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Schwarze Galle auf weißem Grund: ein Versuch über den Unendlichen Spaß
10.03.2010 16:00
Als sich David Foster Wallace am 12. September 2008 in seinem Haus im amerikanischen Claremont mit einem Strick das Leben nahm, lag noch immer keine deutsche Übersetzung für seinen ersten und zugleich gewaltigsten Roman – Infinite Jest – vor. Inzwischen ist das 1996 veröffentlichte Buch in der Übersetzung Ulrich Blumenbachs auch hierzulande erschienen – ein Unendlicher Spaß.
Man möge mir verzeihen, dass auch ich zunächst über Foster Wallaces Freitod spreche anstatt über den Roman, der den englischsprachigen Lesern ja schließlich schon seit Mitte der Neunziger bekannt ist und der für sie nichts mit dem späteren Suizid des Autors verbindet.
Aber für uns deutsche Leser, die es der sechsjährigen Herkulesarbeit des Übersetzers Ulrich Blumenbach verdanken, Infinite Jest endlich als Unendlicher Spaß in der Hand zu haben, ist es im Grunde unmöglich, den Roman nicht vor der Folie des Lebens und Sterbens von David Foster Wallace zu lesen. War doch der Autor selbst Tennisspieler, hochbegabt, studierter Mathematiker, Literaturdozent – alles Aspekte, die auf seinen Roman verweisen – und nicht zuletzt von Depressionen geplagt, deren Erleben in Infinite Jest in einer Art und Weise erzählt wird, die einem – nicht nur angesichts der bekannten Leidensgeschichte des Autors – den Atem verschlägt.
Doch der Reihe nach.
Um mit Infinite Jest vertraut zu werden, darf man nicht den Fehler machen, dem Text mit konventionellem Leseverhalten und Interesse zu begegnen. Es bedarf einer völlig neuen Rezeptionshaltung, die sich neben dem eigentlichen Romantext ebenso auf viele hundert Endnoten bezieht, mit denen Infinite Jest bodenlos vertieft wird. Und nicht zuletzt ist es die Sprache, der man mit Konzentration, intellektueller Schärfe und – auch das sollte nicht unterschlagen werden – einem guten Willen begegnen sollte. Schon auf der ersten Seite ahnt man, bei einem Gespräch zwischen dem 18jährigen Hal Incandenza und Vertretern einer Tennisakademie, mit was man auf den nächsten 1500 Seiten konfrontiert wird, mit welcher Intensität die erzählte Welt (hier aus der Sicht Hals) erfahren wird:
»Ich schlage sorgfältig, so hoffe ich, die Beine übereinander, Knöchel auf Knie, Hände im Schoß der Hose, meine verschränkten Finger sehen aus wie eine Serie des Buchstaben X im Spiegelkabinett. Im Sitzungszimmer sind außerdem: der Literarische Gutachter der Fakultät, der Universitäts-Tennistrainer und der Prorektor Mr A. deLint. C.T. sitzt neben mir; die anderen sitzen bzw. stehen und stehen am Rand meines Gesichtsfeldes.« (1)
C.T., das ist übrigens Charles Tavis, Hals Onkel und nur eine von ungezählten Figuren, die man im Laufe des Romans kennen lernt – und einer von vielen Namen und Begriffen, die oftmals nur in Abkürzungen, Initialien, Koseformen genannt werden. Denn man muss wissen: die Welt, die Infinite Jest erzählt, liebt Abkürzungen!
Und so wird auch die Enfield Tennis Academy, der von Hal und seinen Mitstreitern besuchten Sporthochschule in der Nähe von Boston, in der Regel nur als E.T.A. bezeichnet. Die USA, in der die E.T.A. liegt, hat sich längst mit Mexiko und Kanada zu der so genannten O.N.A.N. (jaja, ein Kalauer auf die Kosten des berüchtigten Samenverderbers), der »Organisation of North American Nations« zusammengeschlossen. US-Präsident Gentle (2) probiert außerdem, das größte innenpolitische Problem des Landes zu lösen, die Müllentsorgung (3), indem er einige Bundesstaaten an Kanada abgetreten hat, um sie gemeinsam mit dem Nachbarn als riesige Müllhalde zu nutzen. Deren Territorium, das aufgrund toxikologischer Gefahren längst eine No-Go-Area ist, wird von den Protagonisten fast ehrfürchtig als »Große Konkavität« bezeichnet.
