»Es war keine Straße mehr, sondern eine Welt, Zeit und Raum aus fallender Asche und nahezu Nacht.«
Mit diesen Worten beginnt
Falling Man, der jüngste Roman von Don DeLillo, der vor nunmehr zwei Jahren erschienen ist. Es ist die Welt des 11. September 2001, die Welt der Menschen, die sich noch rechtzeitig aus den attackierten Türmen des World Trade Center retten konnten, bevor die einstürzenden Twin Towers New York in eine Welt aus Asche und Trümmern verwandelten, die Sonne verdunkelten.
Wie schon so oft hat sich Don DeLillo einem wichtigen Ereignis der amerikanischen Geschichte literarisch zugewandt. Es wäre ihm dabei durchaus zuzutrauen gewesen,
Falling Man schon vor den Anschlägen in New York geschrieben zu haben; antizipierte doch schon das viel diskutierte Cover der Erstauflage von
Unterwelt – dem
magnum opus DeLillos (und der vielleicht überwältigendsten Geschichtschronik, die die Literatur in den letzten Jahrzehnten gesehen hat) – auf gespenstische wie zufällige Weise die Terroranschläge vom 11. September 2001 ...
 Cover von DeLillos Epos aus dem Jahr 1997. |
DeLillo sieht sich jedoch keineswegs als Prophet, auch verbindet
Unterwelt nur Weniges mit den Terroranschlägen von New York. Indes hat sich DeLillo in den letzten Jahrzehnten zu einer Art Mischwesen aus Laokoon und Herodot entwickelt, nicht nur für die amerikanische Literatur und Geschichte; zu einem Intellektuellen, der historische Ereignisse entweder Jahre vorab zu erahnen weiß oder erst gar nicht auf sie wartet, um über sie zu schreiben, sie mit den Mitteln der Literatur zu vergegenwärtigen, alternative Lesarten zu generieren, oftmals anhand einzelner, abseitiger Biographien.
Im
Weißen Rauschen etwa – einem irrwitzigen Roman über einen amerikanischen Professor, der ohne Deutschkenntnisse einen Lehrstuhl für „Hitler-Studien“ inne hat, mit seiner x-ten Ehefrau Babette zusammenlebt und einen Sohn hat, Heinrich (!), der mit einem inhaftierten Serienmörder Fernschach spielt – schildert DeLillo die Folgen einer Giftmüllkatastrophe, die seine Protagonisten nicht nur zur Flucht, sondern vor allem zu einer Auseinandersetzung mit dem Tod zwingt; mit einem Tod, der plötzlich – und vielleicht sogar aus dem eigenen Müll herauf – in das Leben eines jeden Einzelnen dringen kann. All das erzählt DeLillo schon im Jahr 1984, wohlgemerkt nur wenige Monate vor der Katastrophe von Bhopal, dem Ereignis, das uns bzw. die Generation unserer Eltern, die Generation DeLillos erst endgültig für solche Gefahren sensibilisierte.
 Don DeLillo, geboren 1936 in New York City. |
Ein noch eindrucksvolleres Zeugnis von der Fähigkeit, Geschichten vor der Geschichte zu erzählen, legte DeLillo mit
Cosmopolis ab. 200 Seiten begleitet man den jungen Eric Parker, seines Zeichens milliardenschwerer Vermögensverwalter in der dritten Lebensdekade, einen ulyssischen Tag lang durch New York im April 2000. Geschützt durch das Panzerglas seiner Stretchlimousine und die Isolierschicht aus Kork, die Parker vor dem enervierenden Zivilisationslärm bewahrt, bereist man in der mobilen Kapsel das Universum unserer westlichen Welt, die sich peu a peu selbst zugrunde richtet.
