Über Ähnlichkeit und Differenz: „Der Sommer ohne Männer“

geposted von gast
17.05.2011 14:00
Siri Hustvedts neuer Roman ist in gewisser Weise völlig anders als ihre bisherigen Bücher; überzeugen kann er trotzdem – wie auch die Autorin selbst bei ihrer Lesung in Berlin. Unsere Gastautorin Anja Bippus war vor Ort.


  © dpa
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An einem sonnigen Sonntagnachmittag liest Siri Hustvedt im Berliner Kino Babylon vor ausverkauftem Publikum. Ihr neu erschienenes Buch „Der Sommer ohne Männer“ scheint gerade für solch einen leichten Sommernachmittag geschrieben worden zu sein. Auf den ersten Blick ein typischer Frauenroman mit einer allzu, wie die Hauptfigur Mia auf den ersten Seiten selbst zugibt, banalen Geschichte: Mann mittleren Alters verlässt Ehefrau mittleren Alters, mit der Begründung, er brauche eine Pause. Diese „Pause“ erscheint in Form einer jüngeren attraktiven Französin mit einem „signifikanten Busen, der echt, nicht künstlich war“ und bugsiert Mia Fredrickson, die Ehefrau, zu Beginn des Romans direkt in die Psychiatrie.

Nach eineinhalb Wochen, die vorübergehende psychosomatische Störung größtenteils überwunden, begibt sich die Dichterin in ihren Heimart Bonden, in Minnesota. Dort trifft sie nicht nur auf die betagten Freundinnen ihrer Mutter, sondern auch auf sieben pubertierende Mädchen, die an einem von Mia geleiteten Lyrikkurs teilnehmen. Ein Sommer, also, ganz ohne Männer, in der die Hauptfigur in ihren Gedanken mit ihrem Ehemann abrechnet und zugleich die Selbstfindung und Selbstbehauptung der Frauen analysiert – an einigen Stellen zynisch und zutiefst ironisch.

Siri Hustvedt gesteht, auch sie selbst habe während des Schreibens eine Menge Spass gehabt. Schon immer wollte sie eine Komödie verfassen; mit ihrem Mann Paul Auster sprach sie darüber, ein Buch nach dem Vorbild der filmischen „Screwball Comedies“ zu schreiben. Diese Komödien aus den 30ern thematisieren meist den Kampf zwischen den Geschlechtern mit viel Wortwitz und einer äußerst raffinierten Handlung. Ihrem Roman hat sie nun einen Dialog aus einer dieser Komödien („Die schreckliche Wahrheit“ mit Irine Dunne und Cary Grant) vorangestellt, dass zugleich den Kerngedanken des Buchs zusammenfasst: „Things are different, except in a different way. You‘re still the same, only I‘ve been a fool. Well, I‘m not now. So as long as I‘m different, don‘t you think things could be the same again? Only a little different?“

Genau um dieses Thema der Gleichheit und Differenz geht es Hustvedt in „Der Sommer ohne Männer“. Die äußere Handlung der Ehekrise wird zur Folie auf der (philosophische) Fragen abgehandelt werden, wie: Warum erscheint uns der zutiefst vertraute Partner plötzlich völlig fremd? Wann wird etwas zu etwas anderem? Sind Frauen und Männer (abgesehen von den anatomischen Unterschieden) wirklich so verschieden? Und wie wurde diese Differenz über Jahrhunderte weg verhandelt?


 
Das Thema einer Ehekrise ist so gesehen doch nicht so banal – Hustvedt nennt es ein erstaunliches Phänomen, ein dialogloses Territorium – schließlich hat es mit Madame Bovary und Anna Karenina (die übrigens beide im Roman erwähnt werden) bereits Einzug in die große Literatur gefunden. Ihr Roman spielt, so Hustvedt, mit seinem eigenen Thema und das auf zutiefst subtile, ironische Weise. Nebenbei erzählt die amerikanische Autorin geschickt und mit witzigen Anekdoten gespickt die Entwicklung und Geschichte des Feminismus: So bleibt die einstige Annahme von Medizinern, das Denken lasse bei Frauen die Eierstöcke schrumpfen, genauso wenig unerwähnt wie der Entdecker der Klitoris, Rinaldo Columbus, der bei der Besegelung eines weiblichen Körpers 1559 eben jenes Organ entdeckte.

Belesene Hustvedt-Kenner können in „Der Sommer ohne Männer“, trotz des anderen Stils, zahlreiche Analogien zu ihrem bisherigen Werk entdecken, das sich nur zu oft mit der Frage beschäftigt, inwieweit jedes Geschlecht etwas vom Anderen in sich trägt. Ihr Debüt „Die unsichtbare Frau“, das 1993 erschien, handelt von einer jungen Literaturstudentin, die, angeregt durch die Hauptfigur eines Romans, nachts als Mann verkleidet durch die Straßen New Yorks zieht. In ihrem Essay „Being a Man“ schreibt Siri Hustvedt über die Schwierigkeit, eine genaue Grenze zwischen Weiblichkeit und Männlichkeit zu ziehen. „In my waking life I‘m a woman, but sometimes in my dreams I‘m a man,“ erzählt sie darin. Daneben hat sich die promovierte Literaturwissenschaftlerin immer wieder mit Kunst und deren Rezeption sowie der Psychotherapie beschäftigt. Auch ihr letztes Buch zeigt ihr Interesse an diesem Gebiet. In „Die zitternde Frau“ begibt sich Hustvedt auf eine medizinische Selbsterkundung und referiert dabei unter anderem aus der Neurologie und Psychologie. Ihre Kenntnisse zu Freud bleiben auch während der Lesung nicht verborgen. Erst wenige Tage zuvor hielt sie die alljährlich stattfindende Siegmund-Freud Vorlesung in Wien über "Freud's Playground: Some Thoughts on the Art and Science of Subjectivity and Intersubjectivity".

Dass sie immer wieder auf die Beziehung zu ihrem Mann Paul Auster, dem bekannten und äußerst erfolgreichen amerikanischen Romancier, angesprochen wird – und in dessen Schatten sie die Feuilletons lange Zeit stellten – scheint für Siri Hustvedt nur noch lästige Gewohnheit zu sein. Denn natürlich fragt auch in Berlin der Moderator Bernhard Robbens nach einem Hinweis auf die biographischen Parallelen zwischen ihr und der Hauptperson Mia, ob denn im Hause Auster noch alles in Ordnung sei? Souverän und überlegen antwortet Hustvedt darauf nur, dass Frauen über eine sehr große Fantasie wie auch einen (man mag es kaum glauben) überaus großen Intellekt verfügen.

„Der Sommer ohne Männer“ mag an manchen Stellen allzu gekünstelt, allzu gewollt postmodern wirken, wie etwa, wenn Mia sich direkt aus dem Buch heraus an die Leser wendet, was übrigens wie Hustvedt erwähnt, eine Anspielung auf den Roman „Tristram Shandy“ von Laurence Sterne ist. Doch insgesamt bleibt der Roman eine höchst amüsante und geistreiche Lektüre, der den Leser auf unterhaltsame Weise dazu bringt, über existentielle Fragen nachzudenken. Wie Mia es formuliert: „It is not that there is no difference between men and women; it is how much difference that difference makes, and how we choose to frame it?“


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