Mystisch barbarisch nie gelangweilt

geposted von ole
21.01.2010 19:59
Was tut ein gutes Buch? Was macht große Kunst mit unserer Welt? Sie verwandelt das Unzugängliche in ein Ereignis, sagt Walter Benjamin. Sie produziert Akteme, sagt Gilbert Adair. Was gute Bücher betrifft, ragt eines heraus, bis an den Rand gefüllt mit Ereignissen und Aktemen: Günter Grass’ Blechtrommel. Aber was ist ein Aktem?


  Jeder Trommelschlag ein Aktem. Seit nunmehr 50 Jahren.
Zugegeben: das Wort „Aktem“ erscheint etwas altmodisch. Vor einem halben Jahrhundert von Linguisten erfunden, beschreibt dieser unschuldige Begriff aber ein Phänomen, das wir alle kennen, doch alltagssprachlich nicht ganz fassen können. Gilbert Adair, Autor des genialischen Essaybandes Wenn die Postmoderne zweimal klingelt, hat dieses kluge Wort wiederbelebt und sich gleich an einer blumigen Definition versucht:
Unter einem „Aktem“ versteht er ein „Fragment, das ursprünglich von der Sprache hervorgebracht wurde, inzwischen aber als außersprachliche narrative Wolke durch die Gedankenwelt der Leser (und natürlich auch des Nichtlesers) zieht.“ Akteme „haben die Sprache gewissermaßen transzendiert. Sie haben sich von einer Prosa gelöst, in deren kanonischen Hafen sie einst vor Anker lagen, und nun treiben sie frei und ungebunden in einem Aquarium der Volkssagen und –legenden dahin. In ihrem überlieferten Zustand gleichen sie nichts so sehr wie Träumen.“ Alles klar?
Um es verständlicher zu machen, bedarf es vielleicht einiger Beispiele. In der Literatur hätten wir etwa die Verhaftung von Josef K., oder auch Aschenbachs Tod am Lido, nicht zu vergessen Molly Blooms schlaftrunkenen Monolog, im Kino natürlich Marilyns wehenden weißen Rock, den Duschvorhang in Hitchcocks Psycho, genauso wie Leonardos Tod im eiskalten Atlantik. Auch die Musik kennt Akteme: z. B. den „na-na-na-nananana“ singenden Chor in Hey Jude, Johnny Cashs Session im Folsom State Prison, und auch Ian Curtis’ schwarzgalligen Refrain in Love Will Tear Us Apart kann man in die Liste – und wir wissen, wir lieben Listen – aufnehmen, die sich freilich ewig fortführen ließ.

Doch vor allem Filme haben es Adair angetan. Nicht umsonst spricht man von Hollywoods Filmindustrie als einer „Traumfabrik“, die mit Hilfe bewegter Bilder ebensolche „Träume“ erzählt, die Adairs Aktemen gleichen und die jedem Menschen, unabhängig von seiner Affinität für die schönen Künste, lebens- oder zumindest glücksnotwendig sind. (Womit die Erfolgsgeschichte des Kinos im 20. Jahrhundert auch in einem Satz beschrieben wäre.) Nicht nur der Vorzug des Films, in der Blackbox des Kinosaals gleich auf mehreren Sinnesebenen neue Welten zu erschaffen, deren größte Schöpfungen wiederum zeitlose Akteme sind, lässt die Literatur für Adair in das zweite Glied treten. Im Gegensatz zur „Aktemfabrik“ des modernen Kinos leidet die zeitgenössische Literatur seiner Meinung nach an der „Bläßlichkeit und Blutarmut ihrer Prosa“, die auf das Fehlen von Aktemen zurückzuführen ist. Das ist natürlich Quatsch.

Widerlegt werden kann diese Diagnose allein schon, wenn man sich dieser Tage nach Lübeck begibt. Dort feiert eine Ausstellung im beschaulichen Günter Grass-Haus seit einigen Wochen den runden Geburtstag eines Romans, der als bestes Gegenbeispiel zu Adairs These der literarischen Anämie geeignet ist: Die Blechtrommel. Das 1959 erschiene Debüt von Günter Grass ist nicht nur älter als der linguistische Begriff „Aktem“, sondern beherbergt auch eine unüberschaubare Fülle dieser Akteme, jener Wolken und Träume, die sich bei der Lektüre in den Kopf des Lesers eingenistet haben. Indes hat es Die Blechtrommel – und das wird Adair vielleicht etwas versöhnlich stimmen – wie kaum ein anderes literarisches Werk geschafft, in ihrem 50jährigen Leben auch in anderen Medien immer neue Akteme zu produzieren, sich in die Gedankenwelt der Menschen förmlich einzubrennen; auch dank eines Films, der Blechtrommel von Volker Schlöndorff aus dem Jahr 1979, der das Leben von Oskarchen endgültig in die Weltöffentlichkeit getragen hat.


  Oscar für Oskar: 1980 in der „Traumfabrik“ prämiert.

