„Typisch Deutsch, humorlos bis ins Mark“

geposted von clemens
23.01.2011 20:15
Nanu, was treibt denn „Heinz Strunk in Afrika“? Stockschwulen Sextourismus, glauben die Hotelgäste, Stoff sammeln und dann ein gutes Buch schreiben, hofft der Leser: Weder noch, offenbart sein neustes Werk.


  Auf dem Boden der Tatsachen
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Heinz Strunk geht wieder einmal auf Reisen, diesmal aber als ausgewachsener Neurotiker und nicht als pubertierender Jüngling wie in seinem letzten Buch „Fleckenteufel“; dessen Selbstwert ging im allgemeinen Charlotte Roche-Getümmel ein wenig unter – vermutlich auch weil männliche Fäkalwitze von gutsaturierten Literaturkritikern eher mit spitzen Fingern angefasst werden. Oder weil der Verlag es für eine prima Idee hielt, das Cover an den Roche-Hit anzugleichen. Gegen weibliche Hämorrhoiden kamen männliche Verstopfungsprobleme zumindest in der Öffentlichkeit (man hätte es ahnen können) nicht an, denn dass Strunk in „Fleckenteufel“ eine durchaus nette Geschichte erzählte, hat irgendwie niemand mitbekommen. Die damals aufkommende Hysterie um unterhaltsamen Ekel wusste genau zu unterscheiden über was gelacht werden darf und was nicht.

Jetzt aber, so indoktrinieren die zahlreichen Artikel des Feuilletons, darf wieder gelacht werden. Schließlich lässt „Heinz Strunk in Afrika“ Kaka und Pipi hinter sich und widmet sich in heiter-miesepetrigen Duktus wieder den wirklich wichtigen Dingen im Leben: Glücksspiel und Alkohol. Klingt dann in etwa so: „Das Leben besteht aus der Summe der vergessenen Drinks“. Für solche Einsichten braucht es aber keinen Weihnachtsurlaub in Kenia, oder? Strunks Wiener Freund C. sieht das anders und nötigt den hanseatischen Müßiggänger zur Erlebnisreise. Eine solche ist nach Strunks Geschmack eine Reise, auf der exakt nichts passiert, eine "Kein-Erlebnis-Reise". Bevor es losgehen kann, begibt sich Strunk zunächst jedoch auf die Suche nach seinen Konturen. Die gehen dem Mann von Welt bei 80 Kilo verloren, gleichfalls die Spannkraft des Halses, befindet der Urlauber im Aufbruch. Das muss noch werden mit der Bikinifigur, eine Pumpernickel-Diät soll helfen.

Dreizehn Hindernisse, so zählt der Autor im Anschluss, gilt es bis zur Ankunft in Kenia zu überwinden (siehe u.a. lustiges Video) und es kommen noch einige unvorhergesehene hinzu: Strunks Koffer geht verloren und die Ankunft des Freundes im Hotel Nyali Beach verzögert sich. Das Hotel selbst soll sich als Irrenhaus erweisen (keine Minibar!) – doch das vermeintliche Haus das Verrückte macht, hat den Verrückten nichts mehr hinzuzufügen. Um nicht gänzlich unproduktiv zu erscheinen, arbeiten die reisende Freunde an einer Komödie über einen Viagra geschwängerten Pudelwettbewerb, Titel „Pudel Colada“. Überhaupt Buchtitel, die möchten gut überlegt sein. Für einen neuen Roman erwägt Strunk "Mehlgnom". Sein semiautistischer Freund C. indes spricht geschwollen, schwitzt missmutig seine Grippe aus und droht wegen notorischer Zuspätkommerei Strunks mit Aufkündigung der Freundschaft. Nach Ablauf eines abgemachten Zeitpunkts werden mehrere SMS mit aufsteigender Zahl an Fragezeichen versendet.


Soweit, so lustig. Aber was erfährt der Leser eigentlich über Afrika? Mombasa hat einen Hafen, der für Touristen nicht begehbar ist, für 2000 Schilling tanzen auch Frauen, die gut aussehen mit einem und es gibt „Waldnutten“. Als wichtigste Erkenntnis der Ausflüge in die Stadt gilt den passionierten Spielern, dass es im dort ansässigen Royal Casino sogenannte Kugelautomaten („Die Kugeln haben ihren eigenen Kopf“) gibt. Erst als Weihnachten schon fast vorbei ist, kommt es in Folge der Wahlen zu den Unruhen, die sich der Leser in froher Erwartung eines Spannungsbogens viel früher erhofft hätte. Jetzt erst fallen Schüsse und alles geht drunter und drüber – vermeintlich ein bisschen afrikanische Wirklichkeit. Und ein bisschen Unwirklichkeit in der zäh erzählten Hotelödnis, die ansonsten nur mit Kritik an den eigenen, wenig geistvollen Beschreibungskünsten – dargestellt in Zwiegesprächen Strunks mit einem fiktiven Lektor – durchbrochen wird.

Afrika ist nur eine durchsichtige Bühne, auf der Strunk seine humoresken Ansichten eines Losers präsentiert. Es soll auch gar nicht mehr sein, die dem Text vorangestellte Zeile nimmt es vorweg: „Die ganze Welt bereist und nichts gesehen“. Wer nichts sieht, kann auch nichts beschreiben. Übrig bleibt die Charakterstudie zweier Freunde, die sich nicht viel zu sagen haben. Die an tristen Orten nichts erleben. Deren Langeweile – wenn nicht im Casino – damit totgeschlagen wird, dass man anderen Hotelgästen aufgrund ihrer phänotypischen Merkmale Spitznamen wie „Knusperhexe und Babymann Knut“ gibt. Durch Strunks gekonnten Sprachwitz bleibt dem Leser der kleine Schmunzler für zwischendurch, doch die erzählte Ödnis frustriert auf Dauer. Den Fan wird es nicht stören – doch wo ist da diese erbauende "Heinzer"-typische Melancholie, die, trotz des immerwährenden Griesgrams, jeden mit seinem gleichnamigen Alter Ego versöhnt, ihn so sympathisch macht? Heinz Strunk geht in Afrika (fast buchstäblich nach Ankunft des Fliegers) die ihm eigene Herzlichkeit in der Tristesse ein wenig verloren. Vermutlich ebenso das Talent für knackige Buchtitel: "Mehlgnom" beispielsweise hätte besser gefallen. Und den Inhalt (lässt man die letzten 20 Seiten mal außen vor) auch nicht weniger getroffen als "Heinz Strunk in Afrika". Die Strunk'sche Ironie hakt im Alter ein wenig. Typisch Deutsch ist sein Humor trotzdem noch lange nicht.

Für den Autor geht es im Anschluss an seine Veröffentlichung nun erstmal durch Deutschland und Österreich. Unten ein Ausschnitt seiner erneuten Kein-Erlebnis-Reise. In ihrer Gänze ist sie beim Rowohlt Verlag aufgeführt, bei dem "Heinz Strunk in Afrika" erscheint.

09.02.2011, 20.00 Uhr
Gleis 22, Münster
02.03.2011, 20.00 Uhr
Rabenhoftheater, Wien
26.03.2011, 20.00 Uhr
Hau 1, Berlin
29.03.2011, 20.00 Uhr
Fabrik, Hamburg

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