»Hast du dieses coole Leben nicht manchmal satt?«, fragt Aomame, die Protagonistin von 1Q84, allen Ernstes den Mond. Sie bekommt keine Antwort. artifarti fragt sich, warum wir Murakamis neuen Roman wieder toll finden. julianlange, ole und clemens suchen nach Antworten.
 Wofür steht das »Q« im Titel von Murakamis neuem Roman? »question mark«? Oder ist ein klein geschriebenes »q« bloß eine aus der Reihe gefallene, gestürzte 9? |
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Jeder neue Roman von Haruki Murakami ist ein ganz und gar seltsames Geschöpf.
Alle paar Jahre macht sich ein solches Buch auf den langen Weg aus Fernost in die hiesigen Breiten, wird flugs aus dem Japanischen ins Deutsche übersetzt, schon Wochen und Monate vor Veröffentlichung in den Feuilletons, Blogs und Kulturmagazinen diskutiert, gefeiert und manchmal verrissen, ehe es dann in neonfarbenem Einband in die Buchläden kommt und sich als Massenware verkauft. Und jeden Herbst aufs Neue – in den Büchereien stapeln sich inzwischen mehr als ein Dutzend Romane, mit so klangvollen Namen wie
Tanz mit dem Schafsmann,
Hard-Boiled Wonderland und das Ende der Welt oder
Afterdark – machen sich beim DuMont-Verlag studentische Aushilfen bereit, »Nobelpreis für Literatur« -Aufkleber im Akkord auf Murakamis Bücher zu kleben. Bisher vergebens. So weit, so seltsam?
Nicht unbedingt. Denn, würde man Fernost mit Fernwest tauschen und das neonfarbene Cover gegen eines mit überdimensionierten Autorennamen, dann wäre auch jeder neue Roman von Philip Roth ein ganz und gar seltsames Geschöpf. Ist er aber nicht.
Was Murakamis Bücher so besonders, ja seltsam macht, ist nicht die kulturindustrielle Maschinerie, die Bücher mit dem Label Murakami automatisch zu Bestsellern macht. Seltsam ist die große Faszination, das konsensuale Wohlwollen, die seine Romane und Erzählungen noch heute, über 30 Jahre nach der Veröffentlichung seines Erstlings, in nahezu allen Altersklassen, bei Männern wie bei Frauen, im fernöstlichen wie europäischen wie angelsächsischen Kulturkreis ausüben. Und das alles, ohne die Leser wirklich noch mit irgendetwas überraschen zu können: Jeder, der zwei oder drei Bücher von Murakami gelesen hat, kennt seine gesamte Romanwelt, man kennt die surrealen Sphären, die in ihnen betreten werden, man kennt die Figuren, die in nahezu allen Romanen den gleichen Lebensläufen, Charakterzügen, Phantasien und kulinarischen Vorlieben folgen, man kennt inzwischen sogar einigermaßen, ohne je japanischen Boden betreten zu haben, die Topographie Tokios und doch lässt man sich auch noch anno 2010 dazu hinreißen, in den Buchladen zu gehen, Murakamis neuestes Werk
1Q84 für schlappe 32 (Zweiunddreißig!) Euro zu kaufen und kann in den folgenden Tagen nichts anderes tun, als diese knapp 1100 Seiten förmlich zu verschlingen.
Warum wir das tun? Im Falle von
1Q84 ist es wohl schon der prominente Romantitel, der Käufer lockt und Rätsel aufgibt. Zweifellos kann man
1Q84 als eine – verspätete – Antwort auf George Orwells Dystopie
1984 lesen, auch wenn sich der Roman darin bei weitem nicht erschöpft. Doch was bedeutet das »Q« in der vielleicht berühmtesten Jahreszahl der Weltliteratur? »question mark«? Oder ist ein klein geschriebenes »q« bloß eine aus der Reihe gefallene, gestürzte 9? Genaue Auskunft darüber geben Murakami und seine Romanfiguren nicht, auch wenn sie sich – und das im Gegensatz zu Murakamis früheren Romanen, in denen seine Figuren nicht bewusst zwischen den Sphären des Traums und der Realität unterscheiden konnten - auch öfter darüber den Kopf zerbrechen. Murakamis Protagonistin Aomame weiß schon alsbald, dass sie eine Parallelwelt betreten hat, nachdem sie eines Morgens an einer Autobahnausfahrt eine Stiege hinunter geklettert ist und dabei von den Klängen aus Janáčeks
Sinfonietta begleitet wird. Neben dieser musikalischen Untermalung (auch das typisch Murakami) ist das erkennbare Zeichen dieser Zeitschicht ohne Wiederkehr die Existenz eines zweiten Mondes am Himmel, den Aomame eines Nachts entdeckt und der sie zum titelgebenden Namen dieser Parallelwelt veranlasst – die Romanhandlung ist im Jahr 1984 angesiedelt.
