Drei Dutzend Kurzgeschichten über "Das Leben und Schlimmeres"

geposted von clemens
12.07.2011 05:05
Georg Ringswandl war kardiologischer Oberarzt und wurde dann erfolgloser Musiker, der die falschen Frauen anjodelt. Jetzt schreibt er ein Buch drüber. Unser Autor clemens findet das sympathisch und liest die "hilfreichen Geschichten".


  Montage: Claudia Stadler
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Die ältere Generation (vor allem die bayerische) kennt ihn gut, seine Platten verkaufen sich nach eigener Aussage trotzdem nicht. Jetzt prescht Georg Ringswandl in den literarischen Massennischenmarkt vor. Kurzgeschichten schrieb er wohl schon immer, Ringsgwandls Karriere ist jedoch alles andere als geradlinig: Nachdem er im Alter von 45 Jahren seinen Arztberuf aufgab und auf die Bühne wechselte, nahm er mit seiner Band CDs auf, spielte in Bühnenstücken und Filmen und wurde für seine Kunst vielfach ausgezeichnet. Sein erstes Buch "Das Leben und Schlimmeres", das im Rowohlt Verlag erscheint, ist – typisch Ringsgwandl – ganz dem absurden Humor verpflichtet.

Thematisch muss zu großen Teilen mal wieder er herhalten, der grüne Adel. Die Menschen, die in vollisolierten Häusern wohnen – Energie sammeln, wo geht und ihre Hunde mit diffizil herstellbaren und arschteuren Gnoboli füttern. "Du Papa - wenn ich groß bin, will ich auch mal Spießer werden!" Oder so. Zunehmend radikalisieren sich solche, die einst Sympathie bekundeten für grüne Ideen: die Jugend zündet Autos an, Ringsgwandl schreibt ein Buch. DIE ZEIT mag Letzteres „Punk“ finden, artifarti kühlt die Gemüter.
Nicht dass es jedoch zu Missverständnissen kommt, der Autor führt keineswegs einen Feldzug gegen die Biobewegung. In „Das Leben und Schlimmeres“ packt Ringsgwandl hilfsreiche Erzählungen aus, eine Sammlung von Kurzgeschichten zu allem, was ihm so unterkommt: Gender Sciences, der eigene Hund, die Frau, Urlaub, und Dialekte.

Stark wird das immer dann, wenn die Schreibe bitterböse daher kommt: „Vor kurzem stand in einer Wiener Zeitung: WIEDER FREISPRUCH FÜR RUSSIN! So weit ist es schon gekommen, dachte ich mir, dass in Wien eine Russin freigesprochen wird“. Wenn er sich mal in den Schreibfluss hineingesteigert hat, geht es bei Ringswandl dann ganz schnell: Von der freigesprochenen Russin zur Durchrassung, zu Edmund Stoiber, zur Eskimobadehilfe bis schließlich zum arabischen Schläfer. Im Absurditätenkabinett kennt er sich ja aus, der Gute. Auf dem Bayerischen Land trifft er anscheinend auch auf genügend Anschauungsmaterial, beispielsweise auf Politessen: „Ich dachte mir zuerst, das ist der dritte Klitschko-Bruder. So was Rausgefressenes, so eine aufgeschwemmte, verfettete, zugesoffene, aufgetriebene Blunzn, einfach grausig. Dachte ich mir. Dachte ich, dass ich’s denke. In Wirklichkeit hab ich es aber laut gesagt, ich Trottel“.


Soviel zum Duktus des Kabarettisten-Kauz. Wie oben zu sehen, untermalt er seinen Wortwitz normalerweise mit einer Mimik, die jeglichen Körpergegebenheiten trotzt. Ausgeflipptes findet sich auch auf seiner Website: Eine „Arbeitsunlustbescheinigung“ die „zur Vorlage beim Ausbeuter“ dienen soll beispielsweise. Schön ist auch das Rezept für „Truthahn in Jacky“. Welche Zielgruppe er damit erreichen kann, lässt er sich in einem Kapitel des Buchs von einem (fast volljährigen) Unternehmensberater erklären: "Es gibt einen Markt für dich, eine riesige Zahl von Frauen, für die kein anderer mehr schreibt: die Frauen mit innerer Schönheit."

Ist dieser Hinweis zwar auf seine Musik gemünzt, könnte er auch erklären, warum der Funke bei seinem Buch nicht so recht überspringen will: Ich passe eben nicht in die Zielgruppe. Vielleicht ist aber auch der gedruckte Humor zu langsam, es braucht zu viel Drumherum, um den eigentlichen Witz herauszukitzeln. Laute Komik ist "Das Leben und Schlimmeres" Sache nicht. Oder es fehlt dem Leser einfach die verrückte Mimik, der große Zinken, die derbe Schminke. Ohne die sind es eben ganz nette Geschichtchen, die man liest, derer man sich aber am nächsten Tag schon nicht mehr erinnern kann. Soll man vielleicht auch nicht, Nachhaltigkeit ist schließlich was für Heinis.

"Das Leben und Schlimmeres" ist im Juni im Rowohlt-Verlag erschienen und kostet 9,99 Euro.

  Can't you see I'm working? Foto: Harald Bischoff, die www.mad.ag

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