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„Mit Hitler war ich glücklich“
18.02.2011 10:00
Alle in Die Naziliteratur in Amerika beschriebenen Schriftsteller tanzen um die Schreckensorte des 20. Jahrhunderts, die Abgründe des Bösen. Sie tanzen zur Melodie Adolf Hitler. Roberto Bolaño erfindet keinen Roman, keine Erzählung sondern eine ganze fiktive Literaturgeschichte, die spannender nicht sein könnte.
„Diese Geschichten gehorchen keinem Diktat und wollen auch keine einheitliche Vision vermitteln“. Das behauptet einer der dreißig in Die Naziliteratur in Amerika portraitierten Dichter von seinem Werk. Ein Diktum, das auch der Autor Roberto Bolaño über sein kleines Archiv der Skurrilitäten hätte stellen können. Er erzählt darin von latein-, mittel- und nordamerikanischen Autoren, deren Ouevre mal größer und mal kleiner, deren Bedeutung nichtig bis riesig ist. Sie alle verbindet nur ihr unterschiedlich ausgeprägter Hang zum Nationalsozialismus. Der eine findet die Uniformen chic oder entwirft sie gleich selbst, eine andere schmückt ihren Hintern mit einem großen Hakenkreuz, wieder andere schreiben Gedichte mit Titeln wie „Mit Hitler war ich glücklich“.Bolaño bietet dem Leser hier nicht weniger als ein Feuerwerk der Ideen. Dieses Buch ist Gonzo-Literatur, es folgt Idee auf Idee, ohne die Verbindung einer Fabel zu benötigen. Viel mehr verschweißt der chilenische Autor die einzelnen Lebens- und Werkbeschreibungen mit einer latenten Choreographie. Alle diese so distinkten Schriftsteller tanzen mal ernst und mal exzentrisch, aber immer gemeinschaftlich um die Schreckensorte des 20. Jahrhunderts, die Abgründe des Bösen. So wird ein Künstler beschrieben, dessen aufmerksamkeitsheischende Aktionskunst darin bestand, mittels Traktoren die Grundrisse von Konzentrationslagern in den Sand der Wüste zu zeichnen. Andere verstecken VIVA ADOLF HITLER in Akrostichen ihrer Gedichte oder besingen die Kämpfe der Franco-Faschisten im spanischen Bürgerkrieg oder bauen lyrisch an einem Vierten Argentinischen Reich. Das thematische Motiv und der Fluchtpunkt dieser bunten Choreographie ist niemand anderes als Adolf Hitler. In ihm kristallisieren sich alle Geschichten. Der Choreograph des bunten Reigens, Roberto Bolaño selbst, begegnet uns unverhofft in der letzten Biographie als Insasse eines Gefängnisses. Es ist die Geschichte von Ramirez Hoffmann, die in Bolanos Stern in der Ferne zur vollen Geltung kommt. Der Kunstflieger (im Stern heißt er Carlos Wieder), der seine bruchstückhaften Gedichte als Rauch in die Lüfte schreibt, „krönt“ sein künstlerisches Werk mit einer Fotoausstellung, die nur einmal öffnet und deren Vernissage mit Hoffmanns Festnahme endet. In einem kleinen Raum sind über hundert Fotografien zu sehen. Was sie zeigen, bleibt unklar. Erst die Lektüre von Stern in der Ferne, das beinahe das gesamte Textmaterial der Geschichte von Ramirez Hoffmann aus der Naziliteratur noch einmal verwendet, klärt auf, dass auf jedem einzelnen Foto eine andere tote, zerstückelte Frau zu sehen ist. Ein Verweis auf die letzte monumentale Pentalogie Bolaños 2666 und den dort gesuchten Täter (siehe "Auf den Friedhöfen der Geschichte" auf artifarti). Diese dreißig fiktiven Tänzer einer dunklen Choreographie, die doch alle vor realhistorischer Kulisse auftreten und deren Staffage dem Leser bekannt ist, lassen sich immer auch als Kommentar der Literatur selbst und ihrer tatsächlichen Rezeption lesen. So wimmelt es in dem Büchlein von fehlinterpretierten oder ganz und gar vergessenen Dichtern. Genauer gesagt stellt Die Naziliteratur in Amerika nicht weniger als eine fiktive Literaturgeschichte dar. Eine von der man sich wünschen würde, eine solch luzide, spannende und Interesse weckende auch für die reale Literatur zu haben. Immer wieder ertappt der leidenschaftliche Leser sich bei dem Gedanken, dieses oder jenes beschriebene (und erfundene) Buch doch einmal zu lesen. Das postmoderne Vexierspiel der Drüber-und-Drunter-Referenzialitäten und literarischen Anspielungen, die geheimnisvolle okkulte Mafia der intertextuellen Verweise, deren Zusammenhang einem nie gänzlich transparent werden kann, löst einen enormen erzählerischen Sog aus. Bolaño fasziniert uns, als Publikum, von dem finsteren Tanz, der auf seiner grandiosen Miniaturbühne Die Naziliteratur in Amerika stattfindet. Der böse Blick, der aus den facettenreichen Geschichten grient, erblickt den Leser und lässt ihn verstört zurück. Der choreographierte Reigen der nazistischen Exzentriker hat einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen. Unvergesslich von nun an aber auch die unfassbare Schöpferkraft, der unbändige Erfindungsgeist, die unendliche Geschichtenfülle, die Roberto Bolaño in Die Naziliteratur in Amerika entfaltet. Man möchte zu ihm sagen und das ist auch der letzte Satz des Buches: „Passen Sie auf sich auf, Bolaño“. Er starb leider 2003 in Barcelona. Roberto Bolaño: Die Naziliteratur in Amerika, Kunstmann Verlag, München 1999 oder als Taschenbuch bei Fischer 2010. Kommentieren |
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