Wir befinden uns also in einem Amerika, das leicht in die Zukunft versetzt ist. Neben den politischen Veränderungen hat DFW – auch seine Fans lieben Abkürzungen – noch weitere Überraschungen für den Leser parat: So ist z.B. die Jahresfolge des Gregorianischen Kalenders in der O.N.A.N.istischen (4) Welt längst durch den kapitalistischen Wettbewerb begraben worden, die Jahre werden nun an das höchstbietende Unternehmen versteigert und mit einem entsprechenden Produktnamen versehen. Ein Großteil der Handlung ist daher im »Jahr der Inkontinenz-Unterwäsche« angesiedelt (dem übrigens das »Jahr des Glad-Müllsacks« folgt). Damit nicht genug: Es gab auch schon Jahre des »Tuck-Hämorrhoidensalbentuchs« oder der »Milchprodukte aus dem Herzen Amerikas«. Im alltäglichen Sprach- und Schriftgebrauch werden die Titel natürlich abgekürzt, so auch mein persönlicher Favorit: das »J. d. Y. 2007 M.-A.-P.-H.-L.-Z.-I. U. F.I./I. TP-S. F. H., B. o. U [s]«. (5)
Wir als RTL-, PS2-, DVD-, SMS-, CDU- und TV-affine Generation verlieren dabei ja glücklicherweise nicht so schnell den Überblick – und sind sogar erfreut, wenn an anderer Stelle in blumigen Worten dem S.C.H.M.A.Z. gehuldigt wird, das später der L.A.R.V.E. beitritt, also dem »Schönsten Mädchen aller Zeiten« aus der »Liga der Absolut Rüde Verunstalteten und Entstellten«, und fühlen uns an eigene Traditionen, den GRÖFAZ, POTUS und FLOTUS (6), erinnert.
 David Foster Wallace (1962-2008): Schriftsteller, Tennisspieler, Literaturwissenschaftler, Mathematiker, Universalgelehrter. |
In dieser kommerzialisierten Welt hat sich also einiges geändert. Man befindet sich in einer Zukunft – wohlgemerkt in der Zukunftsvision des Jahres 1996, die weder das Internet kennt, noch ein flächendeckendes Mobilfunknetz, geschweige denn Kriege gegen den Terror und den globalen Aufstieg Chinas – und fühlt sich doch als Zeitgenosse der Protagonisten, deren Umwelt vor allem durch eines bestimmt wird: Unterhaltung.
Unterhaltung, das meint nicht Kommunikation, es meint vielmehr passiven Konsum dessen, was wir heute als „Entertainment“ bezeichnen, oder etwas kritischer: als permanente Zerstreuung. Die Figuren in Infinite Jest sind einer monströsen Unterhaltungsmaschinerie ausgesetzt, die ihre gesamte Lebenswirklichkeit vereinnahmt. Es ist aber keineswegs ein Zeitalter der klassischen Massenmedien, unter dem das O.N.A.N.istische Amerika begraben liegt. Das Fernsehen hat sich längst in einen industriellen Komplex verwandelt, der jedem einzelnen Menschen ein individualisiertes Unterhaltungsprogramm liefert, meist in Form so genannter »Patronen«, die jederzeit an einem Teleputer – einem Hybrid von TV und PC – konsumiert werden können.
Eine ebensolche Patrone ist es, die den eigentlichen Kern des Romans ausmacht, die Schnittstelle, von der aus sich die vielen Handlungsstränge – wobei der Begriff der „Handlung“ im Sinne eines Plots wohl reichlich übertrieben ist (7) – entrollen. Die Rede ist von ebenjenem Unendlichen Spaß, einem mysteriösen Film, der von solch atemberaubender Schönheit ist und einen so vollkommenen, ja unendlichen Spaß bereitet, dass sich niemand, der sich diese Patrone einmal angeschaut hat, von diesem Film mehr lösen kann – sodass jeder Zuschauer unweigerlich im Angesicht des Unendlichen Spaßes stirbt, sei es durch Verdursten, Verhungern, durch Totlachen, schlicht durch den Verzicht auf jede Form der existenziellen Bedürfnisbefriedigung.
