Von Baudelaire bis Butler: Fanfarlo live in Hamburg

geposted von ole
02.02.2010 02:02
Reservoir, das Debüt der jungen Londoner von Fanfarlo, war 2009 das Lieblingsalbum all jener, die weiterhin sehnsüchtig auf den dritten Longplayer von Arcade Fire warten. Nun besuchten Fanfarlo Hamburg und gaben eine Kostprobe aus ihrem (natürlich noch überschaubaren) musikalischen Repertoire.


  Schon gewusst? Das Album-Cover ziert eine junge Frau namens Sigurrós, die jüngere Schwester von Jónsi und Namenspatin seiner berühmten Band.
In manchen Musikerkreisen spricht man, wenn Bands wie The Divine Comedy, Arcade Fire oder Final Fantasy genannt werden, gelegentlich vom so genannten „Barock Pop“ bzw. „Rock“. Mag man von solchen Genrebezeichnungen halten, was man will: die englisch-schwedische Band Fanfarlo, die zur Zeit durch die europäischen Clubs tourt, wird man nach der Veröffentlichung ihres ersten Studioalbums Reservoir in die Nähe dieser teils barocken Indie-Musik verorten können. Wie passend, dass sie sich für ihren ersten Hamburg-Besuch die Prinzenbar in St. Pauli ausgesucht haben: eine im besten Sinne barocke Location, verziert mit steinernen Stuckornamenten und einem gewaltigen Kronleuchter, der über Zuhörern und Musikern thront.
Fanfarlo, das sind vier Herren und eine Dame, die an diesem kalten Februarabend die Bühne in der voll besetzten Prinzenbar nutzen, um in großen Momenten an Arcade Fire, in den wenigen schwachen an Snow Patrol (deren Tour-Support sie einst waren) zu erinnern und dabei die Erwartungen, die die elf Songs auf Reservoir weckten, live vollends zu erfüllen. Schon das halbe Dutzend Instrumente, das allein Frontfrau Cathy Lucas zu beherrschen scheint – und sie somit gewissermaßen zum Pendant Régine Chassagnes macht –, begeistern das Publikum, das fast alle Reservoir-Songs zu hören bekommt.
Und so glaubt man mit Fanfarlos vielleicht stärkstem Song, der Single The Walls Are Coming Down, ein potentielles „Neighborhood #5“ zu hören und beginnt beim Mitsingen von Finish Line – verwandt oder verschwägert mit Rebellion (Lies) – intuitiv mit den falschen Textzeilen.



Doch ist es natürlich ungerecht, in Fanfarlo bloße Epigonen der famosen Kanadier zu sehen, selbst wenn die personelle Zusammensetzung, die Instrumentalisation und einige unverkennbare melodische Versatzstücke auf Win Butlers Combo verweisen.
Die eigenen großen Ambitionen von Fanfarlo sind unbestritten. Davon zeugen nicht nur die vielen literarischen Anspielungen, die immer wieder ihre Texte kreuzen und sich schon im Bandnamen – der Novelle Le Fanfarlo von Charles Baudelaire entnommen – manifestieren. Vor allem die Zusammenarbeit mit Peter Katis – seines Zeichens Produzent der großen Alben von The National und Interpol –, verdeutlicht, in welchen Sphären sich die fünf Musiker aus London schon am Beginn ihrer Karriere bewegen. Die hat zwar hierzulande noch gar nicht wirklich begonnen (Reservoir steht in Deutschland offiziell erst Ende März in den Läden), doch erreichte sie schon einen ersten Höhepunkt, als Fanfarlo ihr Album im Sommer 2009 auf ihrer Homepage für nur einen Dollar verkauften – und reißenden Absatz fanden.

Bei all der Begeisterung über Violinen, Mandolinen, Flöten und Trompeten, die sich an diesem Abend auf der Bühne der Prinzenbar tummeln, verzeiht man Frontmann Simon Balthazar sogar die Müdigkeit, die ihn schon nach einer knappen Stunde erfasst und das Publikum mit nicht mehr als einem Song als Zugabe belohnt. Aber klar ist ja auch, wie ein berühmter Dichter einmal gesagt hat, dass Musik „ein Lohn ist, den man sich nur selbst geben kann“. Und so merkt man auch, wie viel Freude es Fanfarlo macht, Luna, das letzte Stück des Abends, zu spielen, sich selbst mit ihrer Musik zu belohnen – auch wenn besagter Dichter nicht Baudelaire, sondern Henry Miller heißt.
Doch genug der literarischen Anspielungen. Das Urteil des Hamburger Publikums fällt deutlich pointierter aus, verdichtet im lauten Ruf eines Besuchers, der den kurzen Moment der Stille zwischen finalem Akkord und Applaus zerschneidet: „Großartig, Leute!“


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