Banana Yoshimotos Parallelwelten in "Mein Körper weiß alles"

geposted von clemens
03.05.2010 06:06
Zeitgenössische japanische Literatur in Deutschland? Haruki Murakami, ja klar! Aber Banana Yoshimoto? Banana? Klingt nach Pop-Literatur – ist es aber nur im weitesten Sinne. Eher Murakami-ähnliche Zweiweltlichkeit der literarischen Postmoderne Japans.


  Von Blumen und Fremden
Warum denn nun Banana? Benannt nach der roten Blüte der bijinsho (red banana flower)? Oder weil sich Banana dem potentiellen Käufer in Europa besser einprägt? ($$$)? Ein Schelm, wer solches denkt. Aber man liest ja, auch Murakami fahre einen Ferrari. Jedenfalls heißt Banana mit bürgerlichem Namen Mahoko Yoshimoto, schloss ihr Studium der Literatur im Jahr 1986 ab und veröffentlichte postwendend ihre Abschlussarbeit „Moonlight Shadow“. Ein Jahr zuvor war Haruki Murakamis „Hard-Boiled Wonderland and the End of the World“ erschienen – das beste Buch des Autors. Spätestens seit diesem Werk hatte die Schreibe einer Zweiweltlichkeit (Welt – Parallelwelt) der zeitgenössischen japanischen Fiktion ein neues Idol.

Ob sie sich dieses zum Vorbild nahm oder nicht, in Yoshimotos kurzem Erstling (rund 40 Seiten) taucht die Ich-Erzählerin Satsuki ebenfalls in eine Parallelwelt ein. Durch einen Verkehrsunfall hat sie ihren Freund verloren und trifft an einem Fluss auf eine mysteriöse Frau, mit der sie ihren Tee teilt. Zum Dank erzählt die Fremde ihr von einer unglaublichen Vision.

Die Mangelerfahrungen vieler Protagonisten bei Banana Yoshimoto (meist der Verlust einer geliebten Person) lassen Traumwelten entstehen, aus deren Rätselhaftigkeit auch Murakamis Prosa ihre Anziehungskraft schöpft. Bei der Erinnerung an die verlorene Vergangenheit (beispielsweise die gemeinsame Zeit mit dem Freund) entsteht ein „nostalgisches Bild“, welches der Protagonist sich so sehr erträumt, dass es seine Zukunft bestimmt. Psychoanalytisch erklärt, entsteht eine literarische Traumwelt, in der „Vergangenes, Gegenwärtiges, Zukünftiges wie an der Schnur des durchlaufenden Wunsches aneinandergereiht“ wird.

Doch weg von der Theorie und zurück zu Yoshimotos Prosa. „Moonlight Shadow“, also ein positiver Ausrutscher einer 22jährigen, ein verfrühter Griff nach den Sternen des Literatur-Olymps? Mitnichten. Ein Jahr später folgt ihr Bestseller „Kitchen“, der über 60 mal neu aufgelegt wird und dem gleichnamigen Hippster-Film von Yim Ho zu Grunde liegt. Kitchen ist eine ungewöhnliche Liebes-Geschichte Mikages, die erst ihre Eltern, dann ihre Großmutter verliert und schließlich von der Transsexuellen Mutter Eriko und ihrem Sohn Yuichi aufgenommen wird.



„Mein Körper weiß alles“ (Diogenes Verlag, übersetzt von Annelie Ortmanns und Thomas Eggenberg) heißt das neueste in Deutschland kürzlich erschienene Werk der japanischen Autorin. In 13 Kurzgeschichten geht es um Frauen im Alter zwischen 20 und 40 Jahren. Die Protagonisten erfahren wieder die Yoshimoto-typische Mangelerfahrung und versuchen sie, so gut es geht zu bewältigen. Dabei führt die Selbstbesinnung als heilsames Moment zum Happy End des narrativen Lebensweges der Figuren. In der Erzählung „Der grüne Daumen“ steht die Protagonistin wieder mit einem Bein in einer anderen Welt, in der die Aloe-Vera-Pflanze (nostalgisches Bild) eine Verbindung zu der kürzlich gestorbenen Großmutter (Mangelerfahrung) ermöglicht.

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