The National, seit Jahren eine feste wie umjubelte Größe der internationalen Indieszene, legen mit High Violet ihr fünftes Studioalbum vor. Am letzten Wochenende kamen sie gleich für zwei ausverkaufte Konzerte nach Berlin. benjamin, clemens und ole waren für artifarti live dabei.
Jede Wahrheit braucht jemanden, der sie ausspricht. Die
Bild empfahl die amerikanischen Kritikerlieblinge im Vorfeld des Konzerts „Fans von Coldplay, Snow Patrol & Co.“. Hugs from Gwyneth also. Coldplay ist ja eigentlich nicht die schlechteste Referenz. Nur kann zuviel Liebe auch erdrücken. „We hate it when our friends become successfull“, sang auch einst Morrissey.
Damit nicht genug von Springer. Die
Berliner Morgenpost sieht im New Yorker Quintett gar "die größte Hoffnung des Stadionrocks". Und das im Jahr der letzten Scorpions-Welttournee.
Für The National ist es bis dahin aber noch ein weiter Weg. Olympiastadion und O2-Arena bleiben bis dato noch Coldplay und U2 vorbehalten. Die treue Fangemeinde von The National, die sich bis heute nicht vom albernen Bandnamen hat abschrecken lassen, gab sich an diesem Wochenende stattdessen mit dem Neuköllner Huxley's und der guten Stube Friedrichshains, dem Astra, zufrieden.
Erwartungsfroh und melancholiegierig war man also, die Erwartungen dementsprechend groß. Schließlich sind nun schon drei Jahre vergangen, seit The National mit
Boxer ihren endgültigen Durchbruch - zumindest im Feuilleton und der Musikkritik - geschafft haben. Die neue Platte ließ zudem aufhorchen: „Man kann (...) schon sagen, dass
High Violet unser erstes Popalbum geworden ist...“, ließ Frontmann Matt Berninger im
Rolling Stone verlauten. Lauscht man dem neuesten Werk von The National, wird man zwar nicht permanent vom Pop-Appeal angetanzt, der Sound fuchtelt aber öfter mit dem Feuerzeug vor den Augen herum. Stadionrock eben. Aber verdammt guter wie im Falle von
Anyone's Ghost. Ereilt The National das gleiche - kommerziell günstige wie künstlerisch fragwürdige - Schicksal wie den Kings Of Leon?
Zunächst einmal haben The National jedoch Bühne und Aufmerksamkeit ganz für sich alleine. Vor 2 500 Gästen in Huxley's Neuer Welt beginnen sie furios, Berningers tiefe Bassstimme trägt die Songs durch die Halle in die Herzen und Füße der Fans, schon zu Beginn gibt es mit
Afraid Of Everyone und
Bloodbuzz Ohio erste große Stücke des neuen Albums, dazu eine Vielzahl altbekannter und vielgeliebter Songs von
Boxer und
Alligator.
Doch kann die Band das Niveau der ersten Stunde nicht halten.
High Violet offenbart - zumindest live - Schwächen; auch das perfekte Arrangement der Songs kann nichts daran ändern, dass etwa die Live-Premieren von
Sorrow und
Runaway nicht vollends überzeugen, nur den Kopf, nicht aber das Herz erobern.
Nur bedingt hat das musikalische Gründe. Denn so viel Pathos war bei den bis dato bescheiden auftretenden The National noch nie. Überrascht beobachtet man Berninger, den es in der Zugabe vor lauter innerer Zerrissenheit auf der Bühne nicht mehr aushält. Es zieht ihn in die Massen. Routiniert klatscht er bei
Mr. November nasse Hände ab, klettert ohne Umwege auf die Empore am linken Bühnenrand, dabei stets text- und tonsicher. Ist das Mikro-Kabel lang genug und hält es den ekstatischen Fans stand? Die wie aus dem Off auftauchenden zweibeinigen Schränke in ihren schwarzen Sweatshirts der Marke „Security“ folgten dem ausgebüxten Sänger als kabeltragende Teleskopmasten zum vorab festgelegten Zielpunkt. Dort kurz im Blitzlichtgewitter verweilt, geht es zurück zur Bühne, einen neuen Höhepunkt der Theatralik setzen. Wenn der Rockstar keinen Fernseher zur Hand hat, schleudert er eben Mikrofon oder Wasserbecher.
Dabei liegt und lag das Bezaubernde in der Musik von The National mitunter auch darin, auf die große Geste, das Bad in der Menge, den großen Refrain, die kräftigen Streicher, den coldplayesken Chor zu verzichten. Glücklicherweise bricht sich dieser neue Gestus aber nur phasenweise Bahn. Denn
High Violet ist letztendlich noch immer ein schönes und gewohnt melancholisches Album, das weit entfernt ist von stadion-affiner Schemamusik, aber mit dem Massengeschmack kokettiert. So knüpft etwa der epische Opener
Terrible Love genau dort an, wo die Band vor drei Jahren aufhörte.
Und es reicht ja auch schon, sich zwischen all den neuen Songs noch einmal
Fake Empire anzuhören, den Opener des letzten Albums, um zu wissen, dass es vor allem die leisen Töne sind, von Berninger in tiefem Moll gesungen, die Musikliebhaber zu National-Fans machen.
High Violet steht seit dieser Woche in den Plattenläden des Landes. The National kommen erst im Sommer wieder nach Deutschland.
Die Termine:
8. Juli 2010 | Hamburg | Stadtpark
14. Juli 2010 |Dachau | Dachau Musikkammer
14. August 2010 | Haldern | Haldern Pop Festival
zur kommerzialisierung: der (fragende) verweis auf die kings of leon implizierte den immensen erfolg der band im zuge ihres letzten albums "only by the night". selbst "fake empire" spielt bzgl. bekanntheitsgrad, finanziellem erfolg und - nennen wir es mal so - massenkompatibilität da noch immer in einer völlig anderen liga als etwa "sex is on fire". oder nicht?
zu "boxer": ein teil der af-redaktion war auf ebenjener boxer-tour, im jahr 2007, und erlebte dort noch eine authentische, live überragende und unpathetische band. das fanden wir halt in diesem jahr schade, da unserer ansicht nach unnötig. ansonsten hält sich aber unser ärger auf the national, wie du vielleicht dem artikel entnehmen kannst, in schmalen grenzen. :)
und hey, auf die welt und das hamburger abendblatt haben wir verzichtet! anbei aber noch gerne ein ausführlicherer pressespiegel:
http://www.zeit.de/newsticker/2010/5/3/THENATIONAL24649388xml
http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,694166,00.html
http://www.faz.net/s/Rub1637F1E578F4428A8B033B54C841364A/Doc~E5B44ADCD829A4DA9806F1C6F8B5CDD97~ATpl~Ecommon~Scontent.html