Cosmopolis, der Roman über einen zynischen Yuppie, der sich an den Yen-Kursen verspekuliert, ist nichts weniger als eine Vorwegnahme alldessen, was sich ein knappes Jahrzehnt später unter dem Schlagwort KRISE subsumiert. Dass diese in ihrem Kern nicht an die Insolvenz eines Bankhauses geknüpft ist oder durch Fehlspekulationen am Immobilienmarkt entstand, sondern in unseren westlichen Lebensformen determiniert ist, zeigt DeLillo eindrucksvoll auf. Ein Blick aus der verkorkten Limousine, die kurzerhand in eine anarchistische Demo auf den Straßen Manhattans gerät, genügt:
»Sie wissen, was der Kapitalismus hervorbringt. Laut Marx und Engels.«
»Seine eigenen Totengräber«, sagte er.
»Aber das hier sind nicht die Totengräber. Das ist der freie Markt selbst. Diese Leute sind eine Phantasie, die der Markt hervorgebracht hat. Sie existieren außerhalb des Marktes gar nicht. Sie können nirgendwohin, wenn sie außerhalb sein wollen. Es gibt kein Außerhalb. […] Die Kultur des Marktes ist total. Sie bringt diese Männer und Frauen hervor. Die sind notwendig für das System, das sie verachten. Sie geben ihm Energie und Kontur. Sie werden vom Markt angetrieben. Sie werden auf den Märkten der Welt gehandelt. Deshalb existieren sie, um das System zu stärken und zu perpetuieren.«
Es reicht nicht aus, eine solche Einschätzung fatalistisch zu nennen. Es ist vielmehr die Überzeugung, dass Amerika und die gesamte westliche Welt all das Unglück selbst evoziert, das sich über sie ergießt, seien es die Verwerfungen in der Finanzwelt, oder der globale Terror. Mit Blick auf die Anschläge des 11. September 2001, die gewissermaßen endgültig das Ende der „Ende der Geschichte“ besiegelten und darüber hinaus noch immer nicht zweifelsfrei aufgeklärt sind, mag das keine sonderlich überraschende These sein.
DeLillo aber klammert in
Falling Man solche historischen oder politischen Fragen weitestgehend aus. Kein Wort über verschärfte Sicherheitsgesetze, nur wenige Worte über die Bush-Administration und ihre aggressive Außen- und Kriegspolitik, der alleine es zu verdanken war, dass der Gemeinplatz „Nichts wird mehr sein, wie es früher war“ mit traurigem Inhalt gefüllt wurde. Stattdessen bewegen sich die Romanfiguren in einem vorwiegend unpolitischen Raum, in dem die Erschütterung des Terrors, der in die Welt der Menschen getreten ist, auf ästhetischen bzw. sprachlichen Skalen gemessen wird.
Nicht zufällig ist DeLillos zentrale Figur ein Performancekünstler, der kein einziges Mal zu Wort kommt, plötzlich auftaucht und mit einem Mal verschwindet, einen ungeklärten Tod stirbt. Dieser „Falling Man“ ist es, der die Bilder des Terrors, die Welt aus Asche und Tod, in den Alltag New Yorks und seiner Figuren transportiert; waghalsige und nur unzureichend gesicherte Sprünge von Brücken, Hochhäusern, Hochbahngleisen in die belebten Straßenschluchten inszeniert.
 Inspiration für DeLillos Künstlerfigur: das erschütternde Foto „The Falling Man“ von Richard Drew, aufgenommen am Morgen des 11. September 2001. |
Nicht nur dem „fallenden Mann“ hat es die Sprache verschlagen, eine Sprache, die im Angesicht des Terrors ohnmächtig ist; ihre Aufgabe, dem Menschen seine Welt zu erschließen, nicht mehr erfüllen kann, die im Chaos der Trümmer und Asche ihre ordnende Funktion verliert. So trägt das erste Kapitel in
Falling Man den bezeichnenden Titel „Bill Lawton“, den Namen jenes Mannes, den einige Kinder im Roman mit den Anschlägen verbinden und den sie nicht wagen öffentlich auszusprechen. Dass ebenjener „Bill Lawton“ nur die medial (unzureichende) vermittelte Lautfolge von „Bin Laden“ ist, liegt auf der Hand. Und dass die Kinder nicht nur den mutmaßlichen Drahtzieher der Terroranschläge mythisch verklären, sondern in ihm auch eine Art Riesenvogel sehen, den sie mit Ferngläsern am New Yorker Himmel suchen, um erneute Attacken zu verhindern, trägt dazu bei, die Anschläge als Geschichtsmythos zu lesen, als eine große Erzählung, möglicherweise sogar als neuzeitlichen Turmbau zu Babel, als einen Mythos des 21. Jahrhunderts.
