Schwarze Galle auf weißem Grund: ein Versuch über den Unendlichen Spaß

geposted von ole
10.03.2010 16:00
Als sich David Foster Wallace am 12. September 2008 in seinem Haus im amerikanischen Claremont mit einem Strick das Leben nahm, lag noch immer keine deutsche Übersetzung für seinen ersten und zugleich gewaltigsten Roman – Infinite Jest – vor. Inzwischen ist das 1996 veröffentlichte Buch in der Übersetzung Ulrich Blumenbachs auch hierzulande erschienen – ein Unendlicher Spaß.

 
Man möge mir verzeihen, dass auch ich zunächst über Foster Wallaces Freitod spreche anstatt über den Roman, der den englischsprachigen Lesern ja schließlich schon seit Mitte der Neunziger bekannt ist und der für sie nichts mit dem späteren Suizid des Autors verbindet.
Aber für uns deutsche Leser, die es der sechsjährigen Herkulesarbeit des Übersetzers Ulrich Blumenbach verdanken, Infinite Jest endlich als Unendlicher Spaß in der Hand zu haben, ist es im Grunde unmöglich, den Roman nicht vor der Folie des Lebens und Sterbens von David Foster Wallace zu lesen. War doch der Autor selbst Tennisspieler, hochbegabt, studierter Mathematiker, Literaturdozent – alles Aspekte, die auf seinen Roman verweisen – und nicht zuletzt von Depressionen geplagt, deren Erleben in Infinite Jest in einer Art und Weise erzählt wird, die einem – nicht nur angesichts der bekannten Leidensgeschichte des Autors – den Atem verschlägt.

Doch der Reihe nach.

Um mit Infinite Jest vertraut zu werden, darf man nicht den Fehler machen, dem Text mit konventionellem Leseverhalten und Interesse zu begegnen. Es bedarf einer völlig neuen Rezeptionshaltung, die sich neben dem eigentlichen Romantext ebenso auf viele hundert Endnoten bezieht, mit denen Infinite Jest bodenlos vertieft wird. Und nicht zuletzt ist es die Sprache, der man mit Konzentration, intellektueller Schärfe und – auch das sollte nicht unterschlagen werden – einem guten Willen begegnen sollte. Schon auf der ersten Seite ahnt man, bei einem Gespräch zwischen dem 18jährigen Hal Incandenza und Vertretern einer Tennisakademie, mit was man auf den nächsten 1500 Seiten konfrontiert wird, mit welcher Intensität die erzählte Welt (hier aus der Sicht Hals) erfahren wird:

»Ich schlage sorgfältig, so hoffe ich, die Beine übereinander, Knöchel auf Knie, Hände im Schoß der Hose, meine verschränkten Finger sehen aus wie eine Serie des Buchstaben X im Spiegelkabinett. Im Sitzungszimmer sind außerdem: der Literarische Gutachter der Fakultät, der Universitäts-Tennistrainer und der Prorektor Mr A. deLint. C.T. sitzt neben mir; die anderen sitzen bzw. stehen und stehen am Rand meines Gesichtsfeldes.« (1)

