Christoph Ransmayr, der die Extreme liebt, treibt sich mit seinem neuen Theaterstück selbst auf die Spitze und droht abzustürzen. Unser gast julian hat das neue Buch des österreichischen Dauerreisenden für artifarti gelesen.
„Tief ist der Brunnen der Vergangenheit“ und je länger man die mythologische Kaffeetasse aufrührt, umso mehr Bodensatz wird aufgewirbelt, der sich in neuer Konstellation absetzt. Der österreichische Autor Christoph Ransmayr ist ein Meister der Verschmelzung von historischen Fragmenten, kollektiven Erinnerungsschnipseln und seiner Phantasie und ist mittels seiner umwerfenden Sprachgewalt in der Lage, den Leser regelmäßig und sogar bei wiederholter Lektüre in den Bann zu schlagen.
Deshalb dürfte, wer den neuen Band der „Spielformen des Erzählens“ von Christoph Ransmayr in Händen hält, über den Titel
Odysseus, Verbrecher. Schauspiel einer Heimkehr nicht überrascht sein. Erneut greift der Autor auf einen mythologischen Stoff zurück. Keine Figur passt denn auch mehr zu Ransmayrs Spielformen als der erfindungsreiche Troja-Kombattant, der seine Listigkeit und Unberechenbarkeit nutzt, um sich (bei Verlust der beinahe kompletten Schiffsbesatzung) bis nach Ithaka zurückzumogeln und dort ein bluttriefendes Massaker anzurichten. Allerdings schöpft Ransmayr in diesem Stück nicht nur den Zitatenschatz der Antike aus, der Bodensatz der mythologischen Kaffeetasse umfasst diesmal das volle Spektrum angesammelten Bildungsschrotts von englischen Gassenhauern, über historische Versatzstücke und Anspielungen bis hin zum Struwwelpeter (
„Blutstrom!, sagt die Frau Mama. Wir treiben davon, und sie bleibt da.“). Damit radikalisiert er seine Kompositionsweise, doch leider gefällt uns Lesern nicht immer die radikalste Konsequenz dessen, was wir im Ansatz goutierten.
Der Protagonist landet zu Beginn des Stückes in der Schweinebucht (!), wo die pulsuhrbewehrte Strandläuferin Athene mit ihm einen ersten Blick auf das postkataklystische Ithaka wirft. Überall
„schwelende Abfallgebirge“, der allgegenwärtige Klimawandel hat zu einer Ansammlung von Schiffswracks an der Küste geführt, die Bevölkerung ist zu einer Melange aus Wegelagerern, Plünderern und Klatschkolumnisten verkommen. Der
„Städteverwüster“ Odysseus, in Lumpen gehüllt, wird auf seinem Weg zu Penelope immer wieder von den Geistern der toten Kameraden gequält. Eigentlich ein Motiv, das der Odyssee entnommen ist – Odysseus in der Unterwelt –, das aber, und darin liegt die Stärke Ransmayrs, den heutigen Leser an Afghanistan-Heimkehrer mit posttraumatischen Belastungsstörungen erinnert. Der Krieger Odysseus stößt auf ein Ithaka, das er nicht mehr wiedererkennt. Man stelle sich vor, der schwarze Adenauer wäre nach seiner Amtszeit ausgewandert und kehrte im Jahre 1999 zurück ins wiedervereinte rot-grüne Deutschland. Dem Kriegshelden mit den blutigen Händen Odysseus geht es mit dem Ithaka des postheroischen Zeitalters ähnlich. Er kennt die Welt nicht mehr. Seine Frau wird umschwärmt von
„Reformern“, die
„Meerwasserentsalzungsanlagen“ (Meer-was-ser-ent-salz-ungs-an-la-ge – sprachlich erreicht der Autor in diesem Stück bei weitem nicht die Eleganz seiner Romane) bauen wollen und hinter der Gut-Menschen-Fassade mit eigenen Milizen um die Vorherrschaft streiten. Am Ende weiß der Ransmayr’sche Odysseus nichts anderes zu tun, als im Bund mit seinem verhätschelten Sohn Telemach, dessen zart-samtene Hände er ebenfalls mit Blut befleckt, in ein kriemhildhaftes Wüten zu verfallen und die
„Reformer“ zu töten.
Ransmayrs neuestes literarisches Abenteuer: das Ithaka im 21. Jahrhundert |
Es ist dieses Blutbad, das von Beginn an die Fluchtlinie des Stückes, das am 28. Februar im Rahmen des Festivals Ruhr 2010 uraufgeführt wird, bildet. Odysseus erscheint als Kriegstreiber, dessen Erfindungsreichtum sich in Konspiration und Waffenbeschaffung erschöpft (
„Siehe da, Odysseus, der Städteverwüster, der unbezwingbare Fuchs in allen von ihm geschaffenen Wüsten“).
Nach der empfindsamen und auf poetische Weise nahegehenden Geschichte der zwei Brüder in
Der fliegende Berg und den verspielten Geschichten, die in
Damen & Herren unter Wasser (dem letzten Band in den „Spielformen des Erzählens“) gewissermaßen die Bilder von Manfred Wakolbinger bebildern, geht Ransmayr zu knallharter politisch-moralischer Schwarzseherei über. Nicht, dass sein bisheriges Werk nicht politisch gewesen wäre, im Gegenteil. Doch zum Beispiel in
Die letzte Welt gelingt es Ransmayr, die reichhaltigen Implikationen zur menschenverursachten Ökokatastrophe oder totalitären Gesellschaftssystemen subtil zu vermitteln. In seinem neuen Theaterstück wird alles gesagt, ist alles explizit, gefühlt liest man deutlich mehr Ausrufezeichen. Wann wir den nächsten Roman von Christoph Ransmayr lesen dürfen, steht noch in den Sternen. Für den letzten,
Der fliegende Berg, hat er 11 Jahre gebraucht – man spürt es in jedem Satz. Der vorhergehende Band der „Spielformen“ liegt nur zwei Jahre zurück. Wir haben Zeit und hoffen auf Christoph Ransmayrs nächsten Roman.
Christoph Ransmayr:
Odysseus, Verbrecher. Schauspiel einer Heimkehr, 120 Seiten, 12,00 Euro (UVP) ist soeben im S. Fischer Verlag erschienen. ISBN: 978-3-10-062945-6
Bilder: © Willy Puchner
http://www.faz.net/s/RubBD40B5F27F70432E9C30EABBFBFFE409/Doc~EEE1A1BFF80CE4A949F02444398EB9223~ATpl~Ecommon~Scontent.html
http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,681148,00.html
http://fr-online.de/in_und_ausland/kultur_und_medien/feuilleton/2370544_RUHR-2010-Odysee-Europa-Endstueck-der-Aufklaerung-Fluch-der-Krieger.html