Schlöndorffs Werk profitierte dabei im Vergleich zu weniger gelungenen Literaturverfilmungen nicht nur von einer perfekten Besetzung – allen voran mit dem grandiosen David Bennent in der quasi unspielbaren Rolle des Oskar Matzerath –, sondern in erster Linie vom literarischen Stoff, besser gesagt: von den Aktemen, die in Grass’ Roman auf nahezu jeder Seite zu finden sind. Man denke an Oskars Kellersturz, das heimliche Trommeln unter der Tribüne, seine glasbrechenden Gesänge auf dem Kirchturm und in der Arztpraxis, den Pferdekopf und die Aale, den berühmten Fischtod von Mutter Agnes, die weiten Röcke der Großmutter, die Herzdame in der Polnischen Post, die abenteuerliche Zeit in Bebras Fronttheater und, nicht zu vergessen, Oskars Annäherung an das „kleine schwarze Dreieck“ – ein Aktem, das erst kürzlich öffentlich-rechtlich reaktiviert wurde.

Wohlgemerkt erzählt der Film nur zwei von drei Büchern der Blechtrommel und spart somit den vielleicht an Aktemen reichsten Teil des Romans gänzlich aus. Anders handhabt dies selbstverständlich die derzeitige Ausstellung in Lübeck, die anlässlich des Geburtstages vor allem eines tut: sich in Demut gegenüber dem Roman üben. Und so hat man als Besucher zwar in einem eigenen Raum die Möglichkeit, Schlöndorffs Film komplett zu sehen, doch bleibt dieses Feature eine angenehme Ausnahme. Statt Multimedialität fordert die Ausstellung Lektüre, zunächst von Zitaten über, dann auch aus der Blechtrommel. Man wirft einen kurzen Blick in die Zelle der Heil- und Pflegeanstalt, in der Oskar seine Erinnerungen trommelt und taucht in der Folge ein in die Entstehungsgeschichte und Romanhandlung, in die Welt der Matzeraths, mit viel Text an allen Wänden, Original-Manuskripten, interessanten Rezensionen aus der Adenauerzeit, Stadtplänen von Danzig, Interviews mit Günter Grass und Dokumenten aus der Rezeptionsgeschichte, die teilweise recht profan ausgestellt werden.
So zum Beispiel in einem kleinen Raum, der sich mit dem literarischen Nachleben der Blechtrommel beschäftigt und in dem sich schlicht gebrauchte Exemplare einiger Romane befinden, die von Grass’ Werk inspiriert wurden: Salman Rushdies Mitternachtskinder nebst Extrem laut und unglaublich nah des großartigen Jonathan Safran Foer, der die Geschichte des jungen Oskar (!) erzählt, der sich im Schatten von 9/11 auf die Suche nach seinem Vater (!) macht, und nicht zuletzt John Irvings berühmter Roman Owen Meany – Plagiat oder Hommage sei dahingestellt –, der heutzutage vermutlich häufiger gelesen wird als das Grass’sche Original (analog hierzu Maxim Biller: „Ich habe ein paarmal versucht, die Blechtrommel zu lesen und bin immer schon auf der dritten Seite gescheitert.“).

Nachdem man nun in den Taschenbüchern geblättert, sich die Vitrinen, Zitate und Fotos angeschaut und den Ausstellungskatalog erworben hat, verlässt man nach gut einer Stunde die Ausstellungsräume. Was bleibt, sind die Gedanken an all die phantastischen Szenen, an Akteme, was bleibt sind die Gedanken an den Zwiebelkeller, an den Musiker Meyn, an das Krippenspiel mit der Stäuberbande, die todbringende Niobe, das „Es war einmal ein Spielzeughändler, der hieß Markus“, das trübe Spaghettiwasser, an den Satan auf dem Kokosläufer, die Sechzig-Watt-Glühbirnen, Schugger Leo, an die Muse Ulla und den nackten Jesus ...
... denn was für den Film gilt, gilt für jedes Foto, jedes Lied, jede Ausstellung, jede Fabrik. Die Verlegerin Helen Wolff bringt es auf den Punkt: „Als ich den brillant gemachten und gespielten Blechtrommel-Film von Schlöndorff sah, wurde mir noch einmal die Überlegenheit des Wortes über das Bild bewußt, ich erkannte, was den Leuten entgeht, die sagen, sie hätten das Buch nicht gelesen, aber den Film gesehen.“



Die Ausstellung „Ein Buch schreibt Geschichte.50 Jahre »Die Blechtrommel«“ ist noch bis zum 28. Februar 2010 im Günter Grass-Haus in Lübeck zu sehen. Zum 50. Geburtstag des Romans ist eine Sonderausgabe der Blechtrommel im dtv erschienen.


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Kommentare

04.02.2010 18:40
C to the D
ein sehr schöner artikel!
und: harald schmidt ist wahnsinnig gut im lecken, das freut mich!