Doch nicht unbedingt der Mond, das große Auge am nächtlichen Himmel, stellt die Verbindung zu Orwells »Big Brother« her, der als monolithisches Panoptikum alles sieht und straft. Bei Murakami sind es die Fabelwesen »little people«, die das finstere Geheimnis in sich tragen, das sich hinter der Parallelwelt 1Q84 verbirgt und die das Romangeschehen mit den historischen Ereignissen des Tokioter Giftgasanschlages verbinden. Denn
1Q84 beschreibt nebenbei auch die Entstehungsgeschichte und Struktur der »Aum-Sekte« (auch wenn sie nie explizit genannt wird), jener fanatischen Gruppe, die 1995 in der U-Bahn von Tokio Giftgas freisetzte und dutzende Menschen tötete. Und nicht zufällig sind es jene »little people«, die in Murakamis Buch
Untergrundkrieg, das sich mit den Anschlägen beschäftigt, als Allegorie für die mysteriösen Terroristen der »Aum-Sekte« fungieren. Und auch in Murakamis frühem Werk
Hard-Boiled Wonderland und das Ende der Welt, das er Mitte der Achtziger publizierte, haben diese geheimnisvollen im Untergrund lebenden Wesen orwell’schen Charakter.
In
1Q84 treten diese »little people« vor allem nächtens auf, wenn die zwei Monde am Himmel stehen, und spinnen Puppen aus Luft. Sind diese Matroschkas fertig gestellt, schlüpft aus dem Kokon ein gefühlloser Doppelgänger einer Person aus 1Q84. Doch die Erhebung böser Mächte hat automatisch das Erstarken guter Gegenkräfte zur Folge. So bekommt auch der zweite Protagonist, dessen Leben abwechselnd mit dem Aomames erzählt wird, seine Aufgabe. Eines Tages bekommt der unbekannte Schriftsteller, er heißt Tengo, ein Manuskript in die Hände. Es trägt den Titel
Die Puppe aus Luft und fungiert von nun an als Roman im Roman, der die eigentliche Erzählung Murakamis spiegelt: Denn in
Die Puppe aus Luft wird genau von den Dingen erzählt, die den Figuren in der Parallelwelt von 1Q84 widerfahren. Ein selbstreflexiver Kommentar des Autors Murakami über das literarische Schreiben, das Welten erschaffen, konstituieren und zerstören kann?
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Liest man seine Figur Tengo aus dieser Perspektive, allemal: Denn Tengo wird vom Verleger Komatsu ohne großes Zutun damit beauftragt, das Werk einer mysteriösen siebzehnjährigen Autorin zu redigieren, um es zu einem Bestseller zu machen. Mit der kleinen Helene Hegemann auf Japanisch schläft Tengo gegen Ende des Buches natürlich auch noch (unvermeidbar bei Murakami), doch Tengos ganze Liebe gilt eigentlich Aomame, deren Hand er als Zehnjähriger einmal gehalten hat. Die Begegnung im Kindesalter, die das eigentliche handlungsauslösende Moment des Romans ist, beeindruckt beide noch Jahrzehnte später. Wir dürfen gespannt sein, was im dritten Teil von
1Q84, der in deutscher Übersetzung für den kommenden Herbst angekündigt ist, mit den beiden Figuren passiert. Denn in den bisher vorliegenden ersten beiden Büchern von
1Q84 kommt es noch zu keiner Reunion der beiden, wenngleich sich deren Annäherung in konzentrischen Kreisen anzubahnen scheint.
 Wie schon die deutschen Romantiker zieht es Murakami immer wieder in Parallelwelten, in der Phantasie wie im realen Leben. Im Gegensatz zu ihm reichte den Dichtern und Malern vor 200 Jahren aber ein einziger Mond. Wie bei Caspar David Friedrich und seinen »Zwei Männern in Betrachtung des Mondes« (1819). |
Murakamis neuer Roman ist also für uns deutsche Leser nicht fertig, noch nicht zu Ende gelesen. Ein Verdacht muss dennoch schon geäußert werden: Murakamis Frauenfiguren werden, auch das ist keine Überraschung, arg sexistisch in den Blick genommen. So wird eine Nebenfigur dem Leser folgendermaßen vor Augen geführt: »Die Vertrauenslehrerin war Mitte dreißig, unverheiratet und mit ihrer unschönen, dicken Brille nicht gerade als hübsch zu bezeichnen. Aber sie hatte einen aufrechten und warmherzigen Charakter.« Der Erzähler legt zuerst Wert darauf, dem Leser zu suggerieren, dass mit ihr eine Sex-Szene immerhin noch möglich ist, dazu muss sie unverheiratet sein. Ihr Aussehen wird nicht gerade goutiert, aber - immerhin – sie hat einen guten Charakter. Dieser entwürdigende Impetus einer Vivisektion trifft alle beschriebenen Frauen im Buch. Es scheint einzig von Interesse, ob sie gut aussehen, wie groß ihre Brüste sind, ob sie lesbische Erfahrung haben und ob der Leser vielleicht noch in den Genuss einer Sex-Szene mit ihnen kommen könnte. Das ist verstörend pornografisch.