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Verantwortlicher Regisseur ist James O. Incandenza (8), neben seiner Tätigkeit als »aprésgardistischer« Filmschaffender auch Gründer der E.T.A., die nach seinem Selbstmord von seiner Ehefrau Avril und ihrem Halbbruder C.T. (den kennen wir schon) geleitet wird und zu deren Schüler auch seine Söhne Orin, Hal und Mario gehören. Der überwiegende Teil des Romans spielt also nach dem Tod Incandenzas (der im »Jahr der Dove-Probepackung« starb), dennoch lebt sein filmisches Erbe weiter: So kämpft eine terroristische Separatistengruppe aus Québec, die »Assassins des Fauteuils Rollents« (kurz und prägnant, weil nur unbekannte Buchstabenfolgen flößen Angst ein: A.F.R.) – deren bemerkenswerte Gründungsgeschichte man übrigens erst in der 324. Endnote erfährt – für die Abspaltung der frankophonen Provinz aus der O.N.A.N. und versuchen, Incandenzas tödlichen Film als Waffe gegen die unterhaltungssüchtigen Amerikaner einzusetzen. Das gelänge aber nur, wenn sie in Besitz der Master-Patrone gelangen, des einzigen kopierbaren Exemplars des Unendlichen Spaßes und die Teleputer tausender ‚Endverbraucher’ mit Filmkopien speisen. (Hier nimmt Wallace die Kopierschutz-Diskurse der Musik- und Filmindustrie vorweg. Vielleicht.) Womit sich der Kreis zum zweiten zentralen Handlungsort des Romans schließt: Ennet House, einer Suchtklinik in unmittelbarer Nähe der E.T.A., in der sich Drogenabhängige behandeln lassen, unter anderem auch die bezaubernde Joelle van Dyne, die Muse Incandenzas und Hauptdarstellerin seines Infinite Jest.
Das alles umreißt die aristotelische Trias von Handlung, Ort und Zeit. Über den Unendlichen Spaß gesagt hat all das aber nichts. Man möge mir noch ein zweites Mal verzeihen. Denn Wallace, der laut eigener Aussage vor allem ein „trauriges Buch“ schreiben wollte, ging es ganz offensichtlich – dafür muss man den Roman nicht gelesen haben, es reicht ein Blick auf den voluminösen Buchlaib – um weit mehr.
 Was würde David Foster Wallace, in Amerika seit langem zu Kult und Mythos geworden, eigentlich auf einer einsamen Insel tun? |
Anfangs wurde schon erwähnt, welche dominante Rolle die Sprache spielt, mit welcher Gewalt der Erzähler den Leser zwingt, den Roman mehr als nur zu „lesen“, wie er Satzgebilde über mehrere Seiten baut und sie nicht – und wenn, dann willentlich – einstürzen lässt. Was die Sprache in Infinite Jest jedoch letztlich so einzigartig macht, ist ihre schier grenzenlose Polyphonie, der fliegende Wechsel zwischen sozialen, psychischen und globalen Sphären, von inneren Monologen, über dramatische Reden und politische Debatten hin zu einer Vielzahl von Fachsprachen, die wohl nie zuvor in einem solch gewaltigem Umfang Eingang in die „schöne Literatur“ gefunden haben.
Wallace, das Universalgenie, das Mathematik und Literatur studierte und sich – nicht zuletzt aufgrund seiner eigenen Leidensgeschichte – ein schier enzyklopädisches Wissen in den ‚harten’ Wissenschaften, allen voran der Chemie und der ihr verwandten Pharmazie, angeeignet hatte, lässt den Leser nicht bloß am Innenleben seiner Figuren teilhaben, etwa wenn die Krankengeschichte der depressiven Kate Gompert oder die Drogenexzesse anderer Insassen des Ennet House erzählt werden. Der Erzähler geht noch einen Schritt weiter, er wird – und mit ihm ein aufnahmebereiter Leser – zu einem allwissenden Herrscher über den Text, zu einer Instanz, die die chemischen Substanzen mitsamt korrekter Formeln kennt, über alle Drogen und Medikamente (schwer fällt es, zu unterscheiden), ihre psychosomatischen Wirkungen und sogar die Patentinhaber Bescheid weiß, über die Zusammenhänge der physischen Konstitution eines Menschen und seiner Suchtanfälligkeit, schlicht: über wirklich alles, was im medizinischen oder besser: im toxikologischen Diskurs zu wissen ist.
