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Im Besitz der verlorenen Zeit
11.07.2010 12:00
Was Javier Marías seit nunmehr drei Jahrzehnten betreibt, ist nichts anderes als professioneller Verrat an seinen eigenen Überzeugungen. Lehrt er uns doch wie kein zweiter Erzähler, dass Erzählen auch immer Lügen, Täuschen, Verraten ist. Zum Glück hat er diese Schwäche, die uns – endlich – den dritten Teil seines großen Romanepos Dein Gesicht morgen beschert.
 Fieber und Lanze und Tanz und Traum und Gift und Schatten und Abschied: die Trilogie ist nun auch in deutscher Übersetzung vollendet. © Klett-Cotta |
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Uns Nachgeborene, die wir den Kalten Krieg nur aus den Erzählungen unserer Ahnen, aus Büchern, James-Bond-Filmen und von touristischen Hot Spots Berlin kennen, umweht dieser Tage ein Hauch von Geschichte. Der Austausch von amerikanischen und russischen Agenten auf dem Wiener Flughafen am vergangenen Freitag rückt in diesen Wochen eine Berufsgruppe zurück in das öffentliche Licht, die ansonsten ein Dasein an der gesellschaftlichen Peripherie fristet: die des Spions.
Dass sich vor allem hierzulande die Faszination für die investigativen Mitarbeiter eines Geheimdienstes sehr in Grenzen hält – etwa im Vergleich zur kulturindustriellen Durchdringung der Geheimdienste in den USA und Großbritannien – mag ein spezifisch deutsches Phänomen sein. Schließlich hat die Bundesrepublik in den letzten Jahrzehnten weder einen namhaften Agenten hervorgebracht – sei es in der politischen Realität, sei es in der Kriminalliteratur oder als filmisches Pedant zu James Bond –, noch gab es spektakuläre Einsätze deutscher Spione, die mit dem geheimdienstlichen Kräftemessen der Großmächte USA und Sowjetunion mithalten konnten. Und wer seinem Geheimdienst einen euphemistischen wie banal-langweiligen Namen wie »Bundesnachrichtendienst« gibt, braucht sich nicht zu wundern, wenn niemand so recht etwas mit Spionen, Agenten und Spitzeln anfangen kann.
Apropos Spitzel: wäre da noch die DDR. Es gab zwar Günter Guillaume, und seit einiger Zeit auch Karl-Heinz Kurras, doch ist es vor allem die ausufernde Mitarbeiterliste des MfS, die endgültig jenes elitär-geheimnisvolle Flair zerstört, das ein Geheimdienst braucht, um die Menschen vor Ehrfurcht und Faszination in seinen Bann schlagen zu lassen. Und ein alter Mann, der Karl-Heinz heißt, sei sein Handeln noch so wichtig für die deutsche Geschichte, ändert daran auch nichts mehr.
 Cold War Kids: Russische Agenten vor einem US-amerikanischen Gericht. © faz.net |
Wen dieser Tage, im Zeitalter Obamas und der jüngsten Kalter-Krieg-Szenarien, aber erneut die Begeisterung für Geheimdienste, Spione und gefährliche Auslandseinsätze gepackt hat, braucht jedoch nicht die Lebensgeschichte von Jaime Deza lesen, jenem Protagonisten aus Javier Marías’ Romantrilogie Dein Gesicht morgen. (Dies ist aber der wirklich einzige Einwand, den man gegen die Lektüre dieses Buches erheben kann, wenn man nicht gerade Fan von John Le Carré und Ian Fleming ist.) Nachdem 2004 der erste Teil der Trilogie, Fieber und Lanze, und 2006 die Fortsetzung Tanz und Traum erschien, musste der deutschsprachige Leser geschlagene vier Jahre warten, ehe der abschließende Band von Dein Gesicht morgen endlich seinen Weg in die hiesigen Buchläden gefunden hat.
