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Das Wohltemperierte Vorwort
30.10.2009 03:14
„Augenblicken kann man schwer zu Dank verpflichtet sein, den sie gestaltenden Persönlichkeiten jedoch umso mehr.“ – ein elegisches Zusammenspiel von Poesie und Wissenschaft, zur Nachahmung empfohlen!
Unser aller Leib-und-Magen-Videoportal YouTube ist bekanntermaßen ein hochpolitisches Medium. Tagtäglich werden unsere Politiker mit unangenehmen Fragen konfrontiert, ja müssen darauf sogar auf fremden Sprachen antworten, andere politische Akteure wiederum nutzten die Plattform dazu, völlig überzogene Wahlversprechen kundzutun, die nach der Wahl nicht eingehalten werden können.
Da tut es gut, abseits der hunderttausendfach angeklickten Videos ein Kleinod zu finden, das alles in sich zu vereinen scheint, was man sich vom Web 2.0 erhofft: die Komposition von Literatur, Musik, Witz, Stil und Politik. Kurzum: die Synthese von Poesie und Wissenschaft, verdichtet in fünf Minuten und dreiundvierzig Sekunden. Schon ein Dreivierteljahr steht das mit dem schlichten Titel „Vorwort“ versehene Video nun dem weltweiten Publikum zur Verfügung, bisher haben sich jedoch noch nicht einmal 2000 Liebhaber des gesprochenen Wortes auf diese Seite verirrt. Das mag verwundern, vor allem angesichts des prominenten Urhebers des Textes, den ein gewisser Matthias Bösche dem geneigten User vorträgt: Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg. Über keinen Politiker ist in ebenjenen neun Monaten, die Guttenberg nun als Minister in Berlin residiert, so viel gesprochen und geschrieben worden wie über unseren zukünftigen Kanzler, den Baron. Intensiv hat man Privatleben, Herkunft und Verbindung zum (gänzlich unheroischen) Deutschen Widerstand ausgeleuchtet, hymnisch Charisma und Rhetorik bewundert, argwöhnisch Freundschaften zu Cruise und Holmes beäugt, über den beruflichen Werdegang war jedoch wenig zu erfahren. Die Recherche fördert freilich wenig Überraschendes zu Tage: Jurist ist er, promovierter, summa cum laude sogar, er kennt sich wohl aus mit Verfassungen, konstitutionellen Entwicklungsstufen, mit den USA und Europa. Das erahnen wir auch beim Hören der sanften Stimme, die Guttenbergs „Vorwort“ Leben einhaucht, vom Piano begleitet, vor der Kulisse einer idyllischen Landschaft inszeniert. Doch nach wenigen Sekunden schon ist das Interesse am Sujet erloschen, da hilft auch kein „innerer Blick“, der „dieser Tage den Schimmer der Ernüchterung in sich trägt“. Das, was fasziniert, ist etwas Anderes: die simple Möglichkeit, Wissenschaft poetisch zu gestalten, die kurz bemessene Halbwertszeit eigener (oder auch fremder) Arbeiten mit wenig Aufwand um ein Vielfaches zu verlängern. Nicht jeder kann so schreiben wie Guttenberg, nicht jeder spricht vom „keuchenden historischen Durchatmen“, nicht jeder kann die „notwendige Unbedingtheit des Gestaltungswillens“ so präzise artikulieren wie Matthias Bösche. Doch auch unser studentischer Alltag bietet einiges: Man denke an Referate über den divergierenden Einfluss der europäischen Ebene auf die nationalen Gesundheitssysteme, Seminararbeiten zum Herakles-Mythos in Peter Weiss’ Ästhetik des Widerstands, Bachelorarbeiten über dendritische Zellen im Rahmen einer in-vitro-Immunisierung – und dazu: irische Harfenmusik, oder R.E.M.? Natürlich, ähnliches Potential haben auch die Erfinder von PowerPoint-Karaoke erkannt. Doch taugen unsere Texte nicht zu mehr als nur der kurzweiligen Unterhaltung? Lohnt es nicht, die vielen für Sekundärliteratur, bibliographische Arbeiten und eigener schriftstellerischer Tätigkeit aufgebrachten Stunden zu vergolden, aus Wissenschaft ein künstlerisches Kleinod zu machen? Kann ein humorvoll bearbeitetes „Vorwort“ einer Hausarbeit nicht die professorale Geringschätzung der Errungenschaften wochenlanger Arbeit ausgleichen? Guttenberg selbst spricht mehrmals vom καιρός, davon, die Chance zu ergreifen, ehe es zu spät ist; ehe wir unsere eigenen Arbeiten vergessen, geringschätzen, all’ die Müh umsonst war, PowerPoint-Karaoke alternativlos bleibt. Mit Guttenberg gesprochen: Carpe Kairos! Von Conor Oberst gesungen: „Well I could have been a famous singer / If I had some one else's voice / But failures always sounded better / Let's fuck it up boys, make some noise!” Kommentieren |
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