»Zeit und Raum aus fallender Asche und nahezu Nacht.«

geposted von ole
19.11.2009 05:30
Don DeLillo, die literarische Stimme Amerikas, ist seit vielen Jahrzehnten virtuoser Chronist der Geschichte seines Landes. Ihm haben, im Gegensatz zu vielen seiner Figuren, die Anschläge des 11. September 2001 nicht die Sprache verschlagen – wie sein 2007 erschienener Roman Falling Man beweist.


  »Qualm und Asche kamen die Straße entlanggewalzt und um die Ecken, stoben um die Ecken, seismische Qualmfluten, [...] anderweltliche Dinge im Sarg dieses Morgens ...«

»Es war keine Straße mehr, sondern eine Welt, Zeit und Raum aus fallender Asche und nahezu Nacht.«

Mit diesen Worten beginnt Falling Man, der jüngste Roman von Don DeLillo, der vor nunmehr zwei Jahren erschienen ist. Es ist die Welt des 11. September 2001, die Welt der Menschen, die sich noch rechtzeitig aus den attackierten Türmen des World Trade Center retten konnten, bevor die einstürzenden Twin Towers New York in eine Welt aus Asche und Trümmern verwandelten, die Sonne verdunkelten.
Wie schon so oft hat sich Don DeLillo einem wichtigen Ereignis der amerikanischen Geschichte literarisch zugewandt. Es wäre ihm dabei durchaus zuzutrauen gewesen, Falling Man schon vor den Anschlägen in New York geschrieben zu haben; antizipierte doch schon das viel diskutierte Cover der Erstauflage von Unterwelt – dem magnum opus DeLillos (und der vielleicht überwältigendsten Geschichtschronik, die die Literatur in den letzten Jahrzehnten gesehen hat) – auf gespenstische wie zufällige Weise die Terroranschläge vom 11. September 2001 ...


  Cover von DeLillos Epos aus dem Jahr 1997.

DeLillo sieht sich jedoch keineswegs als Prophet, auch verbindet Unterwelt nur Weniges mit den Terroranschlägen von New York. Indes hat sich DeLillo in den letzten Jahrzehnten zu einer Art Mischwesen aus Laokoon und Herodot entwickelt, nicht nur für die amerikanische Literatur und Geschichte; zu einem Intellektuellen, der historische Ereignisse entweder Jahre vorab zu erahnen weiß oder erst gar nicht auf sie wartet, um über sie zu schreiben, sie mit den Mitteln der Literatur zu vergegenwärtigen, alternative Lesarten zu generieren, oftmals anhand einzelner, abseitiger Biographien.

Im Weißen Rauschen etwa – einem irrwitzigen Roman über einen amerikanischen Professor, der ohne Deutschkenntnisse einen Lehrstuhl für „Hitler-Studien“ inne hat, mit seiner x-ten Ehefrau Babette zusammenlebt und einen Sohn hat, Heinrich (!), der mit einem inhaftierten Serienmörder Fernschach spielt – schildert DeLillo die Folgen einer Giftmüllkatastrophe, die seine Protagonisten nicht nur zur Flucht, sondern vor allem zu einer Auseinandersetzung mit dem Tod zwingt; mit einem Tod, der plötzlich – und vielleicht sogar aus dem eigenen Müll herauf – in das Leben eines jeden Einzelnen dringen kann. All das erzählt DeLillo schon im Jahr 1984, wohlgemerkt nur wenige Monate vor der Katastrophe von Bhopal, dem Ereignis, das uns bzw. die Generation unserer Eltern, die Generation DeLillos erst endgültig für solche Gefahren sensibilisierte.



  Don DeLillo, geboren 1936 in New York City.

Ein noch eindrucksvolleres Zeugnis von der Fähigkeit, Geschichten vor der Geschichte zu erzählen, legte DeLillo mit Cosmopolis ab. 200 Seiten begleitet man den jungen Eric Parker, seines Zeichens milliardenschwerer Vermögensverwalter in der dritten Lebensdekade, einen ulyssischen Tag lang durch New York im April 2000. Geschützt durch das Panzerglas seiner Stretchlimousine und die Isolierschicht aus Kork, die Parker vor dem enervierenden Zivilisationslärm bewahrt, bereist man in der mobilen Kapsel das Universum unserer westlichen Welt, die sich peu a peu selbst zugrunde richtet. Cosmopolis, der Roman über einen zynischen Yuppie, der sich an den Yen-Kursen verspekuliert, ist nichts weniger als eine Vorwegnahme alldessen, was sich ein knappes Jahrzehnt später unter dem Schlagwort KRISE subsumiert. Dass diese in ihrem Kern nicht an die Insolvenz eines Bankhauses geknüpft ist oder durch Fehlspekulationen am Immobilienmarkt entstand, sondern in unseren westlichen Lebensformen determiniert ist, zeigt DeLillo eindrucksvoll auf. Ein Blick aus der verkorkten Limousine, die kurzerhand in eine anarchistische Demo auf den Straßen Manhattans gerät, genügt:
»Sie wissen, was der Kapitalismus hervorbringt. Laut Marx und Engels.«
»Seine eigenen Totengräber«, sagte er.
»Aber das hier sind nicht die Totengräber. Das ist der freie Markt selbst. Diese Leute sind eine Phantasie, die der Markt hervorgebracht hat. Sie existieren außerhalb des Marktes gar nicht. Sie können nirgendwohin, wenn sie außerhalb sein wollen. Es gibt kein Außerhalb. […] Die Kultur des Marktes ist total. Sie bringt diese Männer und Frauen hervor. Die sind notwendig für das System, das sie verachten. Sie geben ihm Energie und Kontur. Sie werden vom Markt angetrieben. Sie werden auf den Märkten der Welt gehandelt. Deshalb existieren sie, um das System zu stärken und zu perpetuieren.«



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