Wie in allen anderen seiner dutzend Romane geht es Javier Marías auch in Dein Gesicht morgen nicht um das, was man mithin als »Handlung« bezeichnen würde (welcher Autor, der etwas auf sich hält, würde sich heutzutage noch für so etwas interessieren). Die Geschichte von Jaime Deza, einem vom MI6 angeheuerten Oxford-Dozenten, der die Gabe besitzt, im Gesicht eines Menschen dessen zukünftige Handlungen und Entscheidungen zu erkennen (das »Gesicht morgen«), ist nur bloße Folie, auf der der Romancier Marías vor allem eines tut: über sein eigenes Handwerk, das Schreiben und Erzählen, zu meditieren. Und so wird man, sobald man Gift und Schatten und Abschied aufschlägt, mit der Frage konfrontiert, warum man Marías’ Erzähler überhaupt zuhören will, die, wie schon in seinen älteren Romanen, im Grunde nur darüber reflektieren, dass ihr Erzählen nichts anderes ist als Lügen, Verschweigen, Täuschen, ja vielleicht sogar Töten. Bei Marías klingt das freilich eloquenter – wie die ersten Sätze von Fieber und Lanze zeigen:
»Man sollte niemals etwas erzählen noch Angaben machen oder Geschichten beisteuern oder Anlaß dazu geben, daß die Leute sich an Menschen erinnern, die niemals existiert, die niemals ihren Fuß auf die Erde gesetzt oder die Welt durchschritten haben oder wohl gewesen sind, aber sich bereits halbwegs in Sicherheit befanden im unvollkommenen, ungewissen Vergessen. Erzählen ist fast immer ein Geschenk, sogar wenn die Erzählung Gift enthält und einträufelt, es ist auch ein Band und ein Vertrauensbeweis, und selten ist das Vertrauen, das nicht früher oder später verraten wird, selten das Band, das sich nicht verwickelt oder verknotet, und so drückt es am Ende, und man muß das Messer oder die Schneide ziehen, um es zu durchtrennen.«
Er tut es trotzdem. Er erzählt. Jaime Deza erzählt uns seine Geschichte, deren Anfang wir schon kennen: ist jener Deza doch der einst namenlose Erzähler aus Marías’ frühem Meisterwerk Alle Seelen (unvergessen das im Roman geschilderte »High Table Dinner«, die vielleicht subtilste und beste Romanpassage, die in den letzten 30 Jahren überhaupt geschrieben wurde), der von den mysteriösen Geschehnisse am All Souls College in Oxford erzählt, um seinen toten Freunden die letzte Ehre zu erweisen ( »Zwei der drei sind gestorben, seit ich Oxford verlassen habe, und das bringt mich auf den abergläubischen Gedanken, daß sie vielleicht gewartet haben, bis ich kam und meine Zeit dort zubrachte, um mir Gelegenheit zu geben, sie kennenzulernen und jetzt von ihnen zu sprechen.«).
 Javier Marías mit seinem Vater Julian, einem bekannten spanischen Philosophen und Widerstandskämpfer, dem er in Dein Gesicht morgen ein literarisches Denkmal setzt. |
Am Ende von Alle Seelen verlässt Deza Oxford und kehrt zurück nach Spanien. Deza knüpft in Dein Gesicht morgen erneut dort an, erzählt von seiner Rekrutierung durch den MI6, seinem Leben zwischen London und Madrid, seiner gescheiterten Ehe, die im letzten Teil der Trilogie endgültig in den Mittelpunkt des Geschehens rückt. Als Spion des MI6 wohnt er Verhören bei, reist mit seinem Chef, dem geheimnisvollen Tupra, quer durch Europa, um Gesichter zu beobachten, Gefahren abzuwägen, Menschen einzuschätzen, Urteile über deren »Gesichter morgen« abzugeben. Deza, der Literaturdozent aus Oxford, ist umgeben von Lüge und Misstrauen, ist darauf gepolt, in Sprache vor allem ein Werkzeug des Verrats zu sehen, ein Gift, das sich Menschen gegenseitig injizieren, wenn sie miteinander und vor allem übereinander reden.
