Die letzte Ölung

geposted von julian
27.05.2010 16:00
Das Sonderherft der 11Freunde zur Fußball-WM in Südafrika ist gespickt mit guten Geschichten und es ist überfüllt mit Werbung. Auf 166 Seiten verliert der Leser die Lust am Umblättern. julian hat es trotzdem getan.


  „Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Aber es glänzt auch nicht alles was Gold ist“, wusste schon der Fußballweise Friedrich Hebbel.
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Es ist das Jahr 2000. Bundestrainer Erich Ribbeck erklärt, warum die Damen auf ihn fliegen und fliegt selbst mit seinen Männern nach der Vorrunde nach Hause. Frankreich wird Europameister und Philipp Köster und Reinaldo Coddou bringen die erste Ausgabe der 11Freunde auf die Küchen- und Kickertische deutscher Fußballfans.
Ein Magazin für Fußballkultur soll es werden. Den Fußballsport als Initiator, die Entwicklung des Fußballs im öffentlichen Diskurs zum Kulturgut im Rücken, etablieren sich Köster und Coddou mit ihrem Magazin am Markt. Außergewöhnliche Geschichten und ein süffisanter bis bissiger Humor zeichnen das Heft aus. Schnell wird aus dem Geheimtipp mit den etwas anderen Stories eine der größten und angesehensten deutschen Zeitschriften zum Thema Fußball. Die Leserschaft, das ist nicht der einfache Fußballfan, sondern das ist der gesellschaftspolitisch Interessierte, der eher fußballaffin als Fußballfan sein sollte.
10 Jahre ist das her. Mit großem Tam-Tam feierten die 11Freunde vor einiger Zeit ihre 100. Ausgabe. Die gut recherchierten Geschichten, erstklassige Fotografien und die gewisse Selbstironie sind geblieben. Was aber dazu gekommen ist, ist die kommerzielle Vermarktung des Heftes in einer Art und Weise, die das Lesen beinahe unmöglich macht. Treue Leser loben immer noch die stets gute Qualität der Beiträge, beschweren sich aber zusehends - auch öffentlich auf der 11Freunde-Webseite - über die Quantität der Werbung. Dabei ist der fußballaffine Mensch eigentlich doch abgehärtet, wenn es darum geht, Werbung zu ignorieren oder schweigend über sich ergehen zu lassen. Und niemand vermag sich der Illusion hinzugeben, dass sich ein Heft wie die 11Freunde ohne Werbung finanzieren kann.

Mit dem WM Sonderheft (Heft # 103 vom Juni 2010, 4,90 Euro) sind die Macher des Blattes aber über das Tor hinaus geschossen. Auf 166 Seiten schlägt sich der Leser, der in dieser Ausgabe zum Betrachter degradiert wird, durch 45 ganzseitige Werbeanzeigen, 11 halbseitige Anzeigen, 9 viertelseitige Anzeigen. Er wird beim Aufschlagen von einer heftumfassenden Werbebanderole in die - natürlich - mit einer Werbedoppelseite bedruckten Heftmitte gelenkt und ihm fallen 3 Werbeeinleger in den Schoß. Außerdem werden die 50 wichtigsten Spieler der WM von einer Firma präsentiert, die Schmierstoffe herstellt. Die letzte Ölung. Mehr kann man einem Zeitschriftenleser nicht zumuten.

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