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The Life in a Day
08.07.2009 13:39
Tief ist der Brunnen der Musik. Auf seinem Grund: ein Album, so unerreichbar und ewig wie ein Stein. Einst hinab gestoßen von vier Männern aus England, der große Wurf.
Tief ist der Brunnen der Musik. Auf seinem Grund: ein Album, so unerreichbar und ewig wie ein Stein. Einst hinab gestoßen von vier Männern aus England, der große Wurf. Kein noch so langer Arm, kein noch so helles Licht mag sein Rätsel je ergründen, doch strahlt sein Licht bis in die Gegenwart.
Anmaßend zu glauben, den Brunnen ausloten zu können, ist doch der Atem des Erzählers zu kurz, um jenes verborgene Stück Musik zu erreichen. Zu tief ist der Brunnen, der gefüllt ist mit Melodien und Erinnerungen, zu tief für nur einen schwachen Hauch. Und doch versuchen wir das Unmögliche, aus Stein Gold zu machen, ihm Glanz und Gewicht zu geben. Zunächst einmal: die Notwendigkeit, dem Stein, dem rätselhaften Quell, Form und Namen geben. Sergeant Pepper. Zwei Worte, dreizehn Lieder, vierzig Minuten und elf Sekunden. Auf den ersten Blick: eine bunte Ansammlung von Menschen, die sich in das Auge des Betrachters drängen. Auf einen Schlag siebzig Schicksale der Weltgeschichte, versammelt auf einem kleinen Stück Pappe. Dieser Auflauf lässt erahnen, was man braucht, um die vielen Gesichter zu zeichnen, die das Album zieren: ein Menschenleben und noch mehr. So nehmen wir uns das zu Herzen, probieren uns an einem Leben, das zu beschreiben wir uns wagen und greifen hinein. Good Morning Good Morning. Das Leben erwacht mit der Sonne des Morgens, begleitet von Posaunen und Saxophon. Selbst ein Frühstücksei gibt es für uns, vom gackernden Huhn gelegt, das sich laut gebärdet und uns Nahrung gibt für den Weg, Proviant für einen langen Tag. Wir sind nicht allein in dieser Welt, die uns Marx, Einstein und Marlon Brando, lächelnd, angeboten haben. Überall um uns herum: Tiere, die uns fröhlich anbellen, wiehern, muhen, miauen. Als seien wir Orpheus – o reine Übersteigung! Kaum zu glauben, dass noch wenige Minuten zuvor Einsamkeit herein gebrochen ist, die keine Tiere und Posaunen kennt. Katapultiert in das Kinderzimmer eines jungen Mädchens, werden wir Zeugen einer Flucht. Es ist fünf Uhr morgens, in wenigen Stunden beginnt der Tag mit Cornflakes, Schule, Hausaufgaben. Das Mädchen erwacht und wir mit ihr. Es gibt kein Good Morning, es gibt ein Bye Bye. Die Eltern schlafen, nicht ahnend, was sich auf leisen Sohlen in ihrem Flur abspielt. Das leise Schließen der Zimmertür, die bedächtigen Schritte die Treppe hinunter, der kurze Brief auf dem Küchentisch, der erste Atemzug in der Frische der Dämmerung, die Erinnerung an eine familiäre Einsamkeit, die schwer über einer Jugend hängt. Sie flieht, doch wir bleiben, hören die Stille im Haus, in dem nur noch Mutter und Vater sind, noch immer schlafend und schnarchend. Wenig später hören wir das Weinen der Mutter, sehen die Tränen, die auf den Küchentisch fallen. She's Leaving Home. Die Spur des Mädchens haben wir inzwischen längst verloren. Schon betritt auf der Straße, auf der wir das Mädchen vermuten, eine andere Frau unsere Welt und lehrt uns die Liebe des Alltäglichen. Die zauberhafte Rita, meter maid, bewaffnet mit Stift und Strafzettel, zeigt uns die Poesie des Falschparkens. Wir sehen ihr kleines weißes Buch, die Uniform, alles scheint wiederhergestellt: die Einsamkeit vieler Jugendjahre, rasch verdrängt von hundertsechzig Sekunden in Dur. Aber kehren wir zurück zu unserem Stein, dem Album in der grundlosen Tiefe des Brunnens. Eine kurze Atempause. Zwei Leben kennen wir nun, sie sind an das Tageslicht getreten, zwei Menschenleben in wenigen Minuten. Genau dazwischen schiebt sich eine Mahnung, in so einfachen Worten, an der Grenze des Banalen, das man sonst selten verzeiht: