Lesung Schoengeist

geposted von artifarti
28.02.2010 11:00
Artifarti schafft Kultur.
Am 26. Februar stellten Clemens und Johanna vom Kulturmagazin zusammen mit Joël Adami und Johanna Roth eigene Texte in Münster vor. Nach einem schönen und vielseitigen Abend wird nun in den folgenden vier Tagen jeweils ein Autor einzelne Texte der Lesung veröffentlichen.

  Clemens liest. Fotos: Julian
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Lalelu

Mein Fuß ist eingeschlafen. Schon wieder. Hab lange nichts mehr gegessen. Eigentlich nicht so gute Voraussetzungen zum Schlafen.

Wieso sagt man das überhaupt, ein Fuß schläft ein? Verlangsamt sich sein Herzschlag? Schließt der seine Augen und fängt an zu Träumen? Schnarcht der? Wäre eigentlich witzig, wenn der schnarchen würde. Aber eigentlich auch nicht.

Ich glaube, der, der neben mir sitzt, erbricht sich. Könnte aber auch ein epileptischer Anfall sein, schwer zu sagen.

Ich konzentriere mich wieder auf meinen Fuß. Er hat sich ein wenig erholt. Würde seinen derzeitigen Stand als unsanftvomWeckeraneinemMontagmorgengeweckt beschreiben. Wach, aber nicht wirklich wach. Und gar kein Bock auf Aufstehen. Beziehungsweise Laufen.

Aus Versehen rülpse ich. Das ist mir unangenehm. Ich tue erst so, als wäre nichts gewesen. Dann langsames, schuldbewusstes Aufschauen um herauszufinden, ob mich jemand anguckt. Ist nicht der Fall – Glück gehabt. Sollte jetzt echt an mich halten.

Wieder dieser Typ neben mir...Jetzt tippt er mit weit aufgerissenen Augen wie ein Verrückter auf seinem Handy rum. Mit dem stimmt doch was nicht. Komischer Mann; Erinnert mich ein bisschen an den Kobold Maki aus der Arag-Werbung.

Ich muss meine Beobachtungen leider unterbrechen, denn wir schlagen auf dem Boden auf.

Ich sehe noch wie weiter vorne ein Baby mit verdrehtem Körper durch das zerschellende Flugzeug fällt. Mein Fuß scheint indes wieder aufgewacht zu sein. Immerhin.

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Es folgen Texte von Johanna-Yasirra Kluhs.
johanna
  johanna
Ton Ohne Titel Wartet
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Ton

Denke ich: Ich kann nicht
laufen durch eine Landschaft, die weniger lebendig ist als die Erinnerung an ihr Betreten
/ sprechen zum Stillstand aus Beton Prallen
meine Worte ab und werden wieder zu Gedanken zu
Tönen zu Gedanken zu Tönen zu Gedanken die mein Kopf // ist
Weich
Muss geformt werden.


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Auf dem Marktplatz eine lange Reihe transparenter Telefonzellen. Jede ist eine Perle, die einen Marktschreier umschließt. Ich lege die Kette stummer Angebote um meinen Hals.

Wir begegneten uns zum ersten Mal nackt auf dem Treppenabsatz – ohne Hier und Dort.
Ungehörte Verabredungen. Füreinander unsichtbar.
/ Keine verzweifelte Trivialität der Begegnung – wir begegneten uns, ohne uns zu begegnen.
/ Durchreise. Unsere Leben waren eine Durchreise: Wir durchschritten einander von Treppenabsatz zu Treppenabsatz.
/ An manchen Tagen trug ich einen Hut und du konntest meinen Kopf sehen.

Leise Wassertropfen auf unserer Treppe.
/ Ich verschlucke meine Halskette – ein großer Klumpen stummer Schreie in meiner Kehle.
Und jeden Tag tauche ich von Neuem durch den steigenden See zur Treppe um dich zu durchqueren.


Du bist mein Leben.
Ich bin ein Schatten.



Und dann sehe ich den letzten Treppenabsatz – ein Mahnmal grenzenloser Endlichkeit.
In mir die Marktschreier während ich auf dem Absatz stehe – nicht hier und nicht dort und es ist der letzte.

Du wirst einen Mantel tragen.

Das Wasser aus Glas und ich ein Nothammer.


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Warten

Zu kalt, sagt sie, und geht aus der Tür in den Wald und die Kerze macht dem Wind ein Zeichen.
Ihre Spuren verblassen bevor sie sichtbar werden und jahrelang suche ich sie und nie kann ich sie finden.
Und die Kerze ist längst abgebrannt, nichts von ihr übrig als ein Tropfen mit ihrem Fingerabdruck, der vom vielen Anfassen mein eigener geworden ist.
Zu groß, sage ich, und gehe aus der Tür in den Wald und lasse mein Haus zurück, das vom langen Warten längst ihres geworden ist.