Das beeindruckt. Das schüchtert aber auch ein als Leser, der sich zwar an der Fülle des Romanstoffs erfreut, aber doch im Text vorangekommen möchte, und nicht unbedingt in seitenlangen Endnoten verharren will, die ihm erklären, dass »Monoaminooxidae-Hemmer eine altehrwürdige Klasse von Antidepressiva / Antixiolytika“ sind, »zu der auch Parnate – Smith Kline Bechams Markenname für Tranylcyclopromin gehört«, wobei »das von Pfizer-Roerig hergestellte Zoloft […] den Wirkstoff Sertralin [enthält], einen Prozac vergleichbaren Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SRI).« (9) Um nur ein Beispiel zu nennen, von wahrlich dutzenden, hunderten. Foucault sprach einmal von unserer »Angst vor der Materialität des Diskurses«. David Foster Wallace hat ihn da wohl wörtlich genommen.
Infinite Jest meint es also ernst, sehr ernst. Denn nur der mit Spezialwissen gesegnete Leser mag vielleicht einschätzen, ob Ironie oder bloße Hochstapelei aus Sätzen spricht, die ein Kapitel mit den Worten « Das organopsychedelische Muscimol, ein Isoxazolderivat der auch als Fliegenpilz bekannten Amanita muscaria [ …] hat den Strukturspitznamen 3-Hydroxy-5-Aminomethyl-Isoxazol, wirkt ab einer oral angenommenen Dosis von Pi mal Daumen 10-20 mg, ist damit zweimal so stark wie Psilocybin und kann folgende Bewusstseinsveränderungen herbeiführen: halbschlafähnliche Trancezustande mit Visionen, Euphorien» (und so weiter und so fort, noch ein paar Zeilen lang) eröffnen. Der Laie ist da längst überzeugt. Doch wozu das Ganze, fragt man sich, wozu diese Expertensprache, diese Fülle an Information, die selbst der aufmerksamste, mit Notizblock und Stift bewaffnete Leser nur kurz behält und unmöglich speichern kann (und will).
Nach ein paar hundert Seiten kennt man die Antwort, nach der Lektüre dieser auf den ersten Blick apokryphen Passagen weiß man es: Man wird Zeuge einer Geburt, der Geburt einer Poesie aus dem Geiste der Pharmakologie, wenig einfallsreich formuliert. Der literarische Text selbst unterzieht sich gewissermaßen einer Rundumuntersuchung, wird durchgecheckt, auf all die Beschwerden abgeklopft, mit der sich Literatur und Literaten von jeher quälen, mit der ungenügenden Metaphorik, die selbst dann noch unzulänglich ist, wenn sie begeistert; mit dem Zwang, Fiktionales statt Realem abzubilden, Figuren statt Menschen; mit der tragischen Gewissheit, dem Unendlichen (der Welt) mit Endlichem – einer begrenzten Anzahl Zeichen, Lauten, Wörtern im festen Rahmen des Papiers – (dem Text) begegnen zu müssen. Nach dieser Rundumuntersuchung, nach der Reinigung – man sollte nicht von Katharsis sprechen – wird die Sprache (10) in Infinite Jest endlich zu dem, was sie schon immer sein wollte: zur wahrhaftigen Realität. Das, was uns David Foster Wallace vorlegt, ist nicht fiktional, nicht im Bewusstsein des Scheiterns ironisch, es ist real, heiter und traurig zugleich, es ist eine vollkommen erklärte und erzählte Welt, nichts bleibt unbeantwortet, weder die Wirkstoffe bestimmter Stoffe, noch technische Finessen des Tennisspiels, winzige biographische Details einzelner Protagonisten oder mathematische Phänomene, deren hoher Abstraktionsgrad im Unendlichen Spaß auf eine erstaunlich lebensnahe Ebene herunter gebrochen wird. Folgende Episode aus den Jugendjahren von James O. Incandenza als bestes Beispiel:
»Im Zuge des Schwalbensprungs traf mein überlanger Arm aber die schwere Eisenstange der Hochintensitätsstehlampe neben dem Bett. […] Im Sturz traf die schwere Eisenstange den Messingknauf der Schranktür und säbelte ihn glatt ab. Der runde Knauf fiel mitsamt dem halben Sechskantbolzen in seinem Inneren mit einem lauten Knall zu Boden und rollte auf ganz eigentümliche Weise herum; das abgesäbelte Ende des Sechskantbolzens blieb stationär, und der runde Knauf rollte auf seinem Kreisumfang um ihn herum, umrundete ihn auf einer sphärischen Umlaufbahn, wobei er zwei vollkommen kreisförmige Rollkurven auf zwei verschiedenen Achsen beschrieb, ein nicht-euklidisches Gebilde auf einer planaren Fläche, d.h. eine Zykloide auf einer Sphäre:
