Schwer zu fassen - Thomas Bernhards 80. Geburtstag

geposted von benjamin
10.02.2011 21:07
Der österreichische Anti-Heimat-Dichter Thomas Bernhard wäre gestern 80 Jahre alt geworden. Weshalb dieser Mann über zwanzig Jahre nach seinem Tod die Kulturredaktionen hierzulande noch immer in Erregung versetzt und was vom Tage übrig blieb, will erahnt werden. benjamin versucht es, eine Melange.

Schimpfen in Saus und Braus und ohne Geld: Thomas Bernhard
  Schimpfen in Saus und Braus und ohne Geld: Thomas Bernhard

Die Sonne schob bereits in den frühen Morgenstunden Terror. Die Flaneure und Trotter am Boxhagener Platz im Berliner Bezirk Friedrichshain schoben eine ruhige Kugel oder einen Kinderwagen, feilschten auf dem Flohmarkt um Fahrräder, Bücher, Schrott, Flinten und Korn. Die Uhr schlug erst 11, die letzte Nacht steckte vielen in den Knochen, manch einem im Gesicht. Selbst der idealistischste Klassenkämpfer schien befriedet in dieser paradiesischen Sommerwonne. Und aus dem Paradies will man sich nicht verdrängen lassen. Es ist heimelig. Ich erstand eine Flasche Cola der an jeder Friedrichshainer Ecke feilgebotenen, mit ihrem hohen Koffeingehalt angebenden und mit ihren ironischen Namen zwinkernden Cola-Marken Fritz, Hermann oder Premium, suchte mir einen Trinkhalm und begab mich zu den Buchhändlern – die, mit Thomas Bernhard gesprochen, doch eher die Gärtner unter den (Floh-)Marktschreiern sind. Während ich den Spirit der Subversion aufschlürfte, hob ich diverse Bücher von der Auslage, machte mir ein Bild von Inhalt und Preis. Thomas Mann, Christian Kracht, Thomas Bernhard. Der Thomas Bernhard, der mit dem Claus Peymann gemeinsame Sache machte? Auslöschung also? »Auslöschung ist die Niederschrift des Erzählers Franz-Josef Murau, der über den Ort seiner Herkunft schreibt, um ihn auszulöschen.« So präzise, so prägnant, so frei von überflüssigem Schwulst kündigt der Buchrückentext den Inhalt des Werks an: »Auslöschung. Ein Zerfall«, der sich über 650 Seiten erstreckt. Sag alles ab! Das klang nach dem »Spirit der Subversion«.
Ob es daran liegt, dass der ehemalige Weggefährte Thomas Bernhards, Claus Peymann, inzwischen als Intendant am Berliner Ensemble tätig ist und das Rampenlicht nicht eben scheut, sei dahingestellt. Doch schien mir Thomas Bernhard in der deutschen Kapitale und in ihren Buchläden präsenter zu sein als im Rest der Republik.

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