»Aber dafür habt ihr doch die Türme gebaut, oder? Waren die Türme nicht als Phantasien des Reichtums und der Macht gebaut, um eines Tages Phantasien der Zerstörung zu werden? Ihr baut so ein Gebilde, damit ihr sehen könnt, wie es einstürzt. Die Provokation ist offensichtlich. Welchen anderen Grund kann es geben, so hoch hinaus zu wollen und das dann zu verdoppeln, zweimal hinzustellen? Es ist eine Phantasie, warum also nicht doppelt? Damit sagt ihr: Hier ist es, bringt es zu Fall.«
Es gibt in DeLillos Romanen aber auch immer einen Kontrapunkt, eine Gegenstimme, die die Geschichte gewissermaßen gegen den Strich erzählt, die ein Bild der Wirklichkeit skizziert, bei dem man nicht mehr zwischen Fiktion und Realität unterscheiden kann. Mit
Libra (deutscher Titel:
Sieben Sekunden) hatte DeLillo dieser Gegenstimme noch einen gesamten Roman gewidmet und ein bewegendes Porträt des mutmaßlichen Kennedy-Mörders Lee Harvey Oswald gezeichnet – in
Falling Man ist dieses Motiv ebenfalls komponiert. Und so verfolgt man nicht nur das Leben und Leiden der Überlebenden, der Opfer der Anschläge und ihrer Familien, sondern parallel dazu, in kurzen Sequenzen, auch die Vorbereitungen, Lebenswege und Gedanken der Attentäter, zunächst in Hamburg, später an der Flugschule in Florida und zuletzt im Flugzeug nach New York.
Im furiosen letzten Kapitel verbindet DeLillo dann die Biographien, die Geschichten der Attentäter und der Opfer, die in den Zwillingstürmen im engsten Wortsinn zu einer gemeinsamen Geschichte verschmelzen werden: Hammad, einer der Entführer, sitzt auf dem Notsitz im Cockpit, in der Luft hängt Reizgas, und flüstert sich letzte Worte zu, fühlt sich dem ewigen Leben ganz nahe, doch die Todesfurcht hat nun auch ihn gepackt, man hört die Schreie in der Kabine, die Angst der Passagiere, als das Flugzeug zu vibrieren beginnt, Hammad schnallt sich an und dann – dann ist man wieder in der Welt der Hitze, des Kerosins und des Feuers, ist in den Türmen, spürt den Aufprall des Flugzeugs und versucht zu fliehen, nach draußen auf die Straße, kann kaum noch atmen, schafft es gerade noch rechtzeitig, ehe die Türme einstürzen. Man dreht sich noch einmal um, blickt hinauf zu den brennenden Türmen und das Letzte, was man sieht, das Letzte, was DeLillo uns sagt, ist unsagbar:
»Dann sah er ein Hemd vom Himmel fallen. Er ging weiter und sah es fallen, und die Arme kämpften wie nichts in diesem Leben.«
Don DeLillo wird in Deutschland bei Kiepenheuer & Witsch verlegt. Die Taschenbuchausgaben seiner Romane sind allesamt beim Goldmann Verlag erschienen. Nächstes Jahr erscheint sein neuer Roman
Point Omega.