(11)
Das naheliegendste konventionelle Analogon, das mir zur Beschreibung dieser Figur einfiel, war eine Zykloide, L’Hôpitals Lösung für Bernoullis berühmtes Brachistotron-Problem, die Kurve, die ein fester Punkt auf dem Umfang eines über die stetige Fläche rollenden Kreises beschreibt. […] Mir kam der Gedanke, dass die Bewegung des amputierten Knaufs die perfekte Schematisierung des Versuchs darstellte, mit einer an den Boden genagelten Hand Purzelbäume zu schlagen.«
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Es sollte nicht der Eindruck entstehen, Infinite Jest wäre – entgegen seinem Titel, der übrigens einer Hamlet-Sentenz entnommen ist (Wobei ich nicht der Ansicht bin, eine simple Wortgruppe wie »Unendlicher Spaß« dürfe als explizites Shakespeare-Zitat gelten, tut es aber. Auf mich hört halt keiner.) – ein ganz und gar ernstes, trauriges Buch. Es ist, nicht zuletzt gerade wegen seiner zur Schau gestellten Ernsthaftigkeit, seiner (scheinbaren) wissenschaftlichen Exaktheit, so reich an Witz und Humor, sodass man z.B. die ausufernden Beschreibungen des Internatslebens an der E.T.A. als groß angelegte Satire lesen sollte, als Realität gewordene Farce, ebenso die seitenlange Filmographie des verstorbenen J.O.I., eine absurde Aufstellung aller Regiearbeiten des Vatergottes, die Auskunft über sämtliche relevanten und irrelevanten Filme gibt, vom titelgebenden Unendlichen Spaß, Werken wie Das amerikanische Jahrhundert aus der Sicht eines Pflastersteins und Babyfotos berühmter Diktatoren (Kurzbeschreibung: »16 mm; 45 Minuten; schwarz-weiß; Ton. Kinder und Jugendliche imitieren mit Tennisausrüstung ein nahezu unverständliches Atomkriegsszenario vor der realen oder holographischen (?) Kulisse der sabotierten ATHSCME-1900-Atmosphäre-Entsorgungstürme […]«) bis hin zum unveröffentlichten Film Attraktive Männer in kleinen durchkonstruierten Zimmern, in denen jeder Zentimeter Raum mit irrsinniger Effizienz genutzt wird. (12)
Doch das Lachen hält nicht lange an. Oft bleibt es einem im Halse stecken, wenn man bemerkt – und dazu braucht es nicht viel –, wie viel Paranoia sich hinter dem Marken-, Medikamenten-, Drogen- und Kunstfetischismus verbirgt, den die Figuren in Infinite Jest (unfreiwillig) zelebrieren; hinter den hehren sportlichen Zielen der E.T.A.-Schüler, die sich stetig in der Junioren-Rangliste verbessern wollen, um irgendwann einmal Teil der »Show« (so wird im Geiste des Kapitalismus die ATP- bzw. WTA-Tour im O.N.A.N.istischen Amerika genannt (13)) zu werden, hinter den verzweifelten Versuchen der Drogenabhängigen, im Rahmen von unzähligen Gruppentherapien, AA-Treffen und Kalten Entzügen im Ennet House ihr Leben in den Griff zu kriegen, was auch immer „Leben“ und dieser berühmte „Griff“ sein mögen, von denen man so gerne und oft spricht.
Was die Figuren in Infinite Jest allesamt miteinander verbindet ist nicht bloß die Geschichte der ominösen tödlichen Patrone. Hinter dem Dickicht der Alltagsjargons, Fachsprachen, den redundanten wissenschaftlichen Diskursen und politischen Diskussionen, wird im Laufe des Romans etwas sichtbar, das nur schwer zu ertragen ist: die Leere – das nicht zu füllende Vakuum an Identität, eine Lebensmüdigkeit, die David Foster Wallace zum zentralen Inhalt seines Romans gemacht und im (natürlich medizinisch korrekten) Begriff der »Anhedonie« fixiert hat. Oder einfacher gesagt: die alles überlagernde Melancholie.
