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"Das Leben muss weitergehen..."
22.11.2010 11:45
Wer braucht schon Literatur in den aufgepumpten Dimensionen eines pubertierenden Zauberlehrlings? Kleinverlage sind artifarti. Auf Secession folgt hier Litradukt – mit Kettly Mars haitianischem Roman „Fado“.
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Haiti ist zur Zeit wieder in aller Munde – das bedeutet bei dem viel gebeutelten Inselstaat leider meist nichts Gutes: Erst das wahrscheinlich schlimmste Erdbeben der Geschichte im Januar dieses Jahres und nun die rasende Verbreitung der Cholera-Erkrankungen, die unlängst den Ausruf des sanitären Notstandes zur Folge hatte. Das Haiti-Bild ist unweigerlich mit Katastrophen untermalt – in Sachen Literatur aber zeigt der kleine Verlag Litradukt uns eine andere Sicht auf die Kultur des "bergigen Landes". Gründer und Übersetzer Peter Trier macht sich seit 2007 zur Aufgabe, „Autoren aus Afrika und der Karibik bekannt zu machen, auf deren Originalität und literarische Qualität das europäische Publikum bisher verzichten musste“. Kettly Mars ist zumindest hierzulande ein solches, unbeschriebenes Blatt, das es zu entdecken gilt. Sie hatte Glück und überlebte das Erdbeben (anders als ihr, ebenfalls bei Litradukt verlegter Schriftsteller-Kollege Georges Anglade). Anschließend erstattete sie der ZEIT aus Port-au-Prince Bericht: "Der Schmerz brütet über der Stadt, er bewohnt sie." Mars gilt als wichtige Persönlichkeit des haitianischen Literaturbetriebs, etablierte sich international mit den Romanen „Kasalé“ (Vents d’ailleurs, 2003) und „L’heure hybride“ (Vents d’ailleurs, 2005) und arbeitet zur Zeit an einer Anthologie der weiblichen haitianischen Literatur. In „Fado“ zeichnet sie das Schicksal ihrer Protagonistin Anaïse in bildschwerer Sprache nach: Anaïse wird nach zehnjähriger Ehe von ihrem Mann Leo verlassen. Ihr Leben entgleitet den gewohnten Bahnen, als sie erkennt, dass ein Mann, auch wenn er „seine Ohren gegen den Gesang der Sirenen verstopft [...] doch mit seinem Schwanz“ hört. Leo tauscht sie, die unfruchtbare Anaïse, gegen eine von ihm schwangere und zehn Jahre jüngere Frau aus. Doch Anaïse hat keine Zeit sich zu bemitleiden, sie beginnt ein neues Leben, das Leben einer Wiedergeburt, das Leben als Frida. Frida ist die personifizierte Lust, sie besitzt die unbändige Macht der Sexualität – das Schluchzen des Fado wird zu ihrem eigenen Sirenengesang. Und die Sinne der Männer lassen sich nicht betrügen, sie legen an, im Hafen der Tabus: Frida arbeitet als Prostituierte in einem Bordell der Unterwelt von Port-au-Prince.
„Man befreit sich nicht so einfach von Frida, der Hure mit den mageren Füßen“. Frida wird zur „Wächterin“ auch über Leos Lust, fesselt ihn an ihr Bett. Anaïses geschiedener Mann versteht nichts von dieser Metamorphose, er weiß nicht, welch schnellen Aufstieg Frida in dem verschrieenen Milieu der bezahlten Lust hinter sich hat. Sie arbeitet für Bony, den Zuhälter mit Engelsgesicht, wird gar seine Mätresse. Auf dem Weg zur Königin ihres Bordells verliert sie ihr Lächeln, doch findet wieder zu sich und einer ihr eigenen Körperlichkeit, die sie in ihrer Ehe verloren hatte. Noch schwebt Frida auf den Schwingungen einer befriedigten Frau, an der Quelle der Lust, durchzuckt von den intensiven Klängen des Fado. Doch langsam kriecht die Dunkelheit im Gewand der Zweifel zurück in das Leben Fridas. Sie zieht sie in die Welt der Träume, auf die Straße am Meer nach Port-à-l'Écu und ergreift Besitz von ihrem Körper und Kopf. Ihre Macht, ihre Liebe, ihre Stellung im Bordell, schließlich ihre Unfruchtbarkeit: alles sieht sie in Frage gestellt. Fridas Kräfte schwinden, das "Bedürfnis zu versinken" führt sie zur gestaltenwandlerischen Figur des Giftmischers. Eine farblose Flüssigkeit in einem Fläschchen aus hellem Glas besiegelt das Ende der Symbiose von Anaïse und Frida. Oder markiert sie den Beginn? Und wen reißt es mit in die unendlichen Abgründe des Meeres? Kettly Mars' Roman erschien in seinem Original zwei Jahre vor dem Erdbeben. Um die Sprache der Verzweiflung zu erlernen, brauchte es zumindest diese Naturkatastrophe nicht. Die Zusammenführung ihrer gespaltenen Frauenfiguren gelingt ihr sanft – so sanft wie ihre Schreibe klingt, die mitten in der Sonne Gitarrennoten regnen oder Körperwärme das Flüstern der Nacht absorbieren lässt. "Fado" umfasst nur 82 Seiten, lässt den Leser aber noch lange nach Zuklappen des Büchleins nicht los. Denn wir alle tragen Frida in uns – den Traum, der Alltäglichkeit unseres Lebens zu entfliehen; der Angst des Nicht-geliebt-werdens. Der Einförmigkeit vorgeschriebener Beziehungsmuster. Den verachtenden Blicken, die das Anderssein nicht dulden, weil es sie verwirrt und ihnen Angst macht. Aber: ein solches Leben abseits von Zwängen und Normen kann es nicht geben. Das muss auch Anaïse bald erkennen und mit der Erkenntnis stirbt Frida. Sie überlässt Anaïse die Kraft des Handelns, die Bestimmtheit ihrer Entscheidungen und die Sehnsucht nach den Geistern des Todes. Selbstbestimmung und Selbstzerstörung liegen hier gefährlich nah beieinander. Ein bisschen Kiffen und Trainieren wie Kevin Spacey in "American Beauty": über eine solche Erzählform von Selbstbefreiung kann Kettly Mars nur müde lächeln. Kommentieren |
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