Jeans Team: Dandys im Wunderland

geposted von johanna
12.07.2009 18:07
Besitz ist normal. Trash ist normal. Und von Besitz träumen ohne ihn haben zu wollen? Nicht normal. Jeans Team können's. Und sind deswegen nicht nur cool, sondern Dandys nach der Postmoderne.


  Natürlich Dandys.
„How to be a Dandy in the age of mass culture?“, fragt Susan Sontag 1964 in ihren Notes on Camp.
Ihre Antwort: Camp. Gegenstände neu besetzen – Inhalt raus, Stil rein.
Hubert Kah mit der Federboa//Äffchenorchester in der Südsee.

Im Zeitalter der ständigen Ausschüttung neuer Massenprodukte konstituiert sich Exklusivität durch die Andersverwendung eines Massenguts – Gegenstände werden zu Verfahrensträgern. Auch das Individuum übt sich darin: der Dandy kann es sich leisten, keinen festen Ort zur Selbstverortung zu haben, sich ständig zu entziehen. Er ist der König der Uneigentlichkeit.
Heute gehören Trashpraktiken zum Mindeststandard der Popkultur. Doch gibt’s da nicht noch etwas Avancierteres? Wie sehen neue Verfahren der Selbstbehauptung als Dandy aus? Die Karten mischen sich neu – und damit auch die Vorstellung vom optimalen Verhältnis von Eigentlichkeit und Uneigentlichkeit.

Dafür lohnt ein Blick auf das Jeans Team. Die Elektropopper aus Berlin bieten eine Menge: Routinierte Trashpraxis (T.Y.T.T.S.), gut gelaunte Songwriterklänge zu verbreiteten Defiziten (Kopf auf) und NDW-Zitate (ja, über Musikgeschichte wissen die auch Bescheid und die 80er waren auch schon in den Neunzigern wieder cool!).
Doch das interessiert jetzt nicht. Gute Grundlage für Coolness sind diese Kompetenzen mit Sicherheit, aber ein avantgardistischer Dandy ist man deshalb noch lange nicht. Der wird erst der Bauer in seinem Zelt am Meer.

//Oh Bauer



//Berlin am Meer

//Das Zelt



Was diese Songs gemeinsam haben, ist eine Kultivierung des Phantasmas als Phantasma. Wenn Franz Schütte auf Elektrobeats textet „Oh Bauer/ Nimm mich mit/Früh am Morgen/Auf die Felder/In die Sonne“ und Bilder von Gemüsepaletten und Gabelstaplern durch's Bild laufen, dann scheint das die alten Techniken von einem UnGleichgewicht zwischen Eigentlichkeit und Uneigentlichkeit überzustrapazieren. Intuitiv scheint das Pendel in Richtung Eigentlichkeit auszuschlagen – aber Moment: Der formulierte Wunsch scheint nicht auf Realisierung hin angelegt zu sein. Also Phantasieren ohne echtes Umsetzungsbegehren? Macht ja Spaß. Und wer kann es sich schon leisten, keine Sehnsucht in seine Träume zu legen? Nur ein echter Dandy.

Ein ähnliches Verfahren in Berlin am Meer: „schön wenn es so wär“ – aber jetzt wird doch erstmal gefeiert. Mit Meer im Kopf auf Elektrobeats abgehen und sich über die gute Vorstellung freuen, die ins Phantasienregal kommt. Und manchmal angeschaut werden kann. Und Das Zelt? Da hört man „Kein Gott/kein Staat/Keine Arbeit/Kein Geld“ und coole Berliner Jungs ziehen mit Country-Gitarre, Akkordeon und Wandersstock durch den Wald. Der Text ruft gängige Globetrottervorstellungen auf: „Mein Zuhause ist die Welt.“ Könnte eine Parodie sein, aber dafür ist es nicht bissig genug. Einfach eine schöne Phantasie. Ebenso wie der Bauernhof und Berlin an der Küste. Wahrheitswert unerheblich, Schmuck für's Gemüt.
Aber der Dandy dieser Tage kann es sich auch leisten, ganz auf Inhalte zu verzichten. Sich damit schmücken, dass man nicht auf Schmuck angewiesen ist: „Just groove and good sounds. That's enough for me.“ Stimmt eigentlich.

Und was auch geht: Künstlerische Leitlinien auf der Grundlage von Fremdwünschen formulieren ohne dabei doof und unselbstständig zu wirken. Avantgarde ist auch nicht mehr das, was es mal war. Früher: Abgrenzung durch Abstandnahme vom Kompromiss, beharren auf Ungefälligkeiten. Heute: Abgrenzung durch Kompromiss, kein Beharren auf Ungefälligkeiten, dadurch Ungefälligkeit. Eigentlich zu sein ohne eigentlich zu sein. Sich als Intellektueller offensiv zum Nicht-Intellekt bekennen. Funktioniert natürlich nur, wenn ein gewisses Maß an Bedachtheit vorausgesetzt wird. Zeitgeist ist kompliziert. Und wir haben einen neuen Typ von Bruch in der Balancierung von Eigentlichkeit und Uneigentlichkeit gewonnen. Und der scheint über diese Dichotomie sogar hinauszuweisen. Lob des Fortschritts! Aber den gibt’s ja auch nur in der Phantasie.

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