 »Interessanterweise behandeln die darstellenden Künste […] Anhedonie und innere Leere als hip und cool. Vielleicht ist das Überbleibsel des von der Romantik verklärten Weltschmerzes. Vielleicht liegt es daran, dass der größte Teil der Künste hier von kultivierten, aber schwermütigen älteren Leuten produziert, aber von jüngeren Leuten konsumiert wird, die Kunst nicht einfach nur konsumieren, sondern sie nach Hinweisen darauf absuchen, wie Coolness und Hipness gehen […]« |
Allgegenwärtig ist dieser Geistes- und Seelenzustand, der im Grunde ein gesellschaftlicher ist. Denn eine Welt, wie sie das O.N.A.N.istische Amerika in Infinite Jest darstellt, in der alles auf den Wert einer „Unterhaltung“ reduziert wird, in der der Spaß vorgibt, unendlich zu sein, und somit sämtliche Differenzen aufgehoben sind, trägt diktatorische Züge. Sie macht die Menschen gleich, wirft sie zurück auf ihre ursprünglichen Bedürfnisse, die nur noch von Drogen befriedigt werden können – zumindest vorübergehend. Und so sind Melancholie, Depression, Psychosen und Neurosen nicht nur im Ennet House beheimatet, sondern ebenso in der E.T.A., die nicht zufällig direkt neben der Entzugsklinik angesiedelt ist. (14)
Die Sucht wird somit zum Strukturprinzip der menschlichen Existenz, sei es die Sucht nach Alkohol, nach Kokain oder anderen Rauschgiften, sei es die Sucht nach politischem Exhibitionismus, dem die A.F.R. unterworfen ist, die Sucht nach medialer Unterhaltung oder die Sucht nach sportlichen Erfolgen, die nur kurzfristig eine Antriebslosigkeit verdecken kann, einen Überdruss am Leben, der notwendigerweise in den freiwilligen Tod führt.
Erinnert sei hier an die im Roman nur sporadisch erzählte Geschichte des Eric Clipperton, eines jungen Tennisspielers, dessen einziges Ziel darin besteht, die Nummer 1 der Setzliste zu werden und dafür im wahrsten Sinne um sein Leben spielt. Er schafft es – indem er sich im Vorfeld eines jeden Spiels eine »Glock 17.9 Halbautomatik« an die Schläfe hält und droht, sich bei Matchverlust zu erschießen – und in der Folge jahrelang ungeschlagen bleibt. Und seine Drohung im Moment der Bekanntgabe seiner führenden Ranglistenposition wahr macht.
Erinnert sei auch an den jungen, hochbegabten Hal (wir kennen ihn von der ersten Seite an) – in vielerlei Hinsicht ein Alter ego des Autors –, dessen zerstörerische Melancholie alles auffrisst, was an Lebenswertem wächst:
»Hal selbst hat seit Winzlingstagen kein intensives Innenlebengefühl mehr gehabt; Begriffe wie Lebensfreude oder Wertschätzung sind für ihn wie Variablen in erlesenen Gleichungen, und er kann sie gut genug handhaben, um jedermann zufriedenzustellen bis auf ihn selbst, der da drin ist, als Mensch in seiner eigenen Hülle […]. Eines seiner Probleme mit seiner Moms ist, dass Avril Incandenza ihn als Menschen, und zwar als guten Menschen in- und auswendig zu kennen glaubt, während in ihm, wie Hal weiß, in Wirklichkeit praktisch gar nichts ist. Seine Moms Avril hört ihre eigenen Echos aus ihm heraus, glaubt aber, ihn zu hören, und das gibt Hal das einzige Gefühl, das er seit einiger Zeit bis Oberkante Unterlippe fühlt: Er ist einsam.«
Wenn man solche Sätze liest, wenn man seitenlangen Exkursen zu Treffen der „Anonymen Alkoholiker“ beiwohnt, in denen die Süchtigen über ihre Abstürze, das betäubte Leben mit und das qualvolle Leben ohne Drogen erzählen, wenn man den bedauernswerten Don Gately (abhängig von Demerol (15)) bei seinen Tagträumen und Entzugsdelirien begleitet, muss man inne halten und weiß, dass noch nie zuvor so über Melancholie geschrieben, dass noch nie mit einer solchen Kraft über das Wesen der Depression und Sucht gesprochen wurde.
