Der österreichische Anti-Heimat-Dichter Thomas Bernhard wäre gestern 80 Jahre alt geworden. Weshalb dieser Mann über zwanzig Jahre nach seinem Tod die Kulturredaktionen hierzulande noch immer in Erregung versetzt und was vom Tage übrig blieb, will erahnt werden. benjamin versucht es, eine Melange.
 Schimpfen in Saus und Braus und ohne Geld: Thomas Bernhard |
Die Sonne schob bereits in den frühen Morgenstunden Terror. Die Flaneure und Trotter am Boxhagener Platz im Berliner Bezirk Friedrichshain schoben eine ruhige Kugel oder einen Kinderwagen, feilschten auf dem Flohmarkt um Fahrräder, Bücher, Schrott, Flinten und Korn. Die Uhr schlug erst 11, die letzte Nacht steckte vielen in den Knochen, manch einem im Gesicht. Selbst der idealistischste Klassenkämpfer schien befriedet in dieser paradiesischen Sommerwonne. Und aus dem Paradies will man sich nicht verdrängen lassen. Es ist heimelig. Ich erstand eine Flasche Cola der an jeder Friedrichshainer Ecke feilgebotenen, mit ihrem hohen Koffeingehalt angebenden und mit ihren ironischen Namen zwinkernden Cola-Marken
Fritz,
Hermann oder
Premium, suchte mir einen Trinkhalm und begab mich zu den Buchhändlern – die, mit Thomas Bernhard gesprochen, doch eher die Gärtner unter den (Floh-)Marktschreiern sind. Während ich den Spirit der Subversion aufschlürfte, hob ich diverse Bücher von der Auslage, machte mir ein Bild von Inhalt und Preis. Thomas Mann, Christian Kracht,
Thomas Bernhard. Der Thomas Bernhard, der mit dem Claus Peymann gemeinsame Sache machte? Auslöschung also? »
Auslöschung ist die Niederschrift des Erzählers Franz-Josef Murau, der über den Ort seiner Herkunft schreibt, um ihn auszulöschen.« So präzise, so prägnant, so frei von überflüssigem Schwulst kündigt der Buchrückentext den Inhalt des Werks an: »Auslöschung. Ein Zerfall«, der sich über 650 Seiten erstreckt. Sag alles ab! Das klang nach dem »Spirit der Subversion«.
Ob es daran liegt, dass der ehemalige Weggefährte Thomas Bernhards, Claus Peymann, inzwischen als Intendant am Berliner Ensemble tätig ist und das Rampenlicht nicht eben scheut, sei dahingestellt. Doch schien mir Thomas Bernhard in der deutschen Kapitale und in ihren Buchläden präsenter zu sein als im Rest der Republik.
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Ortswechsel, Wien, Heldenplatz, knapp anderthalb Jahre später. Über den Platz zieht ein eisiger Wind. Touristen schlendern in Scharen über den Platz. Vom Museumsquartier in die verschlungenen Gassen der Altstadt, vom Burgtheater zur Albertina und Staatsoper. Das verschmolzene Gemurmel der Passanten stört die Ruhe kaum, wird allenfalls unterbrochen vom Getöse der hier startenden Fiaker und der behuften Zugpferde.
 Heldenplatz und Neue Burg © julian // artifarti |
Es ist ein anderes, ein verschlossenes Postkartenidyll und zugleich ein Sehnsuchtsort für Freunde der
Sissi-Trilogie. Die Stadt bemüht sich redlich, ein romantisches Bild von der Habsburger-Monarchie zu zeichnen. Ein ganzes Jahrhundert wird schier ausgelöscht. Der historische Schrecken, der hier im März 1938 verbreitet wurde, ist inmitten vorbeischaukelnder Passanten in keiner Weise zu verspüren. Eher vergessen denn verdrängt. Dereinst feierte hier Adolf Hitler unter dem »Sieg-Heil«-Gebrüll der Wiener die »Heimholung« Österreichs in das Deutsche Reich. Ein Trauma, eine bedingungslose Kapitulation eines bereits zuvor von faschistischen Ideologien attackierten Landes, das zeigt, dass der Sehnsuchtsort Heldenplatz in erster Linie ein Schreckensort ist. Thomas Bernhard arbeitete dies 50 Jahre später auf und inszenierte gemeinsam mit Claus Peymann das Schauspiel »Heldenplatz« im nahegelegenen Burgtheater. Das Ergebnis war der wohl größte Theaterskandal in Österreich. Tiraden wie »die Zustände sind ja wirklich heute so wie sie achtunddreißig gewesen sind es gibt jetzt mehr Nazis in Wien als achtunddreißig« empörten das Volk und seine gewählten Vertreter.
»Eine grobe Beleidigung des österreichischen Volkes«, schimpfte der damalige Bundespräsident Kurt Waldheim. Bernhard provozierte und konfrontierte das Publikum mit subkutan in der österreichischen Gesellschaft lange Zeit vorhandenen Strömungen, die zuvor im Dunst der Kaffeehauskultur und romantischer Verklärungen erstickt worden waren: »in Österreich mußt du entweder katholisch oder nationalsozialistisch sein alles andere wird nicht geduldet alles andere wird vernichtet und zwar hundertprozentig katholisch und hundertprozentig nationalsozialistisch«. Eine Entwicklung die im Jahr 2002 im Container-Projekt von Christoph Schlingensief kulminierte. Und eine Übertreibung, die konservative Medien, Politiker und der Boulevard nicht dechiffireren konnten oder wollten, sondern als persönliche Beleidigung ansahen. Abschied aus Wien, dieser zur Erkundung des Bernhardschen Kosmos so zentralen Stadt.
