About a Poor Boy

geposted von ole
18.07.2010 04:00
Es gibt schlicht keinen Grund, gerade heute, im Juli 2010, über Nick Drake zu sprechen. Kein rundes Jubiläum, das sich im Andenken an ihn dieses Jahr begehen lässt, keine Jahrzehnte lang verschollenen und nun zufällig wieder gefundenen alten Tapes, nichts. Genau deshalb nun: ein Text über den wunderbaren Nick Drake.


 
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Unsere Minuten des Glücks, so heißt es in einem Manuskript von Albert Camus’ »Der erste Mensch«, das man neben ihm fand, als er vor fünfzig Jahren bei einem Autounfall tödlich verunglückte, unsere Minuten des Glücks sind manchmal gerade die, in denen uns das Gefühl unserer Verlassenheit erfüllt und uns in eine Traurigkeit ohne Ende versetzt. Es ist genau dieses Gefühl, verlassen und allein zu sein, jedoch nicht allein genug, als dass die Anderen uns in unserem Unglück nicht beachteten; es ist dieses Gefühl, was uns aus unseren schlimmsten Schmerzen errettet.

Nicht viel verbindet Albert Camus mit Nick Drake. Beide starben zwar verhältnismäßig früh, Camus mit 46, Drake gar mit 26, beide sind Heroen einer ganzen Generation, wenn auch nicht der gleichen, beide sind – nicht zuletzt wegen ihrer tragischen Leben und Tode – längst zu mythischen Gestalten geworden. Und doch ist es jenes Zitat über das Glück die vielleicht kürzeste Verbindung zwischen diesen Künstlern, zwischen diesen Männern mit den melancholischen Augen, die uns so viel über das Glück, das Unglück und die Traurigkeit erzählt haben, jeder auf seine Weise. Und die man am besten alleine kennen lernt, alleine liest, alleine hört. Weder Camus eignet sich für öffentliche, unterhaltsame Lesungen, noch Drake für die gesellige Runde, für den Abend mit Freunden.
Drakes Alben, es sind nur drei, die zu seinen Lebzeiten erschienen sind, er wurde, wie schon gesagt, nur 26 Jahre alt, sind Monolithen, sind Kleinode des Glücks, das Drake selbst wohl nur selten verspürt hat. Und wenn, dann wohl in der Form, wie es Camus umschrieben hat. Als Gefühl der Verlassenheit, als eine Traurigkeit und Einsamkeit, die grenzenlos scheint und es doch – dank der Musik, die uns vor den schlimmsten Schmerzen errettet – nicht ist. Und das Zitat geht noch weiter. Auch Glück, notierte sich Camus, auch Glück ist oft nur die mitleidige Rührung über unser Unglück.

Drakes Songs sind aber nicht bloße vertonte Meditationen über das Unglück, oftmals gehen sie weit darüber hinaus. Sie sind nicht frei von Pathos, von der offenen Geste des Leidens, Drakes elegische Stimme trägt nicht selten zentnerweise Mitleid durch die meist nur zwei bis drei Minuten langen Stücke, jene Minuten, in denen sich unser Glück als eigentliche Rührung über unser Unglück entpuppt. Manchmal braucht Drake auch etwas länger. Auf seinem letzten Album, Pink Moon, einer musikalischen Mondfinsternis, die er 1972, zwei Jahre vor seinem Tod, aufnimmt, schafft er es erst im letzten Song, das verborgene Glück zu finden. Erst das Licht des nahenden Morgens lässt ihn erkennen, dass er nicht allein ist, nach einer dunklen Nacht, die wohl sein gesamtes Leben überdeckt hat: »So look the days / The endless coloured ways / And go play the game that you learnt / From the morning.«


Die Einsamkeit, die in Pink Moon, jenem Nachtstück aus 11 sparsamen Soli, das Drake in nur zwei Nächten einspielte, als melancholisch-düstere Last schon schier übermächtig auf ihn einwirkt, ist auch schon auf seinen vorigen Alben zu erkennen. Zwar sind sein Debütalbum Five Leaves Left und das 1970 erschienene Bryter Layter – da hätten wir ein Jubiläum – wesentlich melodiöser komponiert und opulenter arrangiert, doch sind auch diese Songs, seien es One of These Things First, Time Has Told Me oder Saturday Sun, tief in schwarze Galle getränkt und von jenem Gefühl beseelt, das Glück nur als Unglück wahrzunehmen imstande ist. Und doch steht, etwa in Northern Sky – dem, möchte man dem Massenblatt NME Glauben schenken, »größten englischen Lovesong aller Zeiten« – neben jener einsamen Traurigkeit, die uns durch die Musik Nick Drakes begleitet, etwas, das man später in Pink Moon verzweifelt sucht und von dem auch Camus nur verdeckt spricht: die Liebe.

Nur sie kann es sein, nur die Liebe zur Musik kann Nick Drake wohl angetrieben haben, den tagtäglichen Qualen seines Lebens, den Depressionen und Krisen, die seinen wahrlich kurzen Weg pflasterten, standzuhalten, Lieder zu schreiben, einen Raum zu erschaffen, in dem er nicht alleine und unbeachtet ist, zumindest für einige Jahre. Letztendlich ist es seine Musik, die einem, der diese drei großartigen Alben auch im tiefsten Sommer des Jahres 2010 hören kann, als hätte man sie gerade erst, wie alte, verschollene Tapes auf einem modrigen Dachboden wieder entdeckt, versichert, noch nicht »allein genug« zu sein, um diese flüchtigen Minuten des Unglücks unbeachtet und einsam ertragen zu müssen.

Wer genau diese »Anderen« sind, von denen Camus spricht, die uns anschauen und uns sagen, du bist nicht allein, bleibt offen. Man kann jedoch mit Bestimmtheit sagen, dass sie irgendwo in den Songs von Nick Drake zu leben scheinen, die ihn, der so jung starb und keine Zeit mehr hatte, schlechte Platten zu machen, überdauert haben. Und wenn man den Cello Song hört, und vielleicht gibt es schlicht keinen schöneren als diesen, erahnt man, was Camus wohl meinte, wenn er von diesen Minuten des Glücks spricht, die uns aus den schlimmsten Schmerzen erretten.

»So forget this cruel world
Where I belong
I'll just sit and wait
And sing my song.
And if one day you should see me in the crowd
Lend a hand and lift me
To your place in the cloud«




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