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Der dritte Teil erfreut mit Texten von Johanna Roth.
johanna liest
  johanna liest
auf der Handfläche betrachtet
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Flussmuschelseelen kichern
und eine weiße Riesin
gräbt mitten darin
ihre kalten Zehen
in den Sand.
Das ferne Ufer glimmt
rot hinter den
geschlossenen Lidern.

Einatmen.

Die Gedankenflecken sind
Schmetterlinge nur kurz
im Netz gefangen staunend
auf der Handfläche betrachtet
wieder flattern gelassen.

Und was ich noch behalten möchte:
Ihren Glöckchengang und
dazu das blitzende Grinsen.
Und auch
die zerfurchten Finger mit den
Linien aus Brombeersaft.

Die Grenze der Gegenwart liegt
auf der heißkalten Haut um
die perlmuttene
Mitte des Schneckenhauses
wo das Meer rauscht
sicher sehr fern.



 


konkav II

I

ich bade meine hände in
deiner haut. der duft
lässt sich nicht sanft
ergreifen. meine finger wühlen
sich da hinein. die
schwaden stieben auseinander
einer horde wilder
pferde gleich.

jäh kommt der strudel
und zieht zuerst die hände
dann den arm die schulter
kopfüber mich hinein
in dich. eine wütende
schlacht beginnt durch
blute und wände wo der
atemsturm peitscht.

bis ich endlich ruhig
in der großen halle
deines herzens stehe.
atemlos fange ich deinen
blick.

wie du schaust mit
meinen händen in deiner
brust die dein herz
mit mir darin
vorsichtig zähmen.


II

ich stelle mir vor, du seist tot.
auf dem bett läge dein körper, vielleicht auf der linken seite, dem fenster den rücken kehrend. deine augen wären spiegel, auf deren oberfläche die dinge schwämmen, ohne in sie hinein zu fallen.

wenn ich, die hand an der Tür, auf der schwelle inne hielte, was hätte mich gewarnt? würde ich die abwesenheit des anwesenden spüren und die leise gegenwärtigkeit des fehlens?

später spülten menschen wie gezeiten in den raum, trudelten in strudeln um dein bett, wiegten sich sanft vor und zurück und trügen sich im gleichen augenblick wieder hinaus. in der mitte ruhte dein leib wie ein stein.

eine zeit noch fände ich dich wieder als abdruck in meinen gedanken und als negativ hinter den bildern in den köpfen der anderen.
konkaves sein.




 


Es ist wieder über
uns gekommen
die Zeit der
Nacktschneckenselbstmorde.

Zwischen dichten Regenfäden tanzt
sie auf der Autobahnbrücke
und schreit ihre Lust
laut heraus.

Ein Kinderlachen ein
Spätsommerderwisch ein letzter
funkelnder Blick
huscht.

Mir ist kalt.
I need to do a summersault.

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Den guten Schluss macht Joël Adami, der Wahlwiener.
joel liest
  joel liest
Tollwütige Eichhörnchen und Zeppeline
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Das Zentrum des Universums

Der Zug, in dem ich sitze, atmet leise und und aus. Kaum hörbar sein elektrisches Stöhnen, das unnatürlicher nicht sein könnte und dennoch so vertraut ist.
Es ist kaum zu glauben, wie gut Menschen einem tun können. Noch immer euphorisiert von diesem strahlenden Sommerende, das irgendwo im krächzenden Gebälk zwischen nicht identifizierbaren Bildern in staubigen Rahmen stattfand.

Und da stehst du. In Paris, auf der Défense. Du erwartest gerade zu, dass Alarmsirenen ertönen und die Hochhäuser langsam im Boden versinken. Hier wird dir das Ausmaß deines Sieges erst bewusst. Unwiderruflich ist er, endgültig. Die Kräfte des Guten und Richtigen gegen Alt und Böse. Bisher die höchste Hochwassermarke. Niemand kann dir das nehmen. Hochgefühl. Die Freiheit, das Volk zum Sieg führend. Apotheose, zeitweilige. Jemand sollte deine Heldentaten als Fresko an die Decke einer großen Halle malen!
Alle roten Zeichen sind weggewischt.

Und da stehst du. In dem Tesserakt, diesem Hyperkubus der vierten Dimension. Und du weißt: Dies ist das Zentrum des Universums. Da hoch oben, an der Decke der Grande Arche ist der wahrhaftige Aufhängepunkt für das Pendel.
Die Erkenntnis ist so großartig, dass sie dir erst vier Wochen später bewusst wird. Für einen kurzen Moment atmest du Strings, die drohend glühen und dunkle, graue Äste überall hinsauen.

