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Im Anderen sein. Sharon Lockharts "Double Tide"
10.06.2010 22:18
Im Rahmen der Reihe "Magical History Tour: Musik, Töne & Geräusche – Sound im Kino" hat das Arsenal-Kino in Berlin die Arbeit "Double Tide" der amerikanischen Avantgarde-Filmemacherin Sharon Lockhart gezeigt und mich bezaubert.
Ich beobachte eine Muschelsammlerin in Maine dabei, wie sie ihrer Aufgabe nachgeht. 99 Minuten hält die Kamera statisch die Position, lässt die Arbeitende ihre Wege unabhängig von sich gehen. Nur als die Frau allzu sehr aus dem Blickfeld zu verschwinden droht, folgt ihr die Kamera, weist ihr eigenes Vorgehen durch einen spürbar dauernden grauen Schnitt aus.
Es findet keine Handlung im eigentlichen Sinne statt, vielmehr werden wir Zeugen einer allmählichen Verwandlung. Die Verwandlung besteht in der eigenen Dauer, kann sich nur in einer langsam fortschreitenden Entwicklung vollziehen. Sie ist so kleinschrittig zu verfolgen, dass sie einen doch immer wieder mit gewaltigen Sprüngen überrascht. Denn letztlich scheint es der eigene Kopf zu sein, der zu langsam ist, der daher den Eindruck von Schnelligkeit vortäuscht: So wird spürbar, dass man selbst nur im Abgleich mit einem Davor eine Veränderung bemerken kann.
Die meditative Konzentration des Film allerdings hält ständig von dieser Synchronisationstätigkeit ab. Ich ertappe mich beim zeitversetzten Abgleich: Während meines Abtauchens in die Gegenwart der reinen Präsenz - sei es in der Konzentration auf die Geräusche, die Bewegungen im Film, sei es auf meine Langeweile, auf die Abwesenheit des Plots - erlebe ich zwar die Veränderung, kann sie aber nicht erkennen. Im Fortschreiten versenke ich mich in die Erfahrung, im Anhalten kann ich feststellen, dass es eine Zwischenzeit gab, in der Vieles unbemerkt passiert ist. So gibt Double Tide die Möglichkeit, teilzuhaben am sich lichtenden Nebel, an sich verändernden Wolkenformationen, dem Wechselspiel von Flut und Ebbe. Die Ruhe, die im stark rhythmisierten Bewegungs- und Tonverlauf des Geschehens liegt, lässt einen eintauchen in Farben, Geräusche, Bilder, die Möglichkeit eines anderen Lebens.
Doch die Idylle kommt alles andere als naiv daher: Sharon Lockhart lässt uns nicht vergessen, in einer künstlichen Beobachterposition zu sein, einer doppelten Vermittlung zu unterliegen: Von Zeit zu Zeit fährt ein Zittern durch die sonst so stille Kamera, fährt der graue Schnitt unseren Blick näher an die Sammlerin heran als zuvor. Und so wird man sich wieder des Kinosaals bewusst, des Soundsystems, dass die stark bearbeitete Klangkulisse so zum Strahlen bringt, der eigenen Bewegungslosigkeit - um einen immer wieder freizugeben in das Erleben des Anderen. Double Tide Sharon Lockhart USA, Österreich 2009 HDCam (gedreht auf 16mm), Farbe/Sound, 99 Min Kommentieren |
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