try to realize it's all within yourself / no-one else can make you change / and to see you're really only very small / and life flows on within you and without you. Nicht weniger als eine ganze Welt ist also in uns: ein Menschenleben und noch mehr; das Leben der lieblichen Rita, die Jugend des flüchtigen Mädchens, das Schicksal von Lucy oben im diamanten Himmel, all die Toten und Lebendigen, die das Album zieren. Mehr wissen wir nicht, nicht über uns, über die Welt, die uns überdauert, über das Leben, das auch ohne uns weiter blüht. Und wie sollten wir etwas wissen, wenn die Musik am Grund des Brunnens auch nach unserem Tod spielt, wenn wir Freunde brauchen, die uns helfen, wenn vielleicht wir es eines Morgens sind, die einen Brief der Tochter auf dem Küchentisch finden. Sergeant Pepper’s Lonely Hearts Club Band findet eine simple, wie umwerfende Antwort auf die Frage, was man angesichts der Nichtigkeit zu tun hat. Sie erfindet das Leben als Zirkus, das Leben als bunten Kostümball, preist ein Menschenleben, das soviel mehr ist als das Leben eines einzelnen Menschen. Sie schlüpft in alberne, neonfarbene Uniformen, wechselt Identitäten und behängt die Hälse mit groteskem Schmuck. Sie singt von einem Leben, das auf den Kopf gestellt wird; in dem das stille Publikum die Musiker begeistert, die gar nicht mehr aufhören wollen, für uns zu spielen: you're such a lovely audience / we'd like to take you home with us / we'd love to take you home / I don't really want to stop the show. An ihrer Spitze stehen skurrile Figuren, lebensferne Anti-Helden, ganz anders als all die Berühmtheiten auf der bunten Pappe des Albums. Sergeant Pepper, Billy Shears und Mister Kite, der im Vorprogramm auftritt. Seine Artistengruppe wirft uns noch einmal in die Tage unserer Kindheit zurück und lässt uns Zirkusluft atmen. Waghalsige versuchen sich auf dem Trampolin und dem schmalen Seil. For the benefit of Mr Kite, there will be a show tonight. Doch was wäre dieses Album ohne die Verwandlung eines Menschenlebens in einen einzigen Tag. A Day in the Life. Dieser eine Tag: das Abenteuer, das längst keine Helden mehr braucht und schon gar keine Heldentaten. Der Beweis dafür, dass ein Leben nicht an Harmonie und Größe gemessen wird. An Stelle dessen: Ein Orchester, das mehr Lärm als Musik macht; und zwei Jungen, die durch ihren Alltag irren. Es ist kein tapferer Krieger, den wir begleiten, sondern den jungen Paul: der den Sirenen seines Weckers folgt statt sie zu fürchten, der nicht ein Schiff besteigt, sondern einen schäbigen Bus, raucht und trinkt, statt sich um seine Heimkehr oder stürmische Winde zu sorgen. Es ist kein tapferer Krieger, den wir begleiten, sondern den jungen John: der das Orakel der Zeitung befragt und nicht eine blinde Frau, nicht Schiffbruch erleidet, sondern von einem Autounfall liest, der keine Angst vor Zyklopen hat, weil für ihn nur eines wichtig ist: wie viel Schlaglöcher man wohl braucht, um die Royal Albert Hall zu füllen. Der letzte Satz des Tages liest sich wie ein offenes Bekenntnis zum Leben. Kein Verstecken, kein Warten, kein ewiges Aus- und Einrollen von totem Stoff. Nein, wir sagen den Freiern trotzig ins Gesicht: I’d love to turn you on. Und wir sehen alles, was um uns ist, was in uns ist, ein Leben in dreizehn Gesängen: wir sehen Musiker in Kostümen, sehen Billy Shears und seine Freunde, sehen Lucy und die Diamanten, sehen das Gute in Allem, sehen das Heroin in den Venen, sehen das flüchtende Mädchen am Küchentisch, sehen das Walzer tanzende Pferd, sehen Sitarspieler, sehen glückliche alte Männer, sehen die Straße und auf ihr Rita, sehen die Tiere am Morgen, sehen die Band in bunten Kostümen, wir hören das lärmende Crescendo des Orchesters ja ja ja KommentierenKommentare |
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geschriebene musik.