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Die hier in seinem Spätwerk ersichtliche Übertreibung, die Übertreibungskunst ist es, die Bernhards Werke auszeichnet und sie durchzieht. Gepaart mit einer subtilen Komik, die sich in den ständigen Wiederholungen und Komposita wie dem legendären
Weinflaschenstöpselfabrikanten zeigt. Bernhard, mehr noch jede einzelne seiner Figuren, war ein Schelm, ein Dandy, der umhüllt von hochkulturellem Dünkel seinen Spaß mit sich, somit auch mit seinem Werk und seiner Umwelt trieb, was in den drei Dramoletten in »Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen« ebenso deutlich wird wie in seiner Wirkung auf Autoren der jüngeren Generation. Christian Kracht mit seinen idiosynkratischen Figuren oder Benjamin von Stuckrad-Barre, der die Dramolette nicht nur gewissermaßen fortsetzte – »Claus Peymann kauft sich keine Hose, geht aber mit essen« – sondern nun in einem weiteren Dramolett all die Feuilletonisten persiflierte, die sich gestern wie Geier auf den Nachlass des österreichischen Dichters stürzten und Werk und Leben hochjubelten.
Die wissen, wie er war, was er aß, was er las, ob, was und wie er liebte. LESETIPP! Naturgemäß, traut man sich soeben zu sagen; doch das Stempelkissen für all die Bernhard-Epigonen mag gerade dieser Tage immer griffbereit liegen.
Die Schachtelsätze, mit denen Bernhard stets am offenen Herzen seiner Figuren operierte, um innere Vorgänge sichtbar zu machen, versperren zunächst den Zugang zu den Werken Thomas Bernhards und vergällen dem Leser jede Muße. Doch auf seitenlang dahinplätschernde Satzkaskaden folgen flirrende, so präzise, so prägnant, so frei von überflüssigem Schwulst formulierte Anklagen. Gefinkelt, pikarisch, wahrhaftig.
»Jedes Wort ein Treffer. Jedes Kapitel eine Weltanklage.« Sagte Thomas Bernhard über sein Opus magnum »Auslöschung« im Interview mit Krista Fleischmann: »Und alles zusammen eine totale Weltrevolution, bis zur totalen Auslöschung.« »Und was heißt Auslöschung? Wiederbeginn des Neuen. Wo ein Ende ist, ist auch ein Anfang.« Und hier wohnt eben nicht jedem Anfang ein Zauber inne,
wie es der selig leiernde Autor für junge Leser von 11 bis 84, Hermann Hesse, daherdichtete.
Thomas Bernhard war kein bequemer Mahner unter vielen. Nie hat er nur den Zeigefinger erhoben, um demokratischen Leitideen zwischen Stab und Linie Treue zu schwören oder gar ein linksliterarisches Kesseltreiben zu veranstalten – so hölzern, plump und direkt seine Aussagen auch manchmal klingen mögen. Stattdessen bediente er sich der samtenen Handschuhe seiner Sprache, mit der er schallende Ohrfeigen verteilte.
Die Einblicke in die inneren Denkprozesse der Bernhard-Figuren öffnen uns die Türen zum Spiegelkabinett unseres Selbst, unserer ureigenen Gedankenirrwege. Dass eine schriftliche Auseinandersetzung mit Thomas Bernhard – nicht nur an dieser Stelle – misslingen muss und gar lächerlich werden muss, entnehmen wir der »Auslöschung«, unserem eigenen Zerfall:
»Durchaus halten wir uns ja ab und zu für eine Geistesarbeit befähigt, selbst für eine aufzuschreibende wie eine solche
Auslöschung, schrecken aber dann doch immer wieder davor zurück, weil wir genau wissen, daß wir sie wahrscheinlich nicht durchhalten, dann, wenn wir sie vielleicht schon ziemlich weit vorangetrieben haben, auf einmal in ihr scheitern und uns dann alles verloren ist, nicht nur die ganze Zeit, die wir darauf verwendet haben und also verschwendet, wie sich dann rücksichtslos herausstellt, sondern uns dann auch noch wenn schon nicht vor aller Welt, so doch vor uns selbst auf die entsetzlichste Weise blamiert haben. Diese Niederlage wollen wir nicht unbedingt heraufbeschwören und wir weigern uns, auch wenn wir das Gefühl haben, wir könnten mit einer solchen Geistesarbeit anfangen, damit anzufangen, wir schieben sie hinaus, wie wenn wir eine ungeheure Blamage hinausschieben wollten, eine ungeheure
Selbstblamage, dachte ich.« (
Auslöschung, S. 613) Und so wollen wir anfangen und fangen doch nicht an oder fangen an und es grault uns vor dem, was wir geschrieben haben. Bernhard weiter: »Wir sagen ganz hochtrabend, was wir vorhaben, ist etwas Ungeheuerliches und Einmaliges, wir schrecken vor einer solchen Äußerung absolut nicht zurück, aber gehen gleichzeitig mit eingezogenem Kopf ins Bett und nehmen eine Schlaftablette, anstatt mit dem Ungeheuerlichen und Einmaligen anzufangen.« (
Auslöschung, S. 614) Bernhard fassen zu wollen, ist nicht ungeheuerlich, schon gar nicht einmalig. Doch ist diese Auseinandersetzung zum Scheitern verurteilt. Doch wie sagte der Dichter selbst: »Wo ein Ende ist, ist auch ein Anfang.« Und der ist fernab einer Flohmarkt-Subversion und koffeinhaltiger Brausegetränke.
Die »Auslöschung« liegt nun auf meinem Schreibtisch, ein großer Roman, gekauft in Berlin.