Northern Portrait - Neuer Glaube an alte Heilige

geposted von benjamin
21.04.2010 11:27
Die Kopenhagener Band Northern Portrait spielt nach eigener Aussage sophisticated Pop. Das könnte nun alles und Smiths sein. Der Sound ihres Albums Criminal Art Lovers leiert traditionsbewusst elegant durch die Aprilsonne, sodass der durch den Karriere-Herbst röchelnde Morrissey endlich nasse Füße bekommen könnte. Oder sie einfach mit auf Welttournee nimmt.

Northern Portrait - Sophisticated im Sonnenschein und im Schatten
  Northern Portrait - Sophisticated im Sonnenschein und im Schatten
Gotteslästerung ist kein Kavaliersdelikt. Morrissey ist so jemand, dem man im melancholischen Überschwang, dem Schwelgen in Erinnerungen gerne mal als Gott titulieren möchte: "Moz, du hast mich aus meiner Jugend befreit." Zugegeben: Gemeinsam mit Johnny Marr. Und: na... den zwei anderen halt.
Gerne auch als Musikgott. Vater des Indie-Rock nannte ihn gar die Hipster-Journaille B.Z.. Die müssen´s wissen. Ist doch manch ein Pop-Literat - welch ein Stigma dieser Begriff früher doch war: Pop-Literaten, Emos, und bald ist das "ich" an der Reihe - in den wohligen Schoß des Springer-Konzerns gefallen. In einer solchen modernen, flexiblen Organisation sind die Wege zwischen B.Z. und Welt vermutlich nicht lang.
Zurück zu Morrissey.
Will man M.s Bedeutung für die Musik ein wenig erden, so konnte man in ihm doch zumindest zu seligen The-Smiths-Zeiten so etwas wie einen Erlöser sehen: Der Prediger der missverstandenen Jugend. Bis ihn hierzulande die ungleich ungestümeren Tocotronic als Sprachrohr einer Generation zwischen "können und müssen, wollen und sollen" zu Beginn der 90er Jahre ablösten.

Was sang der Mann für schöne Lieder... Als Barde der Smiths. Nach dem überzeugenden Soloalbum "You are the quarry" gab sich Mozzer zuletzt kämpferisch: "Years of Refusal" proklamierte der Albumtitel. Störrisch wirkte die Botschaft. Schwer atmete die Musik. Ist Gott fehlbar?

Das tatterige und zunehmend eigenbrödlerische Genie Morrissey schwärmt seiner feingeistigen Vergangenheit nach, begegnet ihr zuweilen mit Härte und singt Loblieder auf Städte ab, die inzwischen ganze Compilations mit musikalischen Liebesbekundungen füllen können.

Im Fahrwasser von: THE SMITHS: schwammen anno Tobak unzählige Epigonen, die bei abebbender Strömung rasch auf Grund liefen. Während Morrissey nunmehr seine Arme um Paris schwingt, erweist das dänische Quintett Northern Portrait dem frühen Schaffen des Steven Patrick Morrissey seine Reverenz und nennt die Schmidts gänzlich unverblümt als Referenz. Nach zwei EPs ist mit Criminal Art Lovers nun die erste Langspielplatte erschienen. Herrlich, feinste abgeschmackte Promo-Waschzettel-Schreibe. Und die hat es in sich. Abermals. Verzeihung. Lassen wir das.



Da der gute Mann aus Manchester sich einst selbst das Zölibat aufgehalst hat, so der einschlägige Gossip, Mozzer weder Frau, noch Mann, weder Kind - Gott bewahre - noch Tier - vielleicht noch am ehesten, denn Meat is Murder - eindeutige Zuneigung entgegengebracht hat, ist eine genetische Verwandtschaft des Engländers und der Dänen um Troubadeur Stefan Larsen nicht zu erwarten. Musikalisch betrachtet, wächst der Stammbaum 13 Jahre nach der Trennung der Smiths aber weiter. Es sprießen Knospen an morsch werdendem Holz - Broken Flowers. Nur umgekehrt. Der Nachwuchs begibt sich auf die Suche nach den musikalischen Ursprüngen. Und muss dann auf Seiten wie dieser lesen, dass das Elternhaus längst gefunden wurde und auf dem Klingelschild "SMITHS" zu lesen ist.
Zu dieser dem Drama nicht abgeneigten Sippe gehörte auch Johnny Marr. Sein außergewöhnliches Gitarrenspiel, das ihren prägnantesten Jubelausbruch im allseits beliebten This Charming Man hatte, glaubt man auf Criminal Art Lovers großflächig wiederzufinden. Ob in den potenziellen Gassenhauern When Goodness Falls und What Happens Next oder auch in der etwas fahrigen, und älteren Nummer Crazy. Immer wieder schwingt sich Larsen Stimme in Höhen, in denen er mit Emphase jodelt, ehe seine Worte in der dünnen, alpinen Luft zu zerbröseln drohen. In den fantastischen The Operation Worked But The Patient Died oder Life Returns To Normal - einem Track über den einstigen, pardon, "Schweden-Panzer" VOLVO-Kombi oder doch nur über Geld - geht es dann aus allen Wolken wieder hinab mit der Stimme und Larsen erzählt geradezu angeshoegazed seine Geschichten. Zu keiner Phase verliert der Sound des Quintetts jedoch seine Würde und Aufgeräumtheit, stets steht irgendwo wieder ein Puderdöschen bereit, um überbordendes deviantes Geklimper einfach wieder zu überschminken. Dabei sind Northern Portrait nicht so pathosbeladen und theatralisch wie die Zauberer mit ihren Imaginarien: The Irrepressibles oder auch Owen Pallett. Sie präsentieren aber dennoch einen erfreulich anachronistischen Pop-Entwurf, der sich wohltuend (für Hals, Rachen, und Bäder in Melancholie) von der aufgesetzten Poster- und Poser-Langeweile vieler aktueller britischer Bands absetzt. Schwelgen statt schwitzen. Oder eben doch eher The Smiths (oder meinetwegen noch gedrosselte Echo & The Bunnymen) als The Libertines.

Einen Einwand könnte man gegen die Kopenhagener also anbringen. Sie sind nicht zwingend originär. Und der Zeitgeist scheint auch anderswo herumzuhuschen, spukt womöglich irgendwo durch Berlin. Doch sind Geschmäcker nun mal verschieden und wer glaubt, wird selig. Es ist letztlich also vielleicht doch eine Glaubensfrage. Du sollst dir eben doch selbst ein Bildnis machen.


Links:

Das Label Matinée Recordings bietet den Titeltrack zum Download an: Criminal Art Lovers

Gefunden hab ich´s hier: Beautiful Sounds Blog

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Und das Album gibt´s bei Amazon zum Download

oder auch bei Vollwert Records Berlin zu bestellen.

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