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Bilder der Geschichte - Die Geschichte eines Bildes
03.03.2011 10:00
Am 23. Februar 1981 stand die spanische Demokratie am Abgrund. Es war einer dieser Augenblicke, in denen alles und nichts passieren kann. Im Parlament fallen Schüsse, auf den Straßen Valencias fahren Panzer auf, die Kasernen bei Madrid sind in Aufruhr. Javier Cercas seziert den Körper der Geschichte und schreibt die Anatomie eines Augenblicks, in dem Spanien den Atem anhielt.
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Vor dreißig Jahren stand die spanische Demokratie auf Messers Schneide. Adolfo Suarez, opportunistischer Aufsteiger des Franquismus par excellence und noch amtierender Ministerpräsident, soll im Parlament einen Nachfolger bekommen. Nur fünf Jahre zuvor hatte König Juan Carlos, Oberbefehlshaber der Streitkräfte nach dem Abtritt des Diktators Franco, Suarez installiert, um die Macht der Monarchie zu sichern. Ihm gelang es, das Gebäude des Franquismus sukzessive zu demontieren und eine Demokratie zu installieren, die auch die alten Eliten integrierte. Zur Jahreswende 1980/81 jedoch stand es schlecht um die Macht des konservativen Politikers. Wirtschaft, Armee, Politik, Washington und der Vatikan hatten sich von ihm abgewendet, die Rhetorik der rechten Kampfblätter verschärfte sich täglich – ganz Spanien erwartete und ersehnte einen Putsch. Nachdem der König Juan Carlos in seiner Weihnachtsansprache unverhohlene Kritik an Ministerpräsident Suarez äußerte, entstand ein Vakuum. Der Gedanke an einen König, der einem Putsch mindestens wohlwollend gegenüber stünde, bereitete die Bahn für die dramatischen Ereignisse des 23. Februar 1981. Alles begann mit Oberstleutnant Tejero, der mit gezogener Pistole das Parlament stürmte und die Sitzung unterbrach. Die Nacht, in der Spaniens Demokratie gerettet wurde ist das Buch von Javier Cercas untertitelt, das im Februar im S. Fischer Verlag erschienen ist. Er versucht darin, die Anatomie eines Augenblicks, so der Titel, freizulegen. Und tatsächlich fächert er die Geschehnisse des 23. Februar anhand der beteiligten Personen detailliert auf. Ausgehend von den Bildern zweier Fernsehkameras, die während der Besetzung des Parlaments die Geschehnisse dokumentierten, versucht sich Bestsellerautor Cercas (Die Soldaten von Salamis) an der romanesken Ausdeutung eines Bildes. Es ist jenes Bild, das bis heute emblematisch für den Moment des Putsches steht. Der Putschist Tejero und einige Offiziere der Guardia Civil stürmen das Parlament, fordern die Abgeordneten auf, sich auf den Boden zu legen. Maschinengewehrsalven werden abgefeuert. Nur drei Männer widersetzen sich den Befehlen Tejeros. Adolfo Suarez, General Gutierrez Mellado und Santiago Carillo. Sie bleiben in ihren Sesseln sitzen, bilden eine geometrische, ja symbolische Dreiecksform, während die Kugeln um sie herumschwirren – ein Bild des heroischen Widerstands und Symbol dreier Männer, die bereit waren, für die Demokratie zu sterben. Umso intrikater, dass es sich um drei ursprünglich ausgewiesene Demokratiefeinde handelte. Suarez und Mellado kämpften 1936 an der Seite Francos gegen die Republik und Carillo als stalinistischer Kommunistenführer hielt ebenfalls nichts von parlamentarischem Gewäsch.
Was ist die Anatomie eines Augenblicks für ein seltsames Produkt? Ein Sachbuch ganz sicher nicht, dazu enthält es zuviel „wahrscheinlich“, „glaube ich“, „meiner Meinung nach“ und sonstige Spekulationen und Psychologisierungen. Ist es ein Roman? Der Verlag enthielt sich aus gutem Grund dieser paratextuellen Gattungsbehauptung. Was Javier Cercas in diesem Werk versucht, ist, den Gegenbeweis zur normativen Setzung von Gattungsgrenzen, die der erste Medientheoretiker von Rang, Gotthold Ephraim Lessing, in seiner Schrift Laokoon oder über die Grenzen der Mahlerey und Poesie (1766) ins Werk setzt, anzutreten. Verkürzt gesagt schreibt Lessing, die Poesie habe die Fähigkeit Handlungsverläufe zu erzählen. Also kausal verknüpfte Geschichten, die - mit Aristoteles gesprochen - Anfang, Mitte und Ende haben. Der Malerei, zum Ärger jedes bildenden Künstlers seither, beschied er ein darstellendes Potenzial, das auf eine Momentaufnahme begrenzt ist. Sie müsse sich auf Abbildung beschränken und könne keine Geschichten entfalten. Einzig die Wahl eines „besonderen Augenblicks“ verleihe der Malerei ein dynamisches Moment. Nun ist, was Javier Cercas in Anatomie eines Augenblicks betreibt, exakt das, was Lessing der Malerei in die Schuhe schieben wollte: Die umfassende Ausdeutung, ja Ausmalung eines besonderen Moments, nämlich als die junge spanische Demokratie auf der Kippe stand und völlig unklar war, ob der 23. Februar mit einer Militärdiktatur oder einer Monarchie oder einer Demokratie enden würde. Doch es gelingt nicht. Zu Recht warnte Lessing die Poesie davor, die Qualitäten der Malerei nachzuahmen. Was dann geschieht, lässt sich am neuen Buch von Javier Cercas ablesen. Kein Zweifel am glänzenden Stil, kein Zweifel an der höchst genauen und subtilen Beobachtungsgabe des Romanautors, gelingt es diesem Buch doch nicht Spannung zu entwickeln. Es gerinnt am Ende zur Ausstaffierung eines Bildes, das als solches bereits beeindruckender und aussagekräftiger ist als 570 Seiten, die sich nicht zwischen historischer Studie und Roman entscheiden können.
Javier Cercas´ Scheitern der Darstellung spiegelt zugleich das Scheitern des Putsches. Nachdem der ehemalige Sekretär des Königs und (un-)heimlicher Drahtzieher der Erhebung keinen Einfluss mehr auf Juan Carlos ausüben kann, entscheidet der sich für eine Fernsehansprache. Während ganz Spanien noch immer den Atem anhält und abwartet, wohin das Blatt sich wendet, verliest der König eine selbstgetippte Rede, in der er den Putsch verurteilt und einen Rückzug verlangt. Als symbolischer Oberbefehlshaber besitzt er tatsächlich die Autorität, die Truppen in die Kasernen zurückzuholen. Der Putsch ist vorbei. Seine Aufarbeitung dauert, soviel macht Cercas deutlich, noch immer an. Javier Cercas: Anatomie eines Augenblicks. Die Nacht, in der Spaniens Demokratie gerettet wurde, übers. v. Peter Kurtzen, S. Fischer Verlag, 570 Seiten, 24,95 Euro. Kommentieren |
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