C.T., das ist übrigens Charles Tavis, Hals Onkel und nur eine von ungezählten Figuren, die man im Laufe des Romans kennen lernt – und einer von vielen Namen und Begriffen, die oftmals nur in Abkürzungen, Initialien, Koseformen genannt werden. Denn man muss wissen: die Welt, die Infinite Jest erzählt, liebt Abkürzungen!
Und so wird auch die Enfield Tennis Academy, der von Hal und seinen Mitstreitern besuchten Sporthochschule in der Nähe von Boston, in der Regel nur als E.T.A. bezeichnet. Die USA, in der die E.T.A. liegt, hat sich längst mit Mexiko und Kanada zu der so genannten O.N.A.N. (jaja, ein Kalauer auf die Kosten des berüchtigten Samenverderbers), der »Organisation of North American Nations« zusammengeschlossen. US-Präsident Gentle (2) probiert außerdem, das größte innenpolitische Problem des Landes zu lösen, die Müllentsorgung (3), indem er einige Bundesstaaten an Kanada abgetreten hat, um sie gemeinsam mit dem Nachbarn als riesige Müllhalde zu nutzen. Deren Territorium, das aufgrund toxikologischer Gefahren längst eine No-Go-Area ist, wird von den Protagonisten fast ehrfürchtig als »Große Konkavität« bezeichnet.
Wir befinden uns also in einem Amerika, das leicht in die Zukunft versetzt ist. Neben den politischen Veränderungen hat DFW – auch seine Fans lieben Abkürzungen – noch weitere Überraschungen für den Leser parat: So ist z.B. die Jahresfolge des Gregorianischen Kalenders in der O.N.A.N.istischen (4) Welt längst durch den kapitalistischen Wettbewerb begraben worden, die Jahre werden nun an das höchstbietende Unternehmen versteigert und mit einem entsprechenden Produktnamen versehen. Ein Großteil der Handlung ist daher im »Jahr der Inkontinenz-Unterwäsche« angesiedelt (dem übrigens das »Jahr des Glad-Müllsacks« folgt). Damit nicht genug: Es gab auch schon Jahre des »Tuck-Hämorrhoidensalbentuchs« oder der »Milchprodukte aus dem Herzen Amerikas«. Im alltäglichen Sprach- und Schriftgebrauch werden die Titel natürlich abgekürzt, so auch mein persönlicher Favorit: das »J. d. Y. 2007 M.-A.-P.-H.-L.-Z.-I. U. F.I./I. TP-S. F. H., B. o. U [s]«. (5)
Wir als RTL-, PS2-, DVD-, SMS-, CDU- und TV-affine Generation verlieren dabei ja glücklicherweise nicht so schnell den Überblick – und sind sogar erfreut, wenn an anderer Stelle in blumigen Worten dem S.C.H.M.A.Z. gehuldigt wird, das später der L.A.R.V.E. beitritt, also dem »Schönsten Mädchen aller Zeiten« aus der »Liga der Absolut Rüde Verunstalteten und Entstellten«, und fühlen uns an eigene Traditionen, den GRÖFAZ, POTUS und FLOTUS (6), erinnert.

  David Foster Wallace (1962-2008): Schriftsteller, Tennisspieler, Literaturwissenschaftler, Mathematiker, Universalgelehrter.

In dieser kommerzialisierten Welt hat sich also einiges geändert. Man befindet sich in einer Zukunft – wohlgemerkt in der Zukunftsvision des Jahres 1996, die weder das Internet kennt, noch ein flächendeckendes Mobilfunknetz, geschweige denn Kriege gegen den Terror und den globalen Aufstieg Chinas – und fühlt sich doch als Zeitgenosse der Protagonisten, deren Umwelt vor allem durch eines bestimmt wird: Unterhaltung.
Unterhaltung, das meint nicht Kommunikation, es meint vielmehr passiven Konsum dessen, was wir heute als „Entertainment“ bezeichnen, oder etwas kritischer: als permanente Zerstreuung. Die Figuren in Infinite Jest sind einer monströsen Unterhaltungsmaschinerie ausgesetzt, die ihre gesamte Lebenswirklichkeit vereinnahmt. Es ist aber keineswegs ein Zeitalter der klassischen Massenmedien, unter dem das O.N.A.N.istische Amerika begraben liegt. Das Fernsehen hat sich längst in einen industriellen Komplex verwandelt, der jedem einzelnen Menschen ein individualisiertes Unterhaltungsprogramm liefert, meist in Form so genannter »Patronen«, die jederzeit an einem Teleputer – einem Hybrid von TV und PC – konsumiert werden können.
Eine ebensolche Patrone ist es, die den eigentlichen Kern des Romans ausmacht, die Schnittstelle, von der aus sich die vielen Handlungsstränge – wobei der Begriff der „Handlung“ im Sinne eines Plots wohl reichlich übertrieben ist (7) – entrollen. Die Rede ist von ebenjenem Unendlichen Spaß, einem mysteriösen Film, der von solch atemberaubender Schönheit ist und einen so vollkommenen, ja unendlichen Spaß bereitet, dass sich niemand, der sich diese Patrone einmal angeschaut hat, von diesem Film mehr lösen kann – sodass jeder Zuschauer unweigerlich im Angesicht des Unendlichen Spaßes stirbt, sei es durch Verdursten, Verhungern, durch Totlachen, schlicht durch den Verzicht auf jede Form der existenziellen Bedürfnisbefriedigung.





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