gastspiel der Münchener Kammerspiele mit der über vierstündigen Bühnenfassung von Hans Falladas Kleiner Mann, was nun. Das gab es leider nur im Mai, Woyzeck hingegen noch siebenmal im Juni und Juli.



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johanna
"Free Falling" - ein Filmwochenende

Massiver Konkurrenzkampf: Rare Sonnenstrahlen oder eine (einmalige) Auslese internationaler Videos und Filme? Ich verbringe das letzte Maiwochenende unter einer Beamer-Sonne. Bei PACT Zollverein ist Filmfestival angesagt. Die Kuratorin Katrin Mundt hat rund zwanzig Arbeiten ausgesucht, die trotz teilweiser formaler und inhaltlicher Strenge ziemlich leichtfüßig daherkommen. Kaum merke ich, wie die Zeit vergeht mit den Zwillingen, die in der Isolation der familiären Nestwärme eine Geheimsprache entwickeln (Jean-Pierre Gorin), Affen, die mir ähnlicher sind, als ich bisher dachte (Jim Trainor), Betten, die anmuten wie Unterwäsche (Ingrid Nollmann), Menschen, durch die andere Menschen sprechen (Johannes Maier) - … Nicht schlechter als Maisonne.


  Frühling mit Zwillingen.
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