Literatur unter zwei Monden - Haruki Murakamis neuer Roman »1Q84«

geposted von artifarti
07.01.2011 18:30
»Hast du dieses coole Leben nicht manchmal satt?«, fragt Aomame, die Protagonistin von 1Q84, allen Ernstes den Mond. Sie bekommt keine Antwort. artifarti fragt sich, warum wir Murakamis neuen Roman wieder toll finden. julianlange, ole und clemens suchen nach Antworten.


  Wofür steht das »Q« im Titel von Murakamis neuem Roman? »question mark«? Oder ist ein klein geschriebenes »q« bloß eine aus der Reihe gefallene, gestürzte 9?
---
Jeder neue Roman von Haruki Murakami ist ein ganz und gar seltsames Geschöpf.
Alle paar Jahre macht sich ein solches Buch auf den langen Weg aus Fernost in die hiesigen Breiten, wird flugs aus dem Japanischen ins Deutsche übersetzt, schon Wochen und Monate vor Veröffentlichung in den Feuilletons, Blogs und Kulturmagazinen diskutiert, gefeiert und manchmal verrissen, ehe es dann in neonfarbenem Einband in die Buchläden kommt und sich als Massenware verkauft. Und jeden Herbst aufs Neue – in den Büchereien stapeln sich inzwischen mehr als ein Dutzend Romane, mit so klangvollen Namen wie Tanz mit dem Schafsmann, Hard-Boiled Wonderland und das Ende der Welt oder Afterdark – machen sich beim DuMont-Verlag studentische Aushilfen bereit, »Nobelpreis für Literatur« -Aufkleber im Akkord auf Murakamis Bücher zu kleben. Bisher vergebens. So weit, so seltsam?


Nicht unbedingt. Denn, würde man Fernost mit Fernwest tauschen und das neonfarbene Cover gegen eines mit überdimensionierten Autorennamen, dann wäre auch jeder neue Roman von Philip Roth ein ganz und gar seltsames Geschöpf. Ist er aber nicht.
Was Murakamis Bücher so besonders, ja seltsam macht, ist nicht die kulturindustrielle Maschinerie, die Bücher mit dem Label Murakami automatisch zu Bestsellern macht. Seltsam ist die große Faszination, das konsensuale Wohlwollen, die seine Romane und Erzählungen noch heute, über 30 Jahre nach der Veröffentlichung seines Erstlings, in nahezu allen Altersklassen, bei Männern wie bei Frauen, im fernöstlichen wie europäischen wie angelsächsischen Kulturkreis ausüben. Und das alles, ohne die Leser wirklich noch mit irgendetwas überraschen zu können: Jeder, der zwei oder drei Bücher von Murakami gelesen hat, kennt seine gesamte Romanwelt, man kennt die surrealen Sphären, die in ihnen betreten werden, man kennt die Figuren, die in nahezu allen Romanen den gleichen Lebensläufen, Charakterzügen, Phantasien und kulinarischen Vorlieben folgen, man kennt inzwischen sogar einigermaßen, ohne je japanischen Boden betreten zu haben, die Topographie Tokios und doch lässt man sich auch noch anno 2010 dazu hinreißen, in den Buchladen zu gehen, Murakamis neuestes Werk 1Q84 für schlappe 32 (Zweiunddreißig!) Euro zu kaufen und kann in den folgenden Tagen nichts anderes tun, als diese knapp 1100 Seiten förmlich zu verschlingen.

Warum wir das tun? Im Falle von 1Q84 ist es wohl schon der prominente Romantitel, der Käufer lockt und Rätsel aufgibt. Zweifellos kann man 1Q84 als eine – verspätete – Antwort auf George Orwells Dystopie 1984 lesen, auch wenn sich der Roman darin bei weitem nicht erschöpft. Doch was bedeutet das »Q« in der vielleicht berühmtesten Jahreszahl der Weltliteratur? »question mark«? Oder ist ein klein geschriebenes »q« bloß eine aus der Reihe gefallene, gestürzte 9? Genaue Auskunft darüber geben Murakami und seine Romanfiguren nicht, auch wenn sie sich – und das im Gegensatz zu Murakamis früheren Romanen, in denen seine Figuren nicht bewusst zwischen den Sphären des Traums und der Realität unterscheiden konnten - auch öfter darüber den Kopf zerbrechen. Murakamis Protagonistin Aomame weiß schon alsbald, dass sie eine Parallelwelt betreten hat, nachdem sie eines Morgens an einer Autobahnausfahrt eine Stiege hinunter geklettert ist und dabei von den Klängen aus Janáčeks Sinfonietta begleitet wird. Neben dieser musikalischen Untermalung (auch das typisch Murakami) ist das erkennbare Zeichen dieser Zeitschicht ohne Wiederkehr die Existenz eines zweiten Mondes am Himmel, den Aomame eines Nachts entdeckt und der sie zum titelgebenden Namen dieser Parallelwelt veranlasst – die Romanhandlung ist im Jahr 1984 angesiedelt.


Doch nicht unbedingt der Mond, das große Auge am nächtlichen Himmel, stellt die Verbindung zu Orwells »Big Brother« her, der als monolithisches Panoptikum alles sieht und straft. Bei Murakami sind es die Fabelwesen »little people«, die das finstere Geheimnis in sich tragen, das sich hinter der Parallelwelt 1Q84 verbirgt und die das Romangeschehen mit den historischen Ereignissen des Tokioter Giftgasanschlages verbinden. Denn 1Q84 beschreibt nebenbei auch die Entstehungsgeschichte und Struktur der »Aum-Sekte« (auch wenn sie nie explizit genannt wird), jener fanatischen Gruppe, die 1995 in der U-Bahn von Tokio Giftgas freisetzte und dutzende Menschen tötete. Und nicht zufällig sind es jene »little people«, die in Murakamis Buch Untergrundkrieg, das sich mit den Anschlägen beschäftigt, als Allegorie für die mysteriösen Terroristen der »Aum-Sekte« fungieren. Und auch in Murakamis frühem Werk Hard-Boiled Wonderland und das Ende der Welt, das er Mitte der Achtziger publizierte, haben diese geheimnisvollen im Untergrund lebenden Wesen orwell’schen Charakter.

In 1Q84 treten diese »little people« vor allem nächtens auf, wenn die zwei Monde am Himmel stehen, und spinnen Puppen aus Luft. Sind diese Matroschkas fertig gestellt, schlüpft aus dem Kokon ein gefühlloser Doppelgänger einer Person aus 1Q84. Doch die Erhebung böser Mächte hat automatisch das Erstarken guter Gegenkräfte zur Folge. So bekommt auch der zweite Protagonist, dessen Leben abwechselnd mit dem Aomames erzählt wird, seine Aufgabe. Eines Tages bekommt der unbekannte Schriftsteller, er heißt Tengo, ein Manuskript in die Hände. Es trägt den Titel Die Puppe aus Luft und fungiert von nun an als Roman im Roman, der die eigentliche Erzählung Murakamis spiegelt: Denn in Die Puppe aus Luft wird genau von den Dingen erzählt, die den Figuren in der Parallelwelt von 1Q84 widerfahren. Ein selbstreflexiver Kommentar des Autors Murakami über das literarische Schreiben, das Welten erschaffen, konstituieren und zerstören kann?

Kommentieren

Dein Name
Deine Homepage http://
Spam-Schutz, bitte die beiden Begriffe eingeben