Rivalität, Ästhetik und animalischer Jubel.

geposted von artifarti
27.05.2010 20:45
Madrid, Spiel, Niederlage, Lucio, Freude. Ein Bericht.


  Zwei Herzen wohnen ach in seiner Brust! Lucio liebkost den Bayernschal und gewinnt mit Inter Mailand die Champions League.
Lasst es mich an den Anfang stellen: Madrid war unglaublich.
Ich habe so ein Spiel mit so einer Stimmung noch nicht erlebt. Von der ersten Minute der Reise an, sogar dem Umstand zum Trotz, dass ich alleine aufgebrochen war, habe ich diese positive Stimmung in mir gehabt. Alle Leute waren nett und der Fußball faszinierte jeden, den ich schon auf dem Weg nach Madrid getroffen habe. Drei indische Touristen habe ich bis nach Amsterdam mitgenommen. In dem Mietwagen, den ich mir zur Sicherheit noch bestellt hatte um 100% sicher zu gehen, auch in Amsterdam anzukommen, roch es stark nach Erbsensuppe und Curry, aber die Stimmung war bestens! Die Stewards im Flieger der holländischen KLM-Airline wünschten nur Glück und alles Beste für das Spiel und keine zwei Minuten im Flughafen Madrid angekommen, da fragten mich die ersten, ob ich noch Tickets zu verkaufen hätte.
Man war schon in der Metro unter hunderten von Fans. Die Sonne brannte. Ich habe mich schnell einsortiert und diese alte positive Schwingung von Freiheit gespürt, die der jugendlichen Freiheit. Es war fantastisch. Einen kurzen Augenblick dachte ich, dass es schöner wäre, alles mit einem Freund zu teilen und das ist auch jetzt noch mein Empfinden, aber dennoch habe ich alles aufgesogen und genossen. Die Wärme, die Unsicherheit, wo ich übernachte, die Menschen, die man nicht kennt, mit denen man aber trotzdem unvoreingenommen feiert. Auf dem Weg zum Stadion war ich aufgeregter, als wenn ich selbst spielen müsste. Ich denke, dass es diese Passivität war, die mich so verrückt machte. Außer Anfeuern blieb mir ja leider nichts, um das Spiel zu bestimmen. Dementsprechend wandelte sich meine Freude nach dem Spiel, das ich vor Adrenalin beinahe nur nebensächlich wahrnahm, in ein bisschen Wehmut. Wehmut darüber, es doch nicht geschafft zu haben. Wobei ich von der ersten Minute an den Eindruck hatte, dass dieses Spiel eine Nummer zu groß für die Jungs war. Ich habe sie in den letzten drei Partien gesehen und von der ersten Sekunde an sah man, wie schwer es für Bayern werden würde. Die Lockerheit hatte sie verlassen, die Sonne über Madrid war längst untergegangen und das Flutlicht schmerzte in Augen und Kopf.

Doch nach der Siegerehrung war es wieder fantastisch. Lucio ging zu uns an den Block und küsste einen Bayernschal, den man ihm zugeworfen hatte. Dabei weinte er wie ein Schlosshund. Dieser Abwehrrecke! Und da war mir auch wieder klar, warum ich diesen Sport so liebe! Die Rivalität auf dem Platz, die Ästhetik des Spiels, das Animalische des Jubels und das Leid im Moment des Verlusts. Und danach, die ausgelassene Freude darüber, eine starke Saison gespielt zu haben.
Der Schmerz über die Niederlage verschwand schnell. Wir feierten zusammen mit vielen Italienern in der Stadt. Nach anfänglicher Abstinenz sah ich Udo Lattek. Er wurde von einigen Herren aus dem Stadion geschoben, durch die Fanmengen. Er war betrunken, wie ich es an diesem Abend nicht mehr sein würde und ich fand es so lustig, dass ich mir im Sturztrunk gleich zwei halbe Liter genehmigte, die mich völlig aus den Schuhen schossen! Tiefgründige Gespräche und Gesänge mit und gegen die Italiener folgten. Ich tanzte wie ein Irrer, noch in der U-Bahn. Als ich wieder allein und bei Sinnen war, lief ich gerade das dritte Mal die Gran Via herauf und damit zum dritten Mal an meinem Hostel vorbei. Auf der anderen Straßenseite sah ich ein Fastfood-Restaurant. Als ich dort ankam, schloss es gerade, ich lief die Gran Via, wie ich nach einigen Kilometern merkte, in die falsche Richtung entlang. Also zurück. An einer Ampel versuchten sich einige attraktive Frauen an mir. „Letsch goh hoom“ hauchte die, dem Wetter und ihrem Beruf angemessen angezogene bzw. nicht angezogene Dame, mir zu. Ich habe ihr erklärt, dass das nicht geht, da ich in einem Vier-Bett-Zimmer wohne. Sie hätte eine Ausweichmöglichkeit anzubieten. Ich lehnte ab. Wunderte mich aber am nächsten Morgen dennoch arg über meine Begründung, sie nicht mitzunehmen.

Im Hostel freute sich der alte Herr, der den Nachtdienst übernommen hatte, dass ich nach schätzungsweise 30 Mal Klingeln endlich im 7. Geschoss angekommen war. Ich habe nach der Eingabe der Pin-Nummer an der Eingangstür einfach immer vergessen ENTER zu drücken.
Der alte Herr begrüßte mich also überschwänglich. Ich schenkte ihm einen Bierbecher aus dem Estadio und er nahm mich in den Arm. Im Zimmer lagen bereits einige Personen. Ich sah aus den Augenwinkeln aber nur, wie mich ein Fan anlachte. Ich kann mich an nicht mehr erinnern, als dass er ein Trikot anhatte. Ich weiß nicht mehr ob es blau-weiß oder rot-weiß war. Am nächsten Morgen war er fort und sein Bett abgezogen. Ich war noch ziemlich betrunken, da merkte ich, dass aus dem Men's-Room doch ein Mixed-Door-Room geworden war. An meinem Fußende lagen zwei Chinesinnen. Ich entschuldigte mich im Voraus dafür, dass ich heute Nacht so laut war und sicher auch geschnarcht hatte. Sie verstanden kein Wort und ich war froh, dass diese zwei filigranen chinesischen Vasen über Nacht nicht zersprungen waren.
Den restlichen Tag verbrachte ich in Madrid mit Ohrwürmern vom Vorabend, mit Tapas, der Süddeutschen Zeitung am Plaza de Espana und viel, viel Wasser.
Die Sonne schien wieder.

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