Ole an die Freude

geposted von ole
09.04.2010 09:04
Bis heute hält sich hartnäckig das Gerücht, das Weiße Album der Beatles sei das einzige rundum gelungene Doppelalbum der Musikgeschichte*. Daran wird wohl auch Joanna Newsom nichts ändern. Sie hat zwar mit ihrem neuen Album ein Meisterwerk geschaffen, doch kein Doppelalbum, das mit den Beatles konkurrieren könnte – schließlich ist Have One On Me ein musikalisches Triptychon: Seid umschlungen, Millionen!


  Tochter aus Elysium: Joanna Newsom (Foto: © Anabel Mehran)
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Man hat keine Ahnung, worüber Joanna Newsom eigentlich singt, aber man weiß: Es ist wundervoll. Sie hat Creative Writing studiert – man merkt es in jeder Zeile ihrer klangvollen Texte. Diese Texte, die fast zu schade sind, um nochmals von ihrer Musik übertroffen zu werden. Und die in ihrer metaphorischen Sprache, ihrem ausufernden Vokabular, ihren seltsamen Bildern, wohl auch dem englischsprachigen Hörer nur schwer zugänglich sind.
Das mag uns hierzulande trösten, die wir Joanna Newsoms nunmehr drittes Studioalbum in diesem Frühjahr freudig erwarten durften – auch ohne die Tiefen ihrer Texte gänzlich ausloten zu können.

Nach ihrem Debüt The Milk-Eyed Mender aus dem Jahr 2004 und dem grandiosen Ys – wir erinnern uns alle an die pathetischen und doch so wahren Worten Jan Wiggers: „ein Leben ohne diese Platte ist keines“ – hat die Kalifornierin nun mit Have One On Me ein gewaltiges Musikepos aus der Taufe gehoben, ein dreiteiliges Album, das es auf über zwei Stunden bringt und darüber hinaus einige Überraschungen parat hat.
So ist die Harfe, das Instrument, das Newsom zu dem gemacht hat, was sie heute ist – die musikalische Ikone einer riesigen weltweiten Fangemeinde, man möchte nicht sagen, Subkultur – und das auf den beiden ersten Alben noch tonangebend war, in den Hintergrund getreten. Sie hat nun Newsoms Stimme endgültig die musikalische Herrschaft überlassen; eine Herrschaft, die in allen achtzehn Songs von Have One On Me so absolut ist, dass es einen entweder abschreckt und abstößt oder aber: begeistert. Dieses wundersame Organ, das oft an die Grenzen zur Dissonanz stößt und doch so unantastbar über den verschlungenen Melodien thront, dass man sich ihm nur liebend gerne unterwirft, macht zudem etwas überflüssig, was überall sonst als wichtige Stütze bei der Reise durch musikalische Welten unerlässlich ist (und doch, seien wir ehrlich, jede Form von Musik einschränkt, allzu erwartbar macht): Liedstrukturen, also Strophen, Bridges, Refrains, Strophen, Refrains, usw.
Bei Joanna Newsom – und darin hat sich in all den Jahren und Alben nichts geändert – gibt es so etwas eigentlich nicht, gibt es nichts, was an einen nachvollziehbaren musikalischen Aufbau erinnern würde. Und so betritt man, wenn man Have One On Me hört, eine Welt, die einem keinen solchen Halt gibt, in der alles fließt und fliegt, in der selbst die heilige Harfe (wenigstens ihr konnte man bisher vertrauen!) bisweilen mit einem Piano getauscht wird. Es bleibt einem also gar nichts anderes übrig, als sich fallen zu lassen, etwa bei Good Intentions Paving Company, einem frühen Höhepunkt des Albums:



All das mag für diejenigen, die Joanna Newsoms frühere Werke kennen, nicht sonderlich überraschend sein. Doch hat sich etwa im Vergleich zum Vorgängeralbum Ys einiges geändert. Hatte die Kalifornierin ihr Album vor vier Jahren noch mit nur fünf Songs bestückt, die zwischen sieben und sechzehn Minuten lang, dafür vom Produzenten Van Dyke Parks mit großer Perkussion versehen waren, haben die Lieder auf Have One On Me allesamt eine weitaus „hörbarere“ Länge und sind sparsamer orchestriert. Der titelgebende Song Have One On Me ist dabei mit elf Minuten sogar der mit Abstand längste. Nun hat das allein noch wenig auszusagen. Und doch verdeutlicht es den Wandel, den die Musikerin Newsom in den letzten Jahren vollzogen zu haben scheint.
Sie, die einst als elfengleiches Wesen die Bühne betrat, als zartes, weltfremdes Geschöpf mit zerbrechlicher Stimme dem Folk ein neues, besseres Leben einhauchte, singt nun nicht mehr von märchenhaften Gestalten, nicht mehr von Affen und Bären, nicht von Sägespänen und Diamanten. Heute scheint sie ihrer einst selbst erschaffenen Elfenwelt entwachsen zu sein, die aus Harfenmusik, Kinderträumen, aus Pfirsichen, Pflaumen und Birnen bestand. An Stelle dessen erzählt sie nun Liebesgeschichten, und zwar ernsthafte, auch wenn diese nicht minder chiffriert sind als zuvor, etwa in Jackrabbits, sowie im schon erwähnten Have One On Me (dessen historischen Bezug Ulrich Rüdenauer in der taz erklärt).



Und so hat Joanna Newsom, sie ist wohlgemerkt erst 28 Jahre alt, in den letzten Jahren ein Werk geschaffen, das in seiner Vielseitigkeit und Einzigartigkeit seinesgleichen sucht. Vom bedächtigen Opener Easy, über das großartige Soft As Chalk, den kräftigen Sopran in In California, bis hin zu den letzten Klängen von Does Not Suffice, das uns an ein nie gehörtes Kinderlied erinnert, zeigt uns Newsoms gewaltiges Triptychon die ganze Bandbreite ihrer Kunst. Und reiht sich damit nahtlos in die völlig unterschiedlichen und ähnlich begeisternden Vorgängeralben The Milk-Eyed Mender und Ys ein.
Anders als ihren musikalischen Leitbildern – häufig wird sie, gerade bei ihrem neuen Album, mit Joni Mitchell und Kate Bush verglichen – steht Joanna Newsom die Zukunft noch offen. Das neue Jahrzehnt ist erst wenige Monate alt. Es könnte ihres werden. Mit Have One On Me jedenfalls hat unsere Dekade einen ersten Gipfelgrat erreicht. Götterfunken!

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Joanna Newsom live in Deutschland:
16. Mai 2010 | Hamburg | Kampnagel
17. Mai 2010 | Berlin | Admiralspalast
19. Mai 2010 | Düsseldorf | Savoy Theater


(*) An dieser Stelle entschuldige ich mich bei allen Smashing Pumpkins-Fans! Wenn es ein zweites vollkommenes Doppelalbum gäbe, dann, ja dann wäre es natürlich Mellon Collie and the Infinite Sadness
(ist es aber nicht)


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