Das, was in den Stücken der jungen Sarah Kane nur fragmentarisch aufgezeigt wird, das, was Kant, Schopenhauer, Freud und Sartre nur theoretisch über die Nichtigkeit, die Qual, den Ekel und die Unvollkommenheit der menschlichen Existenz sagen konnten, findet bei David Foster Wallace zu einer Sprache, die keine literarischen Grenzen kennt. Nie gerät sie ins Stocken, keine menschliche Regung ist ihr fremd, bleibt ohne poetische Entsprechung.
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Infinite Jest, das große Panorama der menschlichen Psyche, das überbordende Porträt der Konsumgesellschaft, die in einem Film, der wie eine tödliche Droge wirkt, ihre Erlösung sucht, aber nicht zu konsumieren traut, stößt erst an seine Grenzen, wenn es um etwas geht, was den Protagonisten – und wenn wir ehrlich sind, auch uns Lesern – schon längst unbekannt ist: wahre Schönheit. Ein Mitglied des B.U.D. (des »Büros für Unspezifizierte Dienste«, einem Geheimdienst, der verhindern will, dass die A.F.R. in den Besitz der Filmpatrone kommen) spricht an einer Stelle von der »phylogenetischen Angst vor übermenschlicher Schönheit«, die einen beim Anblick von Incandenzas hypnotischem Film ereilt. Und so bleibt ungeklärt, was auf jener Patrone, die, einmal gesehen, in einer endlosen (unendlichen) Wiederholungsschleife laufen wird, wirklich zu sehen ist – außer der Grazie der Joelle van Dyne, die den Erzähler bloß zu einer (zugegeben etwas kruden) Freud’schen Theorie einer »Todes-Mutter« verleitet, die den Kreislauf des Lebens – Gebären und Sterben – bestimmt. (16) Freilich könnte man den Film, abseits dieses philosophischen Versuchs, auch als, ich zitiere: »klassische Illustration der antinomisch schizoiden Funktion jenes Mechanismus des postindustriellen Kapitalismus, dessen Logik die Ware als sterblichkeitsangstverdrängende Flucht präsentiere […]« verstehen. Aha.
Letztendlich spielt es keine Rolle, was der Unendliche Spaß nun genau ist. Wenn wir es wüssten, könnten wir nicht darüber sprechen, wir würden verstummen und sterben. Wallaces Roman zeigt uns, gerade weil ihm sonst fast alles gelingt, was er nicht kann, was keine Literatur und Sprache vermag, was wir Menschen nicht können und niemals können werden: das Schöne erkennen und etwas darüber sagen. James O. Incandenza war ganz nah dran – und hat es nicht ertragen können. Sein letzter Film war wohl das, was Schönheit ist: tödlich. Und zwang ihn, den Kopf in eine Mikrowelle zu stecken. (17)
David Foster Wallace hat mit Infinite Jest einen Roman geschrieben, der weit mehr als ein Pamphlet gegen die westliche Konsum- und Markengesellschaft ist. Infinite Jest ist ein letztes großes Aufbäumen, gegen das, was Wallace den »hippen Zynismus« nennt, gegen die universale Ironie, den großen Gleichmacher unserer Zeit. Er hat damit ein Werk geschaffen, das uns Lesern das Lesen lehrt und damit das Unterscheiden, das Differenzieren; ein Werk, das in der Weltliteratur ohne jedes Beispiel ist.
David Foster Wallace hat mit dem Unendlichen Spaß, mit der komplexen wie trivialen Größe des Romans, mit seiner gewaltigen Sprache, die das Heitere wie Traurige in tausend Farben malt, der Belletristik, den „schönen Buchstaben“ einen wahrhaft neuen Wert gegeben.
Und damit ist alles gesagt.
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Anmerkungen und Errata:
(1) Verstanden?
(2) Bekannter Schnulzier.