In Tanz und Traum wird Jaime Deza selbst Opfer jenes Gifts. Er wird eines Abends auf der Behindertentoilette einer Londoner Disco Zeuge einer brutalen Attacke seines Vorgesetzten Tupra, der einen spanischen Diplomaten ohne nennenswerten Grund mit einem Schwert bedroht und erniedrigt – und sich Deza, ohne einzuschreiten, an der archaischen Gewalt ergötzt. Nachdem er noch am gleichen Abend in Tupras Wohnung gezwungen wird, Videos anzuschauen, in denen berühmte Personen mit Hilfe des MI6 foltern, morden und massakrieren, wird Deza gezwungen, sein eigenes »Gesicht morgen« zu überdenken (schon Mein Herz so weiß, Marías’ berühmtester Roman, beginnt mit der Einsicht, sich nicht gegen Bilder, Berichte, Erzählungen, die wie Gift wirken, wehren zu können, dass man nicht weghören, nicht wegschauen kann: »Ich wollte es nicht wissen, aber ich habe es erfahren, daß eines der Mädchen, als es kein Mädchen war, kurz nach der Rückkehr von einer Hochzeitsreise das Badezimmer betrat, sich vor den Spiegel stellte, die Bluse aufknöpfte, den Büstenhalter auszog und mit der Mündung der Pistole ihres eigenen Vaters, der sich mit einem Teil der Familie und drei Gästen im Eßzimmer befand, ihr Herz suchte.«).
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Nicht zuletzt deshalb entschließt sich Deza, eine berufliche Auszeit zu nehmen, er fliegt zu seiner Frau, die getrennt von ihm und mit den Kindern in Madrid wohnt. In Madrid entfaltet sich nun das Gift, Jaime Deza begegnet, auch das ist typisch Marías, den Abgründen seiner eigenen Psyche, begegnet Eifersucht und Misstrauen, die sich auf seine Ehefrau und ihren neuen Liebhaber, den Maler Custardoy (auch ihn kennen wir schon, als mysteriösen Fremden in Mein Herz so weiß ebenso wie aus der kurzen Erzählung Unvollendete Gestalten aus dem Band Als ich sterblich war. Auch sie beginnt mit dem selbstreflexiven Zweifel des Erzählers: »Ich weiß nicht, ob ich erzählen soll, was Custardoy kürzlich passiert ist. Soviel ich weiß, war es das einzige Mal, daß er Skrupel hatte, oder vielleicht war es Mitleid. Naja, ich werde es tun.«) richtet. Gift, das ist auch eine Gabe, so im Englischen, und mit seiner Gabe eines erfahrenen Spions, eines Menschenkenners im besten Sinne, entwickelt sich eine virtuose Spurensuche, die letztendlich zu einer Spiegelung der Ereignisse führt: Deza macht Custardoy in Madrid ausfindig, auch er hat nun ein Schwert bei sich wie Tupra in Tanz und Traum, auch er greift einen hilflosen, unschuldigen Menschen an, wie es schon auf dem Behinderten-WC der Fall war.
Diese beiden virtuos miteinander verknüpften Szenen, zunächst im Sanitärbereich der Edel-Diskothek (meines Erachtens die einzige Passage der Höhengratliteratur, die ohne atmosphärische Störungen auf einer öffentlichen Toilette spielt, und das über hunderte Seiten), später in der Wohnung des Liebhabers, vereinen nicht nur das archaische Moment der Gewalt, das auf dem Grund aller menschlicher Begegnungen liegt. Sie bilden zudem das Herz der Romantrilogie, in der Javier Marías etwas zur Perfektion bringt, was er schon in den Shakespeare-Romanen Mein Herz so weiß und Morgen in der Schlacht denk an mich, oder auch im frühen Werk Der Gefühlsmensch so grandios beherrscht hat: die Inbesitznahme der verlorenen Zeit.