Es muss doch einen Weg hier raus geben. Zu viel Verwirrung hier. Der kahlköpfige, vietnamesische Weltraumnazi hinter der Theke dieser Waikikibar inmitten von Amsterdam sah uns grinsend an. Er wusste ganz genau, was los war.
Auf der Straßenkarte nur ein einziger Name. Selbst für dieses grinsende Scheusal habe ich im Nachhinein noch Verständnis, gar Mitgefühl. Diese Wanderung war nötig. Sie war die Reise zum Zentrum des Universums, an dem ich eine Woche zuvor gewesen war. Zeit ist nicht stringent, nicht linear. Schon gar nicht in Schwinungsnähe vierdimensionaler Hyperkuben.

Eine weitere Reise. Im Auge des Sturms. Ciao Bella.
Diese Stadt liebt mich. Mir wird bewusst: Es war nicht ich, der Sehnsucht hatte, wie einst nach dem Meer, nach der Sonne, nach Kalkfelsen und Rosmarin, sondern sie, die Stadt, die mich vermisste und mich zu ihr gerufen hatte. Ich sehe: das schönste Mädchen der Welt, Bier aus schenkend.
Dann. Eine Umarmung. Sie. A². Ich fühle nur Verlegenheit, Freude. Ich möchte ihr erzählen von meinen Reisen, aber dazu bleibt keine Zeit.

Wie immer vervollständigt sich die Geschichte erst später.
Wo bleibt der Herbst?



 

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Fensterbrett

Und mit einem Male wird dir klar, wie verdammt leer dein Fensterbrett doch ist.
Durch das offene Fenster kommt der Lärm der Stadt, die draußen vorbeizieht, zusammen mit der Kälte in dein Zimmer. Der Tee, den du gemacht hast, um deinen müden, geschundenen Körper etwas zu beruhigen, ist das einzige Warme. Deine Körpertemperatur hat sich langsam abgesenkt und du musst den Tee langsam trinken, damit du nicht zu schnell wieder auftaust.
In meinem Kopf laufen die letzten Tage (und Nächte) immer wieder ab. Endlosschleife. Mein Orientierungssinn hat mich wieder einmal verlassen und ich stolpere, auch mit Karte, wie ein Blinder durch die Stadt. Was nicht weiter schlimm ist, denn so sieht man auch mal was. Und was könnte schöner sein als eine endlose Aneinanderreihung von Nebengassen. An einer Mauer mitten in der großen Stadt hängt Kunst. Eine Künstlerin hatte die wunderbare Idee, eine Pflanze an die Mauer zu hängen. “Gieß mich!”, steht neben der verdorrten Blume.

Filme in meinem Kopf sind natürlich nie chronologisch. Der Gott der Zeit ist tot.

Eine Woche lang sperrte ich mich in meinem Zimmer ein. Hatte ich doch nun seit Monaten mal wieder einen Schreibtisch, an dem ich sitzen konnte. Sprach’s und spielte ein, zwei alte Echtzeit-Strategiespiele durch, während draußen der Winter wieder kam. Ökonomie ist hinterhältig. Vor allem, weil es doch zur Hälfte aus Psychologie besteht. Vielleicht hilft etwas Küchenpsychologie weiter. Du gehst also in die Küche, kochst dir einen Tee, denkst dabei, dass der Zucker und die Milch fast alle sind und beschließt, einen kleinen Spaziergang zu machen. Blöd nur, dass die Stadt so voller Schnee liegt, dass du nach fünf Minuten völlig durchnässte Füße hast und du dich fast in einen Supermarkt flüchtest. Aus dem Supermarkt wird ein Bücherladen, der aber weder Molche, noch kleine bunte Pillen verkauft. Daheim wieder Tee und kleinere Streitereien mit Herrn Keynes. Als du die Prüfung schreibst, freust du dich, mal wieder unter Menschen zu sein. Schönbrunn ist auch immer einen Besuch wert, wenn die Seepferdchen im Neptunbrunnen nicht gerade als Eis am Stiel verkauft werden. Wir ziehen uns alle eine Blasenentzündung zu und streicheln tollwütige Eichhörnchen.

Es folgen einige weitere Tage, die wesentlich erfreulicher ablaufen. Der Projektor summt in deinem Kopf. Als Abspann eine Reihe von Atombenexplosionen, eine heller als die andere, heller als tausend Sonnen. Bist du wärmer oder der Tee kälter geworden?
Plötzlich ist es dunkel. Es wird immer so schnell dunkel hier, daran werde ich mich nie gewöhnen. Der Tee ist nun endgültig kalt, ich trinke ihn trotzdem.

Auf dem Tisch liegt immer noch das kleine rote Etwas, als schweigende Erinnerung an all das, was war.



 

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Mehr, mehr, mehr, mehr von Joël.


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Kommentare

02.04.2010 08:59
mh
clemens sollte es eher bleiben lassen. aber das weiß er wahrscheinlich selbst, ne?
05.03.2010 14:16
le séducteur français
ich will ein Kind von dir Clemento