"Keep me for yourself as long as you can"

geposted von clemens
07.04.2011 01:00
An jeder Ecke steht er, von überall schreit er und meistens ist es nicht schlimm, wenn er trotzdem keine Beachtung findet – der Hype. Wenn er aber im R&B-Trenchcoat daher kommt, den ein Siouxsie and the Banshees’s-Gürtel tailliert, heißt es: Obacht!

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Die gewöhnliche Besprechung des Mixtapes House of Balloons von The Weeknd beginnt in etwa so: „Also, eigentlich höre ich ja gar kein R&B, ...aber...“ Sie wird in der Regel nicht älter als zwei bis drei Wochen sein und von einer R&B-Gruppe sprechen, die der altbackenen Rhetorik dieses Stils einen neuen Anstrich verpasst. The Weeknd hat darauf seine eigene Antwort parat: „group? this ain't destiny's child nigga lol..“, heißt es am 10. März auf dem eigenen Twitteraccount (@theweekndxo) von Abel Tesfaye, dem Macher von The Weeknd.

Der gute Abel hat seitdem sowohl auf Twitter als auch auf Facebook die 10.000er-Marke an Followern beziehungsweise Fans überschritten und wird, wo man nur hinschaut, gefeiert – sei es in Indie-Blogs, sei es in den Mainstream-Medien von Pitchfork bis zum Rolling Stone. Der medialen Realität entsprechend, gibt es das Album frei auf der eigenen Seite zum Download. Als Referenzen fallen Namen wie Timbaland, The XX, oder James Blake. Und dann kommt The Weeknd auch noch aus Toronto, Canada – dem Running Gag der nicht enden wollenden Serie um einen erzählwütigen Weichling namens Ted.

"Wtf" müsste man da sagen, um der Sphäre um den nächsten Internet-Newcomer gerecht zu werden. Oder man freut sich einfach. Denn der 20jährige Abel Tesfaye weicht die Genre-Grenzen soweit auf, dass ein Produkt entsteht, das den Charme einer handfesten Überraschung besitzt. Nimmt man mal Loft Music: Hier wird – wie in The PartyBeach House gesamplet (wieso er das darf, erfährt die Twittergemeinde ebenfalls: "beach house management = cool as fuck.."), darüber pumpt ein wütender Bass. Tesfaye mischt dazu Rap mit Gesang in seiner sehr weichen Stimme, welche die Frauen womöglich eigenständig auszuziehen weiß – oder es zumindest versucht: „Take ya fckin' seat Baby, ride it out, now I know you wanna scream Baby... I think you lost your morals girl, but it's ok, cause you don't need them where we going“.


Natürlich geht es um Girls, natürlich geht es um Sex und alles klingt mehr als nur ein bisschen angedrogt. Das Genre-Stereotyp des (zugekoksten) Gigolos, der jede Frau verführen kann und will, die bis drei noch nicht auf dem Baum ist, wird allerdings gekonnt gebrochen. „Give me all for this, I need confidence in myself... So tell me you love me, only for tonight“, heißt es etwa in dem großartigen Wicked Games. Man stelle sich mal einen vor Selbstbewusstsein triefenden Usher vor, der – sich in den Schritt greifend – davon singt, sich seiner selbst nicht sicher zu sein. The Weeknd dagegen ist mit sich selbst und der Welt ganz und gar nicht zufrieden, düster hallen die Vocals wieder: "Bring your love baby I could bring my shame, bring the drugs baby I could bring my pain"
Und das unter den Producern Doc McKinney und ILLANGELO entstandene Mixtape hat noch einen Aufmerker im Gepäck. Der Titeltrack House of Balloons (s.o.) referiert den Siouxsie and the Banshees’s-Hit Happy House.


Die Idee verschiedene Musikstile miteinander zu vermischen, ist natürlich nicht neu. Man denke nur an die momentan so angesagten elektronischen Einflüsse in gefühlt jedem neuen Popsong. Aber R&B, der sich beim Indie bedient? Oder ist das hier Indie, der sich am R&B bedient? Wie dem auch sei, The Weeknd läuft auf Repeat. Und sorgt schon wieder für neuen Wirbel; So heißt es in einem seiner letzten Tweets, man dürfe dieses Jahr eine Triologie erwarten, in der House of Ballons wohl nur den Anfang machen würde. Ein am 2. April geschriebener Tweet verspricht außerdem ein neues Werk, das wohl den Titel „Thursday“ tragen wird.

Der Weg zum Mainstream-Erfolg erscheint nicht weit, vielleicht übernehmen die Charts bald höchstpersönlich die empfehlende Schreibe für den jungen Canadier. Da ist man verlangt, es mit Tesfayes eigener Empfehlung zu halten unter dessen Titel auch dieser Text steht. Er rät, seine Musik für sich (und die kleine artifarti-Gemeinde) zu behalten "before you start to lose your love for me..". Wer will auch schon Populär werden? Oder populäre Musik hören?

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