 Krieg als unterbrochene Erzählung, als Ende des »Careless Talk«, Sprache als Gefahr, Feind und Waffe. Wie Propaganda-Plakate aus dem Zweiten Weltkrieg zeigen: Dein Gesicht morgen, S. 592. |
Gemeint ist nicht die Lebenszeit, die gleichzeitig gewonnen und verloren wird, gemeint sind nicht die Erinnerungen einer unwiderruflich verlorenen Zeit, auf deren Suche man sich macht, indem man schreibt und schreibt und schreibt. Es ist jene verlorene Zeit, die unterhalb ebenjener physikalischen Zeit lagert, nach deren Maßgaben unser heutiges Leben ausgerichtet ist – und die dem Vermögen des menschlichen Geistes, Zeit wahrzunehmen, völlig zuwiderläuft. Und genau in jener Möglichkeit der Literatur, die Gesetze des Erinnerns und der physikalischen Zeit außer Kraft zu setzen, den Augenblick still zu stellen, ihn quasi endlos verweilen zu lassen, liegt das Besondere an Javier Marías’ Werken. Dezas Erzählung ist, so im Falle von Tupras Schwertangriff, der alles in allem nur 15 Minuten dauert und doch über hundert Romanseiten füllt, nicht eine Erinnerung – und somit unvollständig –, sie ist geronnene, verdichtete Zeit: alles wird erinnert, kein Satz, kein Name, kein Gesicht wird vergessen, jede Geste Tupras, jeder Gedanke Dezas, jede Perle Angstschweiß auf dem Gesicht des spanischen Diplomaten wird beschrieben. Und so dehnt sich ein einziger Moment in alle Richtungen aus, wird über viele, viele Seiten minutiös (oder sekundiös?) beleuchtet, die Zeit, die im Augenblick des Geschehens verloren geht, wieder gewonnen, in Sätzen, Schwarz auf Weiß festgehalten, in Besitz genommen.
All das beschränkt sich dabei keinesfalls auf das Leben und Denken Jaime Dezas und anderer Figuren in Dein Gesicht morgen. Im letzten Teil der Trilogie, in Gift und Schatten und Abschied greift diese Form der Inbesitznahme auch auf Marias’ Gesamtwerk über. Nicht nur, dass die Verbindungen zu Alle Seelen im Laufe der Erzählung immer deutlicher werden; sichtbar werden vor allem die unzähligen Zitate und Verweise auf nahezu jeden früheren Roman Marías’, deren Worte und Gesten ebenfalls nicht vergessen wurden, sondern zum wiederholten Male aufgegriffen und erzählt werden: die Konflikte und Intrigen, die wir nach Mein Herz so weiß und Alle Seelen für schon längst abgeschlossen hielten, kehren in Dein Gesicht morgen zurück, werden erneut erzählt. Und ein weiteres Mal erzählt werden heißt: ein zweites Mal getäuscht, verraten, gelogen werden. Wir befinden uns schließlich in der Welt der Spione, der geheimen Dossiers und Videos, in der Welt der Geheimdienste, deren schärfste Waffe und zugleich schärfster Gegner die Sprache ist, das Erzählen.
Dein Gesicht morgen, das monumentale, über 1600 Seiten starke Romanepos ist also nur auf der äußersten Oberfläche ein Spionage-Roman. Zwar hat auch Jaime Deza als MI6-Spion mehrere Namen, manchmal heißt er Jack, ein ander Mal Jacobo oder Jacques, ähnlich wie Tupra oder andere Figuren, deren Identität dem Genre gemäß geheimnisvoll sind, doch sprengt Marías mit seinen breit angelegten Meditationen konventionelle Romanformen und Genres. Javier Marías gelingt es, wie in kaum einem seiner Romane zuvor, die Zwischentöne menschlicher Begegnungen, die Wahrnehmung von Zeit, die unbewussten Gedanken, Strategien und Gefühle, die uns alle ausnahmslos heimsuchen, sichtbar zu machen, in eine literarische Sprache zu übersetzen, die den eigentlichen Plot schnell vergessen lässt.
Fast alle Ich-Erzähler in Mariás’ Romanen sind beruflich mit dem Erzählen, mit den Tücken und Möglichkeiten von Sprache beschäftigt, sie sind Sprachlehrer, Übersetzer, Ghostwriter oder Dolmetscher. So auch Jaime Deza. Dass auch ein Marías-Leser mehrere Namen und Identitäten zu besitzen scheint, zeigt dessen Widmung, die er mir bei einer Lesung im Hamburger Literaturhaus in Gift und Abschied und Abschied schrieb, trotz meines fest in der spanischen Sprache verankerten Namens:
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