(3) Erstaunlich, wie selten z.B. in der deutschen Literatur das Thema „Müll“ behandelt wird. Und dabei ist gerade der Müll das vielleicht signifikanteste Phänomen der modernen Zeiten. Die amerikanischen Autoren, nicht zuletzt Foster Wallace, Pynchon und DeLillo, haben das schon vor Jahrzehnten erkannt. So sind DeLillos Weißes Rauschen und Unterwelt im Grunde vor allem eines (im besseren Sinne): Müllromane. Ähnlich auch Infinite Jest, das noch mehr Parallelen zum Werk DeLillos aufweist: neben der Faszination für den Müll auch die für Filme. So stehen bei DeLillo in Bluthunde und Unterwelt jeweils (fiktive) Filme von ‚real’ existierenden Regisseuren (Hitler bzw. Eisenstein) im Mittelpunkt, im Unendlichen Spaß ebenso. Dazu später mehr.
(4) Kein sic!
(5) Nichts Geringeres als das »Jahr des Yushityu 2007 Mimetische-Auflösungs-Patronensicht-Hauptplatine-Leicht-Zu-Installieren Upgrades Für Infernatron/InterLace TP-Systeme Für Heim, Büro oder Unterwegs [sic]«.
(6) Für alle nichts ahnenden Leser: Größter Feldherr aller Zeiten, President of the United States, First Lady of the United States.
(7) Freiherr von und zu Guttenberg würde wohl nur von »handlungs-« bzw. »romanähnlichen Zuständen« sprechen.
(8) Da haben wir sie wieder, diese Initialien: J.O.I., welches Glück! Nicht nur das Glück ist er, Gott ist er auch noch, seine Kinder sprechen, wenn sie von ihm reden, immer nur von »Ihm Selbst«.
(9) Angaben ohne Gewähr. Nachzulesen auf Seite 1426 bzw. in Endnote 28.
(10) Es ist wie gesagt nicht nur eine Sprache, die im Roman zu Wort kommt. Es ist ein wahres Orchester verschiedener Stimmen, die reinste Polyphonie, es steht die Apothekersprache neben dem Ghettoslang der amerikanischen Ostküste, dem Jargon von Filmschaffenden und nicht zu vergessen dem Französisch der Québecois, durchsetzt von Idiomen, die wohl nur ein französisches Ohr zu hören vermag. (David Foster Wallace war zwar Amerikaner, offensichtlich jedoch einer mit französischen Ohren, kaum zu glauben.)
(11) An dieser Stelle ist im Roman eine Graphik abgebildet, die die theoretischen Überlegungen Jims nachvollziehbar darstellt. Wer sich näher dafür interessiert, schlage doch bitte Seite 725 auf oder schaue sich ausführliche Abhandlungen zu dieser Problematik an, etwa hier, hier oder auch dort.
(12) Ob Walter Moers Wallaces Roman schon in den 90er-Jahren gelesen hat, weiß ich nicht. Die Filmographie des James O. Incandenza nimmt jedenfalls all das voraus, was Moers in seiner grandiosen Biographie des zamonischen Dichters Hildegunst von Mythenmetz verarbeitet hat.
(13) Als Infinite Jest entstand, war jener Tennisspieler, der diesen Sport – auch zur Freude von David Foster Wallace – in neue Sphären katapultierte, noch nicht Teil der »Show«. Gemeint ist natürlich Roger Federer, über den sich DFW im Jahr 2006 in einem gewaltigen Aufsatz für die New York Times als »religiöse Erfahrung« äußerte. Schau hier.
(14) Und nahezu alle Schüler der E.T.A., allen voran Hal Incandenza, sind drogenabhängig.
(15) Keine Ahnung.
(16) So tritt Joelle van Dyne in J.O.I.s Film als mütterliche Figur auf, die zugleich – für den Zuschauer – eine Todesgöttin ist. Diese bildet alle Mütter ab, die »obsessiv seien, so verzehrend und getrieben und dabei voller narzisstischer Liebe zu einem, ihrem Kind: Mütter versuchten verzweifelt, einen Mord wiedergutzumachen, an den sich niemand erinnern könne.« Was das S.C.H.M.A.Z. noch freudscher macht, ist, dass sie zwar mit J.O.I. zusammenarbeitet, derweil aber ein Liebesverhältnis zu seinem ältesten Sohn Orin unterhält (der wiederum ein gestörtes Verhältnis zum eigenen Vater hat). Naja.
(17) Jaja, »das Schöne ist nur des Schrecklichen Anfang«, sagte Rilke einmal. Wir sollten es also dabei belassen, mehr können wir nicht sagen. Und sollten nun endlich, im Angesicht der Schönheit des Unendlichen Spaßes, in aller Bescheidenheit: verstummen ––
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