Doch auch die männlichen Hauptpersonen werden in
1Q84 teilweise bloßgestellt. »Im Augenblick bin ich nichts«, sagt etwa Tengo zu Fukaeri (der jungen Autorin) - und tatsächlich: Er ist ein mittelloser Schriftsteller, von dem weder etwas gedruckt noch gekauft wird, er unterrichtet, kann sich aber offiziell nicht Lehrer nennen. Ganz dem Muster des typischen Murakami-Protagonisten entsprechend, fehlt ihm eine besondere Qualität, was für Murakami wohl stellvertretend für die gesamte zeitgenössische japanische Gesellschaft ist. In dieser auf Dienst und Disziplin ausgerichteten Arbeitsgesellschaft ist die persönliche Selbstfindung wohl nur noch in den seltensten Fällen ein aktiver Prozess. Exemplarisch dafür steht Tengo, der kaum eigene Entscheidungen trifft, sondern von Situation zu Situation getrieben wird, passiv bleibt. Dieser Antiheld schafft – und das ist der Verdienst des Erzählers Murakami – damit zugleich aber auch jene reizvolle Sphäre des Unheimlichen, die Murakamis Geschichten so faszinierend macht. Denn wer nicht aktiv handelt, überlässt sich dem Ungewissen. Die Passivität Tengos, der in Gruppen »fast ausschließlich die Rolle eines Zuhörers« einnimmt, ist auch Zeichen seiner Einsamkeit - in der kapitelhaften Gegenüberstellung mit Aomame wird diese von Beginn des Buches an in Frage gestellt.
 Wurde in dem Jahr geboren, in dem Orwells Roman 1984 entstand, nämlich 1949. Und erzählt nun endlich seine Version des Jahres 1984: Haruki Murakami. |
Und so lesen sich Murakamis rund tausend Seiten in einem Rutsch durch – man ist gespannt, aber nicht gepackt. Da ist nichts, was den Lesefluss stört, man wird unterhalten, liest gern weiter. Warum? Das ist ein weiteres Murakami-Phänomen. Die Sprache ist weniger die eines Literaten als vielmehr die eines PR-Experten, die dem Leser keinerlei Hindernisse in den Weg legt. Die Sätze sind in der Regel Hauptsätze, kurze und lange Sätze wechseln sich in einem perfekten Verhältnis ab, Fremdworte werden fast immer vermieden, seitenlange Schachtelkonstruktionen gibt es im Grunde nicht. Der Stil des Buches gleicht eher dem einer gut geschriebenen Werbebroschüre als dem eines ewigen Anwärters auf den Literaturnobelpreis. Oder anschaulich: Die durchschnittliche Zahl der Wörter pro Satz liegt in der BILD-Zeitung bei 5, bei Thomas Manns
Buddenbrooks bei 17. Murakami liegt nicht in der Mitte, sondern tendiert zur Zeitung mit den Großbuchstaben.
1Q84 ist unbestreitbar lesbar und hervorragende Unterhaltung, wie nahezu jeder Roman des Japaners. Murakamis eher schmaler Sprachgebrauch und die übersetzerfreundlich simple Ausdrucksweise, die Freunden der Höhengratliteratur seit jeher ein Dorn im Auge sind, ändern aber nichts daran, dass Murakami zweifellos ein Meister der Erzähltechnik ist. Die formale Verknüpfung der Erzählfäden mag konventionell sein, sie ist aber großartig ausgeführt.
1Q84 sticht dabei ganz besonders hervor. Die Welt ist bei Murakami nicht ein Dorf, sie ist ein Roman, in dem alles mit allem verbunden ist. Murakami bietet sein ganzes handwerkliches Geschick auf, um in den Abenteuern von Aomame und Tengo keine Vorhersehbarkeit aufkommen zu lassen. Durch Murakamis Berühmtheit ist er außerdem in höchstem Maße konversationsfördernd. Wer auf Partys nicht gerade über Hegels Weltgeist diskutieren will, der findet immer jemanden, der Murakami gelesen hat. Und außerdem eignen sich die Kultbücher des Japaners hervorragend als Geschenk für Gelegenheitsleser. Auch wenn sie ganz und gar seltsame Geschöpfe sind. Wie uns der abschließende dritte Teil von
1Q84 hoffentlich bald bestätigen wird. Etwas gedulden müssen sich also nicht nur diejenigen, die auf Murakami alljährlich als Sieger des Nobelpreises wetten, sondern auch die gespannten Leser, die auf das Aufeinandertreffen von Aomame und Tengo warten. Wie viele Monde dann wohl am Himmel stehen?
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Haruki Murakami: 1Q84. Übers. v. Ursula Gräfe. Dumont-Verlag. 1